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Reihe „Mein Fenster zur Welt“

Lasst eure Handys am Schabbat an!

Von Sarah Stricker, Tel Aviv
Aktualisiert am 05.04.2020
 - 14:59
Wer die Angst nicht ernst nimmt, verliert: Am Strand von Tel Aviv. zur Bildergalerie
Israel ist immer im Ausnahmezustand, doch Corona ist eine ganz andere Herausforderung: Das Virus nimmt den Menschen die Nähe.

In meine Wohnung verliebt habe ich mich wegen des Baums vor dem Fenster. Ich glaube, es ist eine Feige, sicher bin ich mir nicht, und der sich in Botanik auskennende Freund, dem ich vor Stunden eine SMS geschickt habe, hat Zwillinge, mit denen er nur noch zehn Minuten am Tag hinausdarf; er hat wahrscheinlich anderes zu tun, als Nachrichten zu beantworten. Als ich einzog, reichte der Baum gerade so zu mir in den zweiten Stock. Bis zum Sommer nahm er schon die ganze Fensterfront ein. Es gefiel mir, wie am Morgen die Sonnenstrahlen durch die Zweige schimmerten. Es gefiel mir, wie am Abend die Blätter in der vom Meer heraufziehenden Brise raschelten. Aber vor allem gefiel mir, dass der Baum Abstand zwischen mich und die Welt brachte, dass er mir die Blicke und Stimmen und Verkehrsgeräusche Tel Avivs etwas vom Leibe hielt. Hinter dem Baum war ich vor Ablenkungen geschützt, konnte ich mich ganz aufs Schreiben konzentrieren.

Doch je länger das Virus das tägliche Leben im Schwitzkasten hält, desto mehr wird der Schutz zu einer Barriere.

In den vergangenen drei Wochen war ich vier-, vielleicht fünfmal vor der Tür, meist nachts, um möglichst wenigen Menschen zu begegnen. Seit Anfang März müssen sich Israelis, die im Ausland waren, für vierzehn Tage in häusliche Quarantäne begeben. Der Mann, mit dem ich mein Leben teile, war es. Dann bekam er einen Schnupfen – keinen Husten, kein Fieber. Aber sicherheitshalber ging ich doch nicht mehr zu der sechsundneunzigjährigen Dame, die ich sonst einmal die Woche besuche. Und auch nicht mehr zu der Freundin mit dem dreijährigen Sohn, die gerade wieder schwanger werden will. Und als die Nachrichten immer mehr einem Horrorfilm zu gleichen begannen, blieb ich ganz zu Hause. Der Mann war gerade wieder genesen, da verhängte Israel eine weitgehende Ausgangssperre und verlängerte damit unsere Isolation auf unbestimmte Zeit. Seither ist meine nicht-virtuelle Welt auf das bisschen Leben zusammengeschrumpft, das sich durch die Baumkrone erkennen lässt.

Der Flughafen war immer heilig

Inzwischen darf man sich nur noch hundert Meter von seiner Wohnung entfernen. Die Läden sind geschlossen. Der Flugverkehr, der sonst direkt über mir hinwegzieht, ist fast komplett eingestellt – für Israel ein Tabubruch. Der Ben-Gurion-Flughafen als Tor zur Welt war immer heilig, musste offen bleiben, um jeden Preis. So still war der Himmel über mir das letzte Mal während des Krieges 2014, und selbst da wurde nur die Anflugschneise geändert, der Betrieb selbst ging weiter wie zuvor.

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Lasst eure Handys am Schabbat an!

Die Baustelle gegenüber ist verwaist, weil die palästinensischen Arbeiter nicht mehr herkommen können – auch das etwas, das ich nur aus Krisenzeiten kenne. Was neu ist: Nicht nur die Israelis schließen Checkpoints; zum ersten Mal schotten sich auch die Palästinenser ab. Die Autonomiebehörde lässt israelische Araber nicht mehr ins Westjordanland. Die Hamas hat Proteste am Sperrzaun verboten.

Gleichzeitig berichten arabische Seiten von einem Tweet, der unter palästinensischen Nutzern die Runde macht: „Gaza is the safest place in the world“ (bis vor kurzem gab es, zumindest offiziell, keinen einzigen Infizierten in der Enklave, mittlerweile, Stand Donnerstag, werden zwölf gezählt). Es sind Schlagzeilen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie lesen würde. Genauso wenig wie diese hier. Die beiden Oberrabbiner Israels appellieren an die ultraorthodoxe Gemeinde: Lasst eure Handys am Schabbat an! Oder: Der Geheimdienst Mossad schleust aus einem nicht genannten Golfstaat 100.000 Corona-Testkits ins Land. Aber auch: Die Epidemie verbindet – israelische und palästinensische Behörden arbeiten im Kampf gegen das Virus enger zusammen denn je. Eine Näherei im Gazastreifen produziert Atemmasken für Israel. Israelische Ärzte geben Online-Tutorials für palästinensische Kollegen.

Die Welt ist im Ausnahmezustand. Corona sei die größte Krise unserer Zeit, heißt es. Ist man darauf besser vorbereitet in einer Gegend, die ohnehin fast immer im Krisenmodus läuft? In der der Ausnahme- der Normalzustand ist? Deutsche Facebook-Freunde haben in den letzten Tagen einen Post geteilt: „Eure Großeltern mussten in den Krieg ziehen. Von euch wird nur verlangt, dass ihr auf dem Sofa bleibt. Ihr schafft das.“

Endlich eine eigene Gasmaske

In Israel trifft das nicht nur auf die Großeltern zu. Fast alle Menschen meines Alters, Frauen wie Männer, haben im Militär gedient, viele waren in zwei, drei, manche in vier Kriegen an der Front. Dazu kommt die ständige Bedrohung durch den Terror. Das Wort „Anschlag“ war eins der ersten hundert Wörter, die ich auf Hebräisch gelernt habe. Als ich vor einer Weile meinen dauerhaften Aufenthaltstitel erhielt, beglückwünschte mich eine Bekannte – jetzt bekäme ich endlich meine eigene Gasmaske. Ein echtes Sicherheitsgefühl gibt es hier nicht.

Macht es das leichter, mit der Situation umzugehen? Oder schwerer? Wenn in Israel wieder Raketen fliegen, jemand wahllos in ein Café schießt oder in eine Menschenmenge rast, verstummt das öffentliche Leben meist nur kurz. Fast immer sind die Bars schon am Tag darauf wieder gefüllt, gehen die Israelis ungerührt weiter aus, mit einer fast trotzigen Pose. „Dafka“, sagen sie, „jetzt erst recht“. Terroristen wollen Angst verbreiten. Wenn man dieser Angst nachgibt, gewinnt der Terror – so sehen es die meisten.

Das Virus raubt uns die Nähe

Nur, im Umgang mit Corona funktioniert das nicht: Wenn man die Angst nicht ernst nimmt, sich weigert, seinen Alltag zu verändern, verliert nicht das Virus, sondern der Mensch. „Dafka“ ist hier im schlimmsten Falle tödlich.

Vor allem raubt das Virus den Leuten, worauf sie sich sonst noch in jeder Konfliktlage verlassen konnten: die Gemeinschaft. In den zehn Jahren, die ich hier lebe, habe ich mehr als ein Dutzend Mal die Sirenen heulen gehört. Nie war ich allein. Oft saß ich mit völlig Fremden im Bunker, hörte, wie sie zusammen gegen den Schreck anredeten, sah, wie sie Älteren die Treppe hinunterhalfen, schreiende Kinder auf den Arm nahmen, spürte, wie sie einander, ganz wörtlich, beistanden.

Corona nimmt uns diese Nähe. Meine sozialen Kontakte beschränken sich auf Lieferanten, die Essen vor meiner Tür abstellen, klopfen und, bis ich aufmache, schon wieder weg sind. Hie und da nutzt die Freundin mit dem dreijährigen Sohn ihre zehn Minuten im Freien und läuft mit ihm an meinem Haus vorbei. Gestern standen die beiden unter dem Baum und sangen ein Kinderlied. Ansonsten gibt es keinerlei Ablenkungen – so wenige, dass es in manchen Momenten ziemlich schwer ist, noch einen klaren Gedanken zu fassen.

Quelle: F.A.Z.
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