Das sparende Spanien

Dann werden wir eben Weltmeister

Von Paul Ingendaay, Madrid
13.06.2010
, 08:36
Zapatero mit Schere: Protest in Spanien
Wenn selbst der Schneider des Königs arbeitslos ist, wissen die Spanier, was ihnen bevorsteht, und rüsten sich für die Talfahrt. Fluchen ist erlaubt, Jammern verpönt.
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Den Farbprospekt über den Räumungsverkauf, den er der Tageszeitung beilegen lässt, nutzt ein iranischer Teppichhändler in Madrid auch dazu, seine Geschichte zu erzählen. Dort, wo er seit fünfundzwanzig Jahren sein Geschäft hat, nahe am Bernabéu-Stadion, beschloss die Stadt, einen Sicherheitsausgang für die Metro zu bauen. Dadurch musste der Teppichhändler mehr als vier Jahre lang eine hässliche Baugrube, Holzplanken und infernalischen Lärm vor seiner Ladentür ertragen, und je weiter der Bagger in die Erde vorstieß, desto tiefer rutschte sein Absatz. „Nach einem langen Kampf mit den Banken“, heißt es im Prospekt in großen roten Lettern, „sahen wir uns gezwungen, Insolvenz anzumelden.“

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Banken hatten in Spanien noch nie einen guten Ruf, doch inzwischen nennt man sie als Mitzocker und vermeintliche Verursacher des Übels beim Namen. Ihre Kommissionsforderungen waren schon immer unverschämt und die gewährten Zinsen erbärmlich. Zu schweigen von der sichtbaren Bevorzugung reicher Kunden, die auch in Kleinigkeiten bessere Bedingungen aushandeln können. Doch anders als in Deutschland, wo rund achtzig Prozent des Wohnraums gemietet werden, wohnen vier von fünf Spaniern im Eigenheim und nehmen deshalb schon in jungen Jahren die Finanzierung ihrer Immobilie in Angriff. Der Kreditvertrag mit variablen Zinsen stellt also den traditionellen Begleiter des Spaniers vom frühen Erwerbsleben bis zur Pensionsgrenze dar. Die Bank gibt, die Bank nimmt.

Die Kassen leer, die Gräben tief

Jetzt, wo die internationale Finanzwelt von den hochverschuldeten PIIGS-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien) spricht, die den Euro in Gefahr brächten, gilt es im Kopf zu behalten, dass das Leben auf Pump in Spanien seit langem Alltag ist. Leben, so könnte man sagen, heißt hier: Schulden machen. Warenhäuser, Reiseveranstalter, auch die Banken selbst ermuntern ihre Kunden dazu, teure Konsumartikel auf Raten zu kaufen und die Sorgen auf morgen zu verschieben.

Seit einem Jahr pausiert sein Schneider: Auch König Juan Carlos - hier mit dem spanischen Ministerpräsidenten Zapatero - muss sparen
Seit einem Jahr pausiert sein Schneider: Auch König Juan Carlos - hier mit dem spanischen Ministerpräsidenten Zapatero - muss sparen Bild: dpa

Wenn im europäischen Vergleich vom Defizit der Staatshaushalte die Rede ist, erscheint allerdings nicht immer das vollständige Bild. In Spanien kommen zu einem mit 51 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldeten öffentlichen Haushalt die schwer belasteten Privathaushalte (Schulden in Höhe von 89 Prozent des Bruttoinlandsprodukts), die Finanzinstitute (107 Prozent) sowie die sonstigen Unternehmen (143 Prozent). Macht zum Ende des Jahres 2009 eine Gesamtverschuldung von 390 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: Deutschland lag Ende des Jahres bei 203 Prozent, Italien bei 233 und Großbritannien bei 283 Prozent.

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Der spanische Sumpf ist also besorgniserregend, viele Bürger haben einen solchen Ernstfall noch nie gesehen. Der auf Brüsseler Ermahnungen hin durchs Parlament gepeitschte Sparhaushalt - in den Medien „der große Schnitt“ genannt - markiert nicht nur den Tiefpunkt des Ansehens von Ministerpräsident Rodríguez Zapatero, sondern gilt als bitterste wirtschaftspolitische Maßnahme, seit Spanien zur Demokratie wurde. Dass in besonnenen Meinungsartikeln vergeblich zur Solidarität ermahnt wird, ist freilich kein Krisensymptom, sondern politische Normalität. Spanien streitet nun einmal. Jedes Thema ist dafür gut, den Graben zwischen links und rechts zu vertiefen. Angesichts der Lage und einer möglichen Handlungsunfähigkeit der Zapatero-Regierung im kommenden Herbst lässt es sich die konservative Opposition nicht nehmen, den Parteienstreit über das Wohl des Landes zu stellen. Auch die Regierung hat begriffen, dass sie vom Sessel rutscht. Zapateros Stellvertreter José Blanco versuchte sogar, die sozialistische Sparpolitik in einer berüchtigten Klatsch- und Radausendung im Fernsehen unters Volk zu bringen. Man nahm es als Verzweiflungstat.

Krisengeschichten haben Konjunktur

Von der Immobilienbranche ist keine Rettung zu erwarten. In den Bilanzen von Bauträgern, Maklern und Banken schlummern Passiva gruseligen Ausmaßes, und wegen allzu lässiger Risikovorsorge der Geldinstitute könnte das wahre Drama um notleidende Kredite noch kommen. Rund eine Million Wohneinheiten sollen in Spanien leer stehen. Banken, die von zahlungsunfähigen Bauherren Wohnflächen übernehmen mussten, und Immobilienfirmen, die massenhaft neugebaute, aber nicht verkaufte Einheiten abstoßen wollen, machen sich auf einem reglosen Markt erbitterte Konkurrenz. José Luis Calderón, Leiter der Deutschen Hypothekenbank in Madrid, erkennt noch längst keine Wende zum Besseren, auch wenn er bei gewerblichen Immobilien eine zögernde Belebung wahrnimmt. „Das spanische Preisniveau war überzogen“, sagt er, „es ist nicht nachvollziehbar, dass der Quadratmeter Wohnfläche in Burgos 2800 Euro kostet und in Hannover nur die Hälfte. Hannover ist nicht München, aber verglichen mit Burgos ist es eine Metropole.“

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Wie fühlt sich bei alldem der Durchschnittsspanier? Zunächst kann er dem Schuldenthema nur entgehen, wenn er sich den ganzen Tag lang konsequent Augen und Ohren zuhält. Die Medien erzählen aus allen Lebensbereichen Krisen- und Zusammenbruchsgeschichten. Längst weiß man, wie viel Regierungschef Zapatero bisher verdiente (92.000 Euro im Jahr) und dass er vom 1. Juni an knapp 14.000 Euro weniger bekommt. Dass auch der Präsident der Staatsbank Banco de España auf fünfzehn Prozent seines Gehalts verzichten muss. Selbst der Schneider des Königs hat sich mit der Nachricht zu Wort gemeldet, Juan Carlos I. habe seinen letzten neuen Anzug vor anderthalb Jahren fertigen lassen - wenn es so weitergehe, könne der Schneider seinen Laden bald dichtmachen. Da wir bei der Monarchie sind: Im Budget des Königshauses wird demnächst ebenfalls heftig gestrichen. Eine Zeitung hat schon vorgerechnet, wie viel gewonnen wäre, wenn die Bezüge des Hofstaats sänken, das Essen im Zarzuela-Palast schlichter gehalten und die Motoryacht in Mallorca verkauft würde.

Inzwischen wissen die Spanier ungefähr, was auf sie zukommt. Die Infografiken in der Zeitung zeigen so steile Kurven, dass viele kaum in der Lage sein werden, sie heil herunterzurutschen. Von 11,2 Prozent Haushaltsdefizit 2009 soll es in diesem Jahr auf 9,3 gehen, 2011 dann auf sechs, dann herunter auf 4,4 und schließlich 2013 auf die erforderlichen drei Prozent. Dafür muss die Schere tief ins Gewebe des Sozialstaats schneiden.

Aber man jammert nicht

Verblüffenderweise kommt das PIIGS-Kürzel in den Kolumnen und Leitartikeln aber nicht vor. Und ganz sicher hat man es bei diesen düsteren Aussichten nicht mit einem deprimierten Volk zu tun. In einer sonderbaren Mischung aus Fatalismus und Härte zeigen die Menschen, dass sie den Boom der vergangenen Jahre als Ausnahme erlebt haben und darauf vorbereitet sind, wieder für eine Zeitlang die Zähne zusammenzubeißen. Tatsächlich haben manche ja schon Schlimmeres gesehen. Auswanderung, wirtschaftliche Not, täglicher Überlebenskampf sind im Gedächtnis noch lebendig. Das Leben geht weiter. Man flucht über das Unglück, aber man jammert nicht. Sichtbarer als bei Nordeuropäern rücken die Familien jetzt noch enger zusammen und versuchen, die Arbeitslosen und Bedürftigen irgendwie durchzuschleppen. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass selbst eine Arbeitslosenquote von vierzig Prozent bei den unter Fünfundzwanzigjährigen noch keine auffälligen Signale sozialen Unfriedens hervorgerufen hat.

Wir Deutschen, die im Lauf der Jahrzehnte das „Wunder von Bern“ als Symbol für eine neue wirtschaftsgeschichtliche Epoche zu deuten gelernt haben, könnten daraus eine Erkenntnis ableiten: Spanien wird in den nächsten Wochen nichts anderes übrigbleiben, als Fußballweltmeister zu werden. Nicht nur, weil sie die beste Mannschaft hätten; das auch. Nein, ein spanischer Weltmeistertitel würde das Vertrauen in eine bewährte europäische Marke stärken und die Finanzmärkte dauerhaft beruhigen. Die spanischen Gewerkschaften, die sich für den Generalstreik rüsten, haben es schon begriffen: Wann immer sie demnächst im Protest auf die Straße gehen, es wird sicher nicht am Tag eines spanischen WM-Spiels sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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