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Prostitution

Tun Sexarbeiterinnen ihre Arbeit gern?

Von Antonia Baum
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Die sogenannte Podiumsdiskussion, welche Alice Schwarzer zur Vorstellung ihres Buches „Prostitution - ein deutscher Skandal“ in Berlin einberufen hatte, sie war der Bezeichnung nach wirklich ein Witz, ein Diktatorinnen-Witz, den man nur im Stande ist zur Aufführung zu bringen, wenn man entweder verrückt oder knallhart kamikazemäßig drauf ist. Es ist sehr langweilig und überhaupt nicht weiterführend, über Alice Schwarzer zu schimpfen, und darum soll es hier auch nicht gehen, aber die Geschichte lässt sich ohne Alice Schwarzer nicht erzählen, weil sie es ist, die „die Prostituierten“ (alle, unterschiedslos) retten will, die für sie immer Opfer sind.

Zurück auf das Podium am vergangenen Donnerstag: Da oben sitzen also mit Alice Schwarzer, welche, klar, die Diskussion moderiert, vier Menschen, die Schwarzers Meinung sind, nämlich die Mitautorin des Buches, eine Sozialarbeiterin, die einen Prostituiertentreff leitet, eine ehemalige Prostituierte und ein Kriminalhauptkommissar - allesamt von Schwarzer rekrutiert, um Schwarzer ihre Meinung zu sagen, was genauso voraussehbar wie unglaublich ist, weil im Publikum so viele Menschen sitzen, die ganz anderer Meinung sind, die aber nicht gehört werden dürfen, weil sich die Buchvorstellerin eben absolut sicher ist, was die richtige Meinung ist.

Während, äh, diskutiert wird, das heißt, während man sich auf der Bühne gegenseitig versichert, rufen einige im Publikum dazwischen, ein paar Frauen versuchen, indem sie ein Banner vor sich her tragen, auf welchem „Mein Beruf gehört mir“ geschrieben steht, auf sich aufmerksam zu machen, aber sie werden sofort von Ordnern abtransportiert, weil sie anderer Meinung sind und das Einerlei da oben nicht stören sollen.

Finden nach Zahlen

Und das ist überhaupt der zentrale Schwachsinnspunkt in der Debatte um die Frage, ob Prostitution nun verboten gehört oder nicht, ob Männer Frauen Sex abkaufen dürfen (denn einzig um dieses Modell geht es Schwarzer) und schließlich sehr schlicht: ob man Prostitution richtig oder falsch findet - ja, der zentrale Schwachsinnspunkt ist, dass es um richtig und falsch und um finden geht. Mehr so eine Gefühlssache also, verlässliche Zahlen gibt es kaum, weder über die Anzahl der in Deutschland arbeitenden Prostituierten noch über deren Herkunft, und folglich lässt sich auch nur schwer beantworten, wer was, warum und wie freiwillig tut.

Alice Schwarzer schmiss bislang mit bemerkenswerten Zahlen um sich, von denen kein Mensch weiß, woher sie die eigentlich hat: 90 Prozent der Prostituierten wollten aussteigen, weiß sie, außerdem würden ebenfalls 90 Prozent des deutschen „Frischfleisches“ aus Osteuropa kommen, und grundsätzlich sei es so, dass „über 90 Prozent“ der Prostituierten schon als Kinder missbraucht worden seien. Diese extrem entschlossene Finderei ist also das Merkmal der Debatte, wie auch der Auseinandersetzung auf dem Podium, welche ja ursprünglich von dem allergrößten Meinungs-Finder-Zusammenschluss angestoßen wurde, nämlich mit der Unterzeichnung des „Emma“-Appells gegen Prostitution von Prominenten. Schon da fragte man sich, ob man selber oder die Unterzeichner die Welt nicht mehr verstehen, denn woher wissen Margot Käßmann, Senta Berger, Maria Furtwängler und Frank Schätzing so absolut sicher, was richtig ist und wie die Realität von „den Prostituierten“ zu beurteilen ist? Wie schafft man so etwas?

Wer ist eigentlich „wir“ und „die“?

Denn wenn man beginnt, darüber nachzudenken, stürzt einem doch fast der Kopf ein unter dem großen Fragegewicht: Gibt es Menschen, die Prostitution wie einen normalen Beruf betrachten? Ja, es gibt sie. Tut ihnen das nicht trotzdem weh, hinterlässt das nicht Schäden? Darf man überhaupt für einen anderen Menschen entscheiden, dass er etwas nicht tun darf, weil er einen Schaden davon bekommen könnte? Was ist ein Schaden überhaupt? Tun Sexarbeiterinnen ihre Arbeit gerne, freiwillig, weil sie es müssen? Wann kann man das, was man tut, freiwillig nennen? Geht irgendjemand freiwillig putzen? Ist eine Tätigkeit, die man tun muss, um Geld zu verdienen, immer noch freiwillig? Ist Arbeit überhaupt etwas Freiwilliges, und wäre es nicht viel konsequenter und hilfreicher, Alice Schwarzer würde das bedingungslose Grundeinkommen fordern?

Das aber würde Alice Schwarzer niemals einfallen, die immer noch auf dem Podium sitzt und in Zusammenarbeit mit ihren Gästen Frontalunterricht abhält, ganz egal, ob an den Seiten der Ränge Mitglieder des „Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen“ stehen und protestieren. Sie haben den Gegen-Appell „PROstitution“ formuliert und fordern die Beteiligung von „Sexarbeiter/innen“ an politischen Prozessen, die sich mit dem Thema Prostitution befassen. Sie wollen weder eine Ausweitung der Polizeibefugnisse noch eine Kriminalisierung der Kunden. Sie sind für Aufklärung statt Verbot, für staatlich geförderte Weiterbildungsmaßnahmen und für einen respektvollen Umgang mit Prostituierten. In ihrem Faltblatt schreiben sie: „Alle reden über uns, aber niemand redet mit uns. (. . .) Wir sind keine Opfer! Wir sind Menschen, die selbstbestimmt ihren Beruf gewählt haben, wie andere das auch tun.“ Aber wer ist jetzt genau „wir“? Man weiß es nicht. Alle Prostituierten? Alle, die sich selbstbestimmte Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter nennen?

In Schwarzers Kategorien aber sind solche Frauen, die dort absolut intakt und stark stehen, nicht denkbar. Sie existieren nicht, sie machen sich in ihrer Vorstellung wahrscheinlich etwas vor oder sind sonst wie geschädigt, was natürlich eine maximale Entmündigung dieser Frauen ist, aber solche Frauen dürfen offenbar entmündigt werden, solange es Schwarzers ideologischem Superziel dient: eine Welt, in der Männer Frauen nicht für Sex bezahlen dürfen, was für sie gleichbedeutend ist mit: Männer dürfen Frauen nicht kaufen, womit Prostitution ja sofort in die Nähe von Leibeigenschaft gerückt wird.

Schwarzer sieht in der Prostitution eine besonders hässliche Ausprägung des Patriarchats, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es, wenn es um Sex und Geld geht, auch immer um Macht geht. Und es ist ebenso falsch, diesen potentiell schädlichen Zusammenhang auszublenden, wie, einseitig auf ihm herumzuhüpfen. Dennoch mag er für manche Prostituierte absolut stimmen. Davon erzählt die Sozialarbeiterin auf der Bühne glaubhaft und im Unterschied zu Schwarzer auch differenziert: Die Frauen, mit denen sie in Stuttgart zu tun habe, seien arm, jung, nicht selten krank, sie sprächen kaum Deutsch und seien Prostituierte, weil sie es müssten. Sie, die Sozialarbeiterin, habe ihnen von Prostituierten berichtet, die diesen Job machten, weil sie es wollten, und das hätten diese jungen Frauen einfach nicht glauben können.

Freier sind Schweine?

Der Hauptkommissar beschreibt seine Durchschnittsprostituierte: Sie sei zwischen 18 und 20 Jahren alt und komme aus Osteuropa. Dann rufen die PROstitutions-Aktivistinnen wieder: So ist das nicht, die Realität ist eine andere. Auch, wenn sie an diesem Abend nicht gehört werden, sagen sie, Prostitution sei weder Sklaverei (komischer Vergleich tatsächlich) noch Menschenhandel, geschehe sie gegen den Willen der Frauen, handele es sich um einen Straftatbestand. Wie soll man darüber verhandeln, ohne Genaueres zu wissen? Was denken die Prostituierten, die abgerissen und drogenabhängig an der Berliner Kurfürstenstraße stehen und an diesem Abend überhaupt nicht vertreten sind? Was würden die jungen Frauen sagen, von welchen die Sozialarbeiterin berichtet hat?

Auch hier wieder: eine Gruppe, eine und natürlich die richtige Meinung. Eine junge Frau zieht, anders als die Femen, welche als Schwarzer-Unterstützung im Publikum sitzen, nicht ihr T-Shirt aus, sondern die Hose runter und läuft mit nacktem Po über die Bühne, was zu Juhu- und Buh-Rufen führt, und nachdem man sich dann, mit kurzen Unterbrechungen, lange genug einig war, werden noch ein paar Wortmeldungen zugelassen: Ein Mann im Rollstuhl erzählt, dass er regelmäßig zu Prostituierten gehe und es schon mehrfach erlebt habe, dass eine Prostituierte ihn wegen seiner Behinderung abwies, worin er einen selbstbestimmten Akt sehe. Er könne das Elend, welches auf der Bühne beschrieben wurde, nicht erkennen. Ferner sei er kein Schwein, ferner seien nicht alle Freier Schweine.

Die Probleme heißen: Sexismus, Rassismus, Armut

Ziemlich genau das Gegenteil möchte Schwarzer in Zukunft in den Köpfen dieses Landes als Meinung installieren: Freier sollen geächtet werden. Ächtung - was ist das für eine Hexenverbrennungsvokabel in dem demokratischen Rechtsstaat, in welchem wir leben, wie Schwarzer unablässig betont? Sie guckt auf den Mann im Rollstuhl herunter und erinnert ihn völlig grotesk daran, dass er als Behinderter auch andere Möglichkeiten habe, um sexuell erfüllt zu leben, und außerdem wären jetzt auch mal die anderen dran. Zack, Nächster. Eine Frau erzählt, dass sie schon lange als Prostituierte arbeite. Sie komme aus Bulgarien und habe noch nie eine Frau getroffen, die zur Prostitution gezwungen würde, was Schwarzer überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen will, wie sie auch alle weiteren Wortmeldungen, die folgen, nicht hört, sondern die Diskussion, die zu diesem Zeitpunkt des Abends vielleicht annähernd eine genannt werden dürfte, ganz schnell zusammenfaltet und abbricht.

Später laufen etwa zwanzig Menschen, überwiegend Frauen, auf der Suche nach einer Bar durch die Straßen Schönebergs. Viele von ihnen nennen sich Sexarbeiter und sind ziemlich sauer. Eine von ihnen heißt Paulita Pappel und redet so schnell und klug und kraftvoll, dass man sich wünscht, sie hätte auf dem Podium gesessen und diskutiert. Sie ist die Frau, welche vorhin ihren Po gezeigt hat. Ihre Mutter ist eine Alice-Schwarzer-Feministin, Paulita kommt aus Spanien und ist 25 Jahre alt. Gerade beendet sie ihr literaturwissenschaftliches Studium. „Als ich 17 Jahre alt war, habe ich auch so gedacht! Ich war gegen Prostitution. Jetzt verdiene ich mein Geld als Prostituierte und spiele in Pornos mit. Ich arbeite vier Tage und kann davon drei Monate leben. Das ist doch super! Ich musste vorhin auf die Bühne gehen und meinen Po zeigen, weil die Diskussion so dumm und einseitig ist. Prostitution ist nicht das Problem. Das Problem ist Sexismus, Rassismus und Armut! Darüber muss man reden!“

Eine andere junge Frau, von der man denkt, dass sie bestimmt Räucherstäbchen und indische Figuren zu Hause stehen hat, erzählt: „Ich massiere lieber einem Mann mit Hingabe den Schwanz, als an der Kasse zu sitzen.“ An der Kasse sitzen, putzen, Leuten irgendwelchen Mist andrehen, bei Douglas oder so, auf stupideste Weise dieses menschenfeindliche kapitalistische Drecksrad am Laufen halten - ist das nicht auch total schädlich für den Kopf? Macht das irgendwer echt freiwillig? Und ist das nicht eine absolut zulässige Frage, wenn man Zwangsprostitution, Menschenhandel und Prostitution trennt?

Ein Sexualtherapeut, der auch irgendetwas mit sexuellen Massagen arbeitet, berichtet in der Kneipe von seinen vielen total netten, aber kaputten Erfolgsklienten mit Karriere. Er würde denen auch manchmal raten, in den Puff zu gehen. Immer funktionieren, dauernd Sex überall, den man zu Hause meistens nicht bekomme, das frustriere ungeheuer. Unsere Gesellschaft sei wie ein Dampfkochtopf und die Sexarbeiterinnen das Ventil. Vielleicht, nein sicher, müsste Alice Schwarzer, wenn sie nicht Alice Schwarzer wäre, die Abschaffung dieser Gesellschaft fordern.

Quelle: F.A.S.
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