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Die Stadt der Stunde

Hannover sein

Von Marcus Jauer
 - 14:27
Eigentlich wissen wir nichts von Hannover, es gibt aber auch schöne Ecken in der Stadt

Nachdem Christian Wulff nun zum Bundespräsidenten gewählt worden ist, kann es noch einmal ganz hart werden für Hannover. All die Eigenschaften, die ihm als Menschen zugeschrieben werden, werden mit der Stadt verschmelzen, aus der er kommt. Alles, was falsch daran zu sein scheint, dass einer wie er das Land repräsentiert, wird falsch sein an Hannover. Dabei kommt Christian Wulff gar nicht aus Hannover. Er kommt aus Osnabrück, er lebt nicht einmal in der Stadt, nur in der Nähe und auch das erst seit ein paar Jahren. Es sah nur so aus, als könne jemand wie er nur aus Hannover kommen. Aber das findet man am Ende dieser Reise dann auch wieder typisch; dass die Stadt abgelehnt wird für etwas, wofür sie gar nichts kann.

Es gibt wohl keine Stadt in Deutschland, die ein derart schlimmes Image im Umlauf ist wie über Hannover. Sie gilt als provinziell, spießig, langweilig und hässlich, und das sind noch die netteren Beschreibungen, als nett gilt sie übrigens auch, aber im Sinne von harmlos, und all das schon seit langem. Für Stefan George war sie „die fahlste aller Städte“, für Gottfried Benn „infernalisch dumm“, für Georg Christoph Lichtenberg „kein so übler Ort bei schlechtem Wetter“. Theodor Lessing hielt sie für ein „Paradies jeder Mittelmäßigkeit“, dabei kam er von hier. Zuletzt hat Harald Schmidt dann noch gesagt: „Hannover liegt nicht am Arsch der Welt, man kann ihn von dort aus aber sehr gut sehen.“

„Für mich ist es die schönste Stadt der Welt“, sagt Stefan Gohlisch, der als Kulturredakteur für eine der beiden Zeitungen Hannovers arbeitet und einen durch die Innenstadt führt.

So blieb er da

Eine Stunde lang erzählt er fast ohne Unterbrechung, was es in Hannover alles gibt, wovon der Rest des Landes aber nichts weiß. Da sind die Herrenhäuser Gärten, die bedeutendsten Barockgärten Deutschlands. Da ist der Stadtwald, die Eilenriede, der größte in Europa. Da sind das Messegelände und das Schützenfest, jeweils die größten in der Welt. Da sind Firmen, die ihren Sitz in der Stadt haben, Bahlsen, die Kekse, Tui, die Reisen, Continental, die Reifen, Bree, die Taschen, AWD, die Finanzdienstleistungen, und da ist die Expo, die Hannover ein anderes Selbstbewusstsein gegeben hat, die ganze Stadt, ein Sommermärchen, damals vor zehn Jahren. Das zählen alle Hannoveraner auf, die man noch trifft. Es gibt aber auch ein paar Dinge, die erzählt nur Stefan Gohlisch.

Er erinnert sich an Musikfestivals in den Achtzigern, als einige gute Bands aus der Stadt kamen, an ein paar Clubs, in denen international bekannte Leute auftraten. Er nennt die sogenannten Messemütter, die während der Messen Zimmer an Gäste aus aller Welt vermieteten und ihre Kindern so nebenher Toleranz lehrten. Er zeigt in der Einkaufsstraße den Laden einer Süßwarenkette, der ein wenig feiner aussieht als anderswo, ein neues Konzept dieser Kette, ausprobiert in Hannover, weil irgendjemand herausgefunden hatte, dass, was hier funktioniert, in ganz Deutschland funktioniert. „Ich kann wirklich nur Gutes sagen“, sagt Stefan Gohlisch.

Er ist Anfang vierzig und in der Stadt geboren. Er hat früher einmal überlegt, ob er weggehen sollte, nach Berlin vielleicht, aber dann passte es nie, und letztlich ist man in Berlin ja auch immer in den gleichen Kiezen. Irgendwann sah er ein, dass er durch und durch Hannoveraner ist. So blieb er da.

Fragt man ihn nach etwas, das nicht für die Stadt spricht, sagt er gleich, das gebe es aber in anderen Städten auch. Vermutet er, dass man sich über etwas lustig macht, sagt er, diesen Witz hätten schon andere gemacht. Soll er sich das schlechte Image der Stadt erklären, kann er das nicht.

Ein Zoo und jede Menge Bäume

Irgendwann steht er neben einem Gullydeckel, aus dem Musik kommt. Jemand hatte vor ein paar Jahren festgestellt, dass an dieser Stelle in der Kanalisation Elektrizität austritt. Er hatte ein Radio angeschlossen und Lieder gespielt, inzwischen kümmern sich auch andere um die Musik, die schon ein paar Meter weiter nicht mehr zu hören ist. Man muss den richtigen Gully kennen, sonst verpasst man ihn, aber darum hatte Stefan Gohlisch den Stadtrundgang ja auch hier entlang gelegt. „Ich weiß“, sagt er, „jetzt kann man natürlich schreiben, in Hannover ist die Musik unterirdisch.“

Im Grunde verlaufen alle Gespräche, die man von nun an führt, auf die gleiche Art und Weise. Die Leute reden von Hannover, als sollten sie sich rechtfertigen. Keiner weiß etwas, das ihn stört, alle sind mit allem zufrieden, jedem fällt etwas ein, über das die Stadt verfügt und wovon der Rest des Landes nichts ahnt. Irgendwann fragt man sich, ob das nur vom schlechten Image kommt oder ob sich die Einwohner über das Wesen ihrer Stadt selbst unsicher sind.

Da ist die Lage in der Landschaft, die nicht durch Berg oder Tal markiert wird, sondern durch die Autobahnen, Bahnstrecken und Kanäle, die an Hannover vorbeiführen. Da sind die Stadtfassaden, aus denen sich keine Postkarte machen lässt, von der sich sofort sagen ließe, woher sie kommt, da ist der Dialekt, für den das Gleiche gilt. Seit Jahren fotografiert einer der bekanntesten Künstler der Stadt sie an Ecken, an denen sie wie andere Städte aussieht. Das Unbestimmte, das ist Hannover.

Seit die Stadt im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört worden ist, versucht sie sich eine Identität zu geben, die autogerechte Stadt, die Messestadt, die Expo-Stadt, die Keksstadt, die Versicherungsstadt, die Stadt, in der mehr Kunst im öffentlichen Raum steht als irgendwo sonst. Immer wieder suchte sie einen Slogan, unter sie bekannt werden wollte, fand aber keinen. Es ist, als glaube Hannover, dass es gemacht werden müsse und nie nur sein kann. Dabei hat es alles, was eine Stadt braucht. Es gibt einen Bahnhof, ein Rathaus, ein Schloss, ein zweites soll wieder aufgebaut werden, schöne Kirchen, einige Theater, eine Oper, eine Universität, vielfältige Einkaufsstraßen, wenig Kriminalität, bessere Wohnviertel, gute Wohnviertel, keines teuer, einen Bundesligafußballklub, einen Zoo und jede Menge Bäume.

Was will man mehr? Womöglich steckt genau darin das Problem, in diesem Mehr.

Das Weltstädtische ist nicht verstanden worden

„So einen Sonnenuntergang“, sagt Norbert Schu und schaut von der Terrasse seines Restaurants, vor der gerade der Tag zu Ende geht, „gibt es sonst nur noch auf Capri.“

Norbert Schu führt „Die Insel“, die als das Prominentenrestaurant der Stadt gilt. Sie liegt am Ufer des Maschsees, den ebenfalls jeder nennt, wenn es darum geht, was Hannover alles hat. Der See ist in den dreißiger Jahren ausgehoben worden, viereckig schneidet er in die Stadt hinein, ohne dass man sie von ihm aus ahnen könnte, weil sein Ufer fast ganz von Wald umgeben ist. Von der Terrasse aus sieht man auf ein weißes Strandbad, gemähten Rasen und Liegestühle, zwischen denen jetzt am Abend Gänse umhergehen, während Norbert Schu drinnen im Restaurant überschwänglich neue Gäste begrüßt oder geduldig einen der fast zweitausend Weine erklärt, die er auf seiner Karte hat. „Man muss die Leute hier ein bisschen an die Hand nehmen“, sagt er.

Er kam über Trier und München nach Hannover, das ist fünfundzwanzig Jahre her. Er eröffnete ein Restaurant in der Innenstadt, das sich noch immer messen könnte mit allem, was man in Hamburg oder Berlin hat, wie er sagt. Er hatte einen Stern im Gault Millau, eine Lounge, einen Pianospieler und einen Brunnen, aus dem Champagner sprudelte. Es war ein Ort, an dem man gesehen werden sollte, wenn man etwas auf sich hielt, und die Leute hier halten etwas auf sich, sie wollen nur dabei nicht gesehen werden. Neun Jahre hielt er durch. Dann gab er auf. „Das Weltstädtische“, sagt er, „ist nicht verstanden worden.“

Als er an den Maschsee kam, wollte er alles ein wenig einfacher haben, die Einrichtung, die Gerichte, den Service, womöglich auch das Geldverdienen. Er legte keine Tischdecken auf und stellte den Wein in der Flasche hin, damit die Gäste sich selbst nachschenken konnten. Er wollte ein volkstümliches Lokal aufziehen, aber das ist ebenfalls nicht verstanden worden. Das Weltstädtische mochte die Leute verunsichert haben, das Dörfliche schien sie zu beleidigen. Da legte Norbert Schu eben Decken auf. „Man ist hier nicht knausrig“, sagt er, „nur extrem qualitätsbewusst.“

In seinem Restaurant treffen sich seit Jahren alle Prominenten der Stadt, was daran liegt, dass es sonst kaum gute Restaurants gibt, und an Norbert Schu selbst. Mehrmals im Jahr lädt er die bekanntesten seiner Gäste zu einem Fest ein. Da stehen dann Gerhard Schröder, Ursula von der Leyen, Christian Wulff, der DJ Mousse T. und Klaus Meine von den Scorpions zusammen, die sonst nichts miteinander verbindet, außer dass sie aus Hannover kommen, und seit Veronica Ferres mit dem Versicherungsmakler Carsten Maschmeyer zusammen ist, hat das Ganze sogar einen Hauch von Rossini. „Das letzte Mal waren alle da bis auf Oliver Pocher“, sagt Norbert Schu.

Die Hauptstadt der Schwarzfahrer

Dann steht er auf, um den prominentesten Bäcker der Stadt zu begrüßen, der mit seinen Broten Restaurants von Berlin bis Sylt beliefert und einen Ferrari fährt. Er kommt nicht aus Hannover, sonst hätte es ein weniger auffälliges Auto auch getan. Schu spricht mit ihm kurz über Sportwagen, danach bringt er ihm einen Wein, von dem er sagt, er rieche wie ein frisch angespitzter Bleistift.

Wer etwas Zeit in der Stadt verbringt, stellt fest, dass sich das Unbestimmte, das ihr so anhängt, nicht verliert, im Gegenteil. Es scheint, wie aus einer Sorge kenntlich zu werden, immer wieder neu zu entstehen. Die Stadt ist konservativ, wird aber seit Jahrzehnten sozialdemokratisch regiert. Sie ist autofreundlich, führte aber als eine der ersten Umweltzonen ein. Die Radwege sind mit Damenrädern gekennzeichnet, weil die Feministinnen sich an der Mittelstange störten. Wenn hier jemand eine Strandbar eröffnet an einem Uferstück, an dem die örtlichen Trinker hocken, stellt er einen von ihnen zum Sandharken ein, und wenn das Theater ein Stück spielt, das einem nicht gefällt, regt man sich nicht auf, sondern findet es wichtig, dass es ein Theater gibt. Man könnte es repressive Toleranz nennen, wenn es eine Strategie wäre. Aber es ist noch nicht einmal eine Strategie.

Da sind diese stillen Siedlungen, in denen Zeit verbracht wird. Da ist der Ruderclub, in den die Frauen die Kinder bringen, während die Männer im Büro sind und der Tennisclub, in dem die Männer beim Rotwein zusammensitzen, bevor sie aus dem Büro nach Hause kommen. Da ist die holländische Kakaostube, die Markthalle und der Maschsee, zwischen denen spazierend der Sonntag vergeht. Wer die Stadt an einem Wochenende besucht, der glaubt, Hannover kenne kein Unglück außer jenem, keins zu kennen. So muss es gewesen sein in der alten Bundesrepublik Deutschland, so gesund und heil und wohlgenährt.

„Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt erzählen soll“, sagt Stefan Wittke, der für die Polizei Hannover arbeitet, „aber Hannover ist die Hauptstadt der Schwarzfahrer.“

Wir machen sie bekannt

Er vermutet, jetzt werde es gleich wieder heißen, sie hätten sonst keine Probleme. Aber jedes Jahr, wenn der Bundesinnenminister die Kriminalitätsstatistik vorstellt, ist Hannover oben dabei, weil Schwarzfahren als Straftat gilt. Dabei sind die Leute hier auch im Kleinen keine größeren Betrüger als anderswo. Es ist nur so, dass die Verkehrsbetriebe der Stadt viel härter kontrollieren als anderswo, was aber nicht heißt, dass sie mehr auf das Geld bedacht wären als anderswo, im Gegenteil, sonst hätten sie sich nicht von dem Stararchitekten Frank O. Gehry ein schönes, silbernes Gebäude hinsetzen lassen. Es ist wie mit allem in Hannover. Auch im Schwarzfahren steckt kein Extremismus.

Als während der Chaostage Punker in der Stadt randalierten, kamen die meist aus anderen Städten, inzwischen kommen sie fast gar nicht mehr, und eine rechte Szene gibt es überhaupt nicht. Die hohe Zahl von Einbrüchen erklärt sich daraus, dass es in der Stadt so viele Kleingärten gibt, deren Lauben schwer zu sichern sind, und würden sie hier nicht so flächendeckend Streife laufen, hätten sie auch weniger Körperverletzungen zu verzeichnen, so aber wird alles angezeigt. Sie holen sich die Delikte sozusagen erst hinein in die Statistik.
„Hol-Kriminalität“, sagt Stefan Wittke.

Es hat in den letzten Jahren nur zwei Vermisstenfälle gegeben, zwei Mädchen, die nicht wieder auftauchten, und diesen Doppelmord, bei dem ein Mann seine Exfrau und die gemeinsame Tochter umgebracht hat. Er war Abteilungsleiter bei einem Reiseunternehmen, zugezogen wie so viele, Mittelschicht, viele Affären, es ging ihm wohl darum, keinen Unterhalt mehr zu zahlen. Er muss die beiden mit einem Messer erstochen haben, aber das hat er nie gestanden. Es war ein Indizienprozess, die Körper wurden nie gefunden, bis heute nicht, als sei das alles nicht passiert. „Das ist schon besonders“, sagt Stefan Wittke, „dass Leichen so dauerhaft verschwunden bleiben.“

Als sich im vergangenen Jahr der Torwart Robert Enke das Leben nahm, hing das nicht mit Hannover zusammen, und doch gab es einen Grund dafür, weshalb er in die Stadt gekommen war. Ein Mann, der viel zu gut spielte für den Verein, der aber Ruhe suchte und Unterstützung, beides konnte ihm Hannover geben, wie es das oft macht bei Leuten, die sich für die Stadt entscheiden, obwohl sie eigentlich zu klein ist für sie. So fanden zwei zusammen, die sich ihres Selbstwerts nicht sicher waren. „Vielleicht hat uns das deshalb damals alle so getroffen“, sagt Stefan Wittke.

Und das ist am Ende alles, was man erfahren kann. Der Grund dafür, warum so viele Leute aus Hannover heraus bekannt werden, ist in Hannover nicht zu finden. Er liegt in uns selbst. Wir machen sie bekannt, wir sind es, bei denen sie ankommen. Nicht weil sie anders sind als wir, sondern weil sie genauso sind wie wir. Wir sind Hannover und Hannover ist Deutschland. Seit gestern repräsentiert die Stadt nun das ganze Land.

Was will man mehr?

Quelle: F.A.Z.
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