Rapper führt Sender Rai vor

Zensur im Mai

EIN KOMMENTAR Von Karen Krüger
04.05.2021
, 09:24
Der Rapper Fedez ist in Italien eine große Nummer. Bei einem Konzert zum 1. Mai warf er der Rai Zensur vor. Der Sender wies das brüsk zurück. Doch Fedez hat einen Beleg.

Einen Eklat auf mehreren Ebenen hat der italienische Rapper Fedez mit seinem Auftritt beim 1.-Mai-Konzert des Senders Rai ausgelöst. Er nutzte ihn für einen Appell an Mario Draghi zur besseren Unterstützung des Kultur- und Unterhaltungssektors und um für einen Gesetzentwurf gegen Homo- und Transphobie zu werben, den Matteo Salvinis rechte Lega seit Monaten blockiert.

„Lieber Mario“, sagte Fedez zunächst in Richtung des italienischen Ministerpräsidenten, „ich verstehe, der Fußball ist für die große Anzahl von Mitarbeitern, die er involviert, fundamental, aber lassen Sie uns nicht vergessen, die Anzahl der Mitarbeiter in der Unterhaltungsbranche ist etwa die gleiche.“

Dann kam Fedez auf das sogenannte Zan-Gesetz zu sprechen, das unter anderem hohe Geld- und Freiheitsstrafen für Diskriminierung aufgrund des Geschlechts vorsieht. Er verlas eine Reihe von homophoben Äußerungen von Lega-Abgeordneten und griff Salvini harsch für die Haltung seiner Partei an. Das Ganze krönte er mit dem Vorwurf, die Rai habe zunächst verhindern wollen, dass er diese Rede auf der 1.-Mai-Bühne hält.

Die Reaktion der Rai kam prompt. Sie bestritt den Zensurvorwurf, woraufhin Fedez tags darauf einen Videomitschnitt des Telefongesprächs zwischen ihm und leitenden Rai-Mitarbeitern veröffentlichte, das seine Version teilweise bestätigt: In dem Video legt Fedez dar, was er sagen will. Seine Gesprächspartner versuchen ihm das auszureden – der Anlass sei nicht angemessen für eine solche Einlassung. Am Ende legt der Musiker wütend auf.

Nun ist Fedez nicht nur ein bekannter Rapper, sondern neben seiner Ehefrau Chiara Ferragni auch noch der zweitwichtigste Influencer Italiens. Und die Rai ist nicht irgendeine Sendeanstalt, sondern eine öffentlich-rechtliche. Gemessen an ihrer Reichweite, ihrem Umsatz und der Anzahl ihrer Mitarbeiter, ist sie das größte Kulturunternehmen im Land. Entsprechend heftig ist die öffentliche Debatte, die jetzt dort tobt.

Vor allem die Tatsache, dass die Rai sich von Künstlern offensichtlich vorab deren Texte zur Genehmigung vorlesen lässt und nach parteipolitischen Überlegungen urteilt, stößt auf Kritik: Die Rai stecke in Arbeitsmethoden aus den sechziger Jahren fest. Sie müsse sofort und tiefgreifend reformiert werden, lautet der Tenor vieler Einlassungen.

Der ehemalige Ministerpräsident Conte schrieb auf Twitter, dies sei der richtige Zeitpunkt, um eine Stiftung zu gründen und die Rai von der „Einmischung der Politik zu befreien“. „Ein demokratisches Land kann keine Form von Zensur akzeptieren“, kommentierte Außenminister Di Maio. Dass der Eklat tatsächlich zu einer Reform der Rai führen wird, ist unwahrscheinlich. Man ist dort sehr geübt darin, Kritik einfach auszusitzen. Was Fedez aber erreicht hat, ist, dass die breite Öffentlichkeit nun über das Zan-Gesetz spricht. Im Programm der Rai war das nicht vorgesehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton.
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