Putin zeichnet Gräuel aus

Mördergarde

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
19.04.2022
, 16:37
Eines von vielen Begräbnissen in Butscha am 18. April 2022, nachdem die russischen Truppen dort brutal gegen Zivilisten vorgegangen sind.
Die Welt hat gesehen, welche Gräueltaten russische Soldaten in Butscha verübt haben. Was macht Putin? Er zeichnet die Mörder aus. Sein Vernichtungswille ist total.
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„Die gezielte Folter und Tötung von Journalisten muss gestoppt werden.“ Darauf lautet die „Erklärung von Perugia für die Ukraine“, welche die Europäische Journalistenföderation (EFJ) und weitere Journalistenverbände aus aller Welt vor ein paar Tagen nach einem Treffen in Umbrien verabschiedet haben.

Die Erklärung richtet sich an Wladimir Putin und die russische Armee. „Das Angreifen, Foltern und Töten von Journalisten ist abscheulich und muss gestoppt werden“, heißt es. „Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen und nach nationalem und internationalem Recht vor Gericht gestellt werden. Auch bösartige Online-Angriffe auf Nachrichtenorganisationen und einzelne Journalisten müssen aufhören. Wir verurteilen die Angriffe Russlands auf die Presse- und Meinungsfreiheit in der Ukraine auf das Schärfste.“

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Festgenommen und ermordet

Mindestens ein Dutzend Journalisten ist im Ukrainekrieg schon getötet worden. Im Fall des litauischen Regisseurs Mantas Kvedaravičius ist bekannt, dass ihn russische Soldaten in Mariupol festnahmen und dann ermordeten. Wie die russische Armee Jagd auf Journalisten macht, berichteten die Reporter Mstyslav Chernov und Evgeniy Maloletka, die am 15. März aus der inzwischen von den Russen fast vollständig eroberten und zerstörten Stadt fliehen konnten. „Wenn sie euch schnappen, werden sie euch vor die Kamera zwingen, um zu sagen, dass alles, was ihr gefilmt habt, eine Lüge ist“, sagten ukrainische Soldaten, die die Reporter in Sicherheit brachten. „All euer Einsatz, alles, was ihr in Mariupol getan habt, wäre umsonst gewesen.“

Nur eine Facette der Vernichtung

Die Jagd auf Journalisten ist allerdings, wie wir spätestens seit dem Bekanntwerden des Massakers von Butscha wissen, nur eine Facette der „Strategie“ der russischen Armee, die in nichts anderem besteht als – Vernichtung. Mord, Folter, Vergewaltigung, Plünderei, das zeichnet diese „Armee“ aus. Die vielfachen, beweiskräftigen, unabhängigen Berichte über ihre Taten bezeichnet die russische Führung nicht nur als „Fake“, ohne selbst etwas Belastbares anzuführen. Der russische Präsident ehrt die „Soldaten“, die sich an Zivilisten vergangen haben, sogar noch.

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Selenskyj
„Schlacht um Donbass“ hat begonnen
Video: Reuters, Bild: Reuters

Die 64. motorisierte Infanteriebrigade der russischen Armee, die für die Gräueltaten in Butscha verantwortlich gemacht wird, darf sich nun „Garde“ nennen. Ihre Mitglieder hätten „Heldentum und Tapferkeit, Entschlossenheit und Mut“ gezeigt. „Das geschickte und entschlossene Vorgehen des ganzen Personals“ dieser Brigade „während der militärischen Spezialoperation in der Ukraine“ sei „Vorbild für die Ausführung der militärischen Pflichten, für Mut, Entschlossenheit und große Professionalität“, sagte Putin.

Was er auszeichnet, ist professionelle Vernichtung. Über deren Opfer berichten Augenzeugen und Reporter. In der „New York Times“ beschreibt die Reporterin Carlotta Gall den „Monat des Terrors in Butscha“ (Bucha’s month of terror) und geht den Geschichten einzelner Morde und Terrorakte nach. Eine Mutter, die für ihre Familie eine Thermoskanne mit Tee holt, wird von einem russischen Scharfschützen erschossen. Zwei alte Frauen sterben in ihrem Haus, die eine wird an der Türschwelle von Kugeln getroffen, die Leiche ihrer geistig behinderten Schwester wird zusammengekauert in der Küche gefunden. Ein junger Mann wird auf der Yablonska-Straße angeschossen und kämpft eine ganze Nacht lang mit dem Tod. Im Kartoffelkeller ihres Schuppens finden Anwohner nach dem Abzug der Russen die Leiche einer Frau im Pelzmantel. Darunter ist sie nackt, mit gespreizten Beinen sitzt sie da, man hat ihr in den Kopf geschossen, im Haus finden sich benutzte Kondome.

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Das sind die „Heldentaten“ von Putins „Garde“. Dass alle gejagt werden, die darüber berichten, verwundert nicht.

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Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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