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Ukraine

Die Angst ist zurück

Von Konrad Schuller
 - 20:37

Mein Freund Petro hat zuerst nichts gesagt; dann aber habe ich es von einem gemeinsamen Bekannten erfahren: Petro hat Fragen beantworten müssen. Fragen über mich.

Der Mann, der die Fragen stellte, war vom Geheimdienst. Er nannte sich Igor Swjatij, es war April, zwei Monate nach dem Machtwechsel in der Ukraine. Mittlerweile ist es fast November, Präsident Janukowitschs Machtantritt liegt acht Monate zurück, und eines ist klar: Ich kann hier nicht mehr schreiben, wie früher.

Das fängt mit Petro an. Petro heißt nicht Petro. Ich habe seinen Namen ändern müssen, denn er fühlt sich seit einiger Zeit nicht mehr sicher. Er hatte dem gemeinsamen Bekannten von dem Verhör über mich erzählt, und er hatte ihm versichert, er werde mich warnen, wie es sich ja gehört, wenn einer bespitzelt wird. Dann aber schwieg er, und als der Bekannte mich schließlich auf eigene Faust informierte, war ich es, der Petro ansprach. Wir telefonierten über fremde Nummern, wir tauschten verschlüsselte Mails, und er bestätigte alles: den Besuch des Geheimdienstes, die Fragen über mich, und dass er noch von einem weiteren Mann wisse, der ebenfalls über mich aussagen musste. Als ich aber fragte, ob ich die Sache öffentlich machen könne, zögerte er und bat dann, ihn aus dem Spiel zu lassen. Dabei ist Petro kein Mann ohne Mut. Nach dem Ende der Sowjetunion hat er es abgelehnt, unter dem autoritären Präsidenten Kutschma für den Geheimdienst zu spionieren. Jetzt aber wachsen Kinder heran. Er könnte zwar Zeugnis ablegen. Aber die Gezeiten haben gewechselt.

Der Freund bittet um Anonymität

Die Freiheit war kein Erfolg in der Ukraine. „Zusammen sind wir viele“, hatten sie im Dezember 2004 noch gesungen. Die Bürger von Kiew fegten die Oligarchen weg, und jeder, der über den Chreschtschatik zog, sah hunderttausend, die mitzogen. Es ist vorbei. Die Idole von damals, Viktor Juschtschenko, der Märtyrer mit dem von Mördergift gezeichneten Gesicht, und Julija Timoschenko, die Pop-Ikone mit dem goldenen Haarkranz, haben in Eifersucht und Intrigen Ansehen und Macht verspielt. Das Ancien Régime restauriert sich, und wer damals auf dem „Majdan“ sang, dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, erfährt heute jeden Tag nur: Getrennt sind wir alleine. So hat Petro um Anonymität gebeten. Der andere, den sie ebenfalls ausgefragt hatten, wolle sich ja auch nicht offenbaren, und ganz allein gegen das Regime, das gehe nicht. Auch dieser andere hat übrigens einmal Courage gehabt. Er hat am Majdan im Schnee gestanden, obwohl es jede Nacht hieß: jetzt kommen die Panzer. Als dann die Freiheit zur Komödie wurde, hat er beschlossen, sich nicht mehr für andere in die Feuerlinie zu stellen. Mehr kann ich über ihn nicht schreiben, man würde ihn erkennen.

Im Posteingang eine Mail aus dem Isolator Nummer 1. „Habe Antwort von Makarenko“, schreibt die Mittelsfrau, dann übermittelt sie die Botschaft des Gefangenen: „Haftbedingungen entsprechen typischen Verhältnissen im Gefängnis.“ Anatolij Makarenko, zu Zeiten der westlich orientierten Regierung Timoschenko Chef des Zolls, sitzt seit Juni in Untersuchungshaft, der Geheimdienst SBU wirft ihm Amtsmissbrauch vor. „Korruptionsbekämpfung“, sagt der Chef des SBU, der jugendlich lächelnde Valerij Choroschkowskij, über dessen kostspielige Autos – werktags Maybach, wochenends Bentley – die Presse berichtet.

Geheimdienstchef und Medienmogul

Choroschkowskij, ein stets kostbar gekleideter und tadellos frisierter Mann von 41 Jahren, ist als Manager auf dem harten Pflaster der russischen Stahlkonzerne groß geworden. Seither ist in den oft im Wortsinne mörderischen Machtkämpfen der Ukraine seine Bedeutung stets gewachsen. Sein Einfluss auf die Medien – er besitzt „Inter“, die vielleicht einflussreichste Fernsehholding des Landes – macht ihn zum Spieler aus eigenem Recht, zu seinem Kommando über 30 000 oft direkt vom sowjetischen KGB übernommene Geheimdienstoffiziere kommt über seinen Sitz im Hohen Justizrat der Ukraine ein direkter Einfluss auf die Richterschaft.

Die Apparate dieses unkontrollierten Mannes haben in der letzten Zeit im Lager Julija Timoschenkos eine Welle von Festnahmen ausgelöst. Minister, Beamte, Generäle gehen in die Untersuchungsgefängnisse. Makarenko sitzt im Isolator Nummer 1, einem Kerker aus Zarenzeiten. Sein Anwalt Jurij Suchow beschreibt die Zelle: Vier Mann auf 14 Quadratmeter, Wasserhahn, Klo ohne Sichtschutz. In den Duschen klaffen Schusslöcher, noch von den Hinrichtungen unter Stalin, und wenn die Wärter das Essen im Flur auf den Boden stellen, kommen die Ratten. Familienbesuch einmal im Monat – allerdings gefährlich, wegen der Tuberkulose im Haus. Das Gefängnis ist wieder eine Kategorie der Politik.

Das Gefängnis, das Museum wurde

Lwiw, das alte Lemberg in der Westukraine. Renaissance und bröselnder Jugendstil, K. u. K Charme. Im Gefängnis Loncki-Straße, wo der sowjetische NKWD 1941 vor dem Einmarsch der Deutschen 1681 Angehörige der ukrainischen Nationalbewegung ermordete und dann einfach liegen ließ, tut Maria Wassiljewna Lutscheschin Dienst. Schon ihr Vater hat hier gesessen, weil er nach dem Krieg Verbindungen zum antisowjetischen ukrainischen Widerstand hatte, und so ist es für Maria Wassiljewna, einer zahnlosen, mit einem Trainingsanzug bekleideten alten Dame mit beträchtlicher Energie, selbstverständlich gewesen, dass sie hier eine Stellung annahm, als nach der Wende das Gefängnis zum Museum wurde. Bewaffnet mit einem mächtigen gezackten Schlüssel, führt sie durch die verfallenden Korridore, vorbei an faksimilierten Hinrichtungslisten der Sowjetmacht, durch Gummikammern und Todeszellen. Manchmal hört sie in den Kellern ein Kichern. Da sind die Seelen der Ermordeten, die Finden keine Ruhe. Lemberg ist der Mittelpunkt des ukrainischen Nationalgefühls, und 2004 ist es neben Kiew die Herzkammer der Demokratiebewegung gewesen. Die Stadt war erst polnisch, dann österreichisch, dann wieder polnisch, bevor die Sowjetunion sie 1939 annektierte, nur um in der Loncki-Straße Berge von Toten zu hinterlassen. Russen und Kommunisten gelten als Feinde – und mit ihnen die neue Macht in Kiew, die ihre Basis in den russisch sprechenden Malocherstädten des Ostens hat.

In einer Lemberger Kellerkneipe beschreibt Miroslaw Marinowitsch, der stellvertretende Rektor der Ukrainischen Katholischen Universität, leise die Rückkehr der Angst. Marinowitsch gehört zu den Autoritäten dieser Stadt. In den siebziger Jahren war er als Sowjet-Dissident und Mitgründer der ukrainischen Helsinki-Gruppe zehn Jahre im GULag. Marinowitsch hat einmal beschrieben, was sie ihm damals einbläuten: ein „Nichts“ sei er, allein, vergessen, ein „namenloser Idiot“, der für die Welt nicht existiere.

Im Bus aus dem GULag nach Hause

Heute sieht er überall wieder alte Muster. Von der „Trägheit der alten Angst“ spricht er, von der Wiederkehr eingefressener Knechtschaftsreflexe. „Die Erinnerung an den Majdan ist heute nicht mehr: ,Wir waren stark‘“, stellt Marinowitsch fest. „Stattdessen sagen jetzt alle: ,Wir sind missbraucht worden.‘“ Keiner wehre sich, und so müsse die Macht nichts weiter tun, als die Signale der Herrschaft zu erneuern: „Eine Gesellschaft, die so lange in Sklaverei war, reagiert darauf sofort mit Sklavenreflexen.“ Das alte Misstrauen aller gegen alle quillt wieder hoch, die Beklemmung der Einsamkeit, das Gefühl, keinen wirklich zu kennen.

Wenn es Metaphern gäbe im wirklichen Leben, fände man sie im Gefängnis Loncki-Straße. Als Maria Wassiljewnas verbannter Vater, den man längst für tot gehalten hatte, in den fünfziger Jahren unangekündigt aus dem GULag zurückkam, nahm er für das letzte Wegstück nach Hause denselben Bus wie seine mittlerweile erwachsene Tochter. Ohne sich zu erkennen, fuhren sie miteinander heim, sie von der Schule, er aus Sibirien. Als sie dann gleichzeitig zu Hause ankamen, sagte eine Nachbarin die Worte: „Iwan, erkennst du dein Kind nicht?“

Die Freude war kurz. Die Nachbarn mieden den Verbannten, und Iwan, dessen Rücken noch die Spuren ungezählter Misshandlungen trug, starb bald.

Wer lügt?

Mittlerweile weiß ich, dass jemand lügt. Petro war sehr klar gewesen: Der Geheimdienst war da und hat ihn über mich befragt. Ich habe das danach publik gemacht, und die ukrainischen Websites haben darüber berichtet, denn in dieser Phase, die vielleicht Nachdemokratie ist, vielleicht Vordiktatur, vielleicht aber auch nur Zwischentief, gibt es im Netz noch freie Stimmen. Jetzt aber gibt der SBU ein glattes Dementi. Man habe „keine Schritte“ in Bezug auf den Korrespondenten der F.A.Z. in der Ukraine unternommen, teilt der Dienst mit. Keine Spitzelei. „Er interessiert uns nicht.“ Wer also lügt? Petro?

Im Podil, der lärmenden Kiewer Unterstadt am Dnjepr, treffe ich Vitalij Schabunin, den Vorsitzenden der „Stiftung Regionale Initiativen“ (FRI), einer Dachorganisation ukrainischer Bürgerinitiativen. Schmal, helläugig und sehr jung sitzt er in einem Imbissrestaurant. Sehr alert ist er – und völlig ohne Illusionen. Er weiß, dass die Bereitschaft der Menschen zum Engagement verzweifelt gering ist, und seine Organisation hat ihre Strategie angepasst. „Werte ziehen nicht mehr. Junge Leute werben wir deshalb für unsere Aktionen jetzt vor allem mit dem Argument, bei uns könnten sie Führungserfahrung sammeln. Von Demokratie sprechen wir nur noch intern.“ Genauso pragmatisch geht Schabunin übrigens mit dem Geheimdienst um. Natürlich seien die Herren immer wieder da, stellten Fragen, wollten sich treffen. Schlimm? – „Ach was. Wir trinken Kaffee, und das war es dann.“

Bricht man ihr das Bein?

Andere sind weniger gelassen. Anna Hutsol ist 25 Jahre alt, besitzt zwei Mobiltelefone, trägt einen roten Bürstenschnitt und führt „Femen“, die bekannteste Frauenorganisation der Ukraine. Auch sie kämpft gegen die Lethargie einer desillusionierten Gesellschaft, und sie kämpft radikal: Die Waffe von Femen ist Obszönität. Bei ihren Aktionen gegen Sextourismus oder die Allgegenwart des Geheimdienstes treten die Aktivistinnen nackt auf, oder beinahe nackt. Anna Hutsol ist klein, schmal und angespannt. Leicht verfroren sitzt sie in einem Kiewer Straßencafé. Im Porno-Outfit gegen sexuelle Ausbeutung, mit gespreizten Beinen für Menschenrechte, wie geht das zusammen? „Purer Pragmatismus“ sagt sie. „Außer Bomben ist Sex das Einzige, was zieht.“ Und der Geheimdienst? „Ja, der war schon da.“ Nachts seien sie gekommen, zu zweit, sie hätten sie hinunter ins Auto mitgenommen, zum alten Verhörspiel „Good Cop, Bad Cop“. Der eine sei höflich gewesen, der andere rüde. „Pass auf, was du machst“, habe der Höfliche gesagt, „sonst brichst du dir noch ein Bein.“

Die Websites haben meinen Protest gegen die Einschüchterung meiner Gesprächspartner und den Eingriff in meine Arbeit als Journalist gebracht. Jetzt aber schießt der Apparat zurück. Der Chef der Präsidialkanzlei, Ljowotschkin, stellt meine Geschichte als Machenschaft dar, als „Provokation“. „Diese Story dient dazu, vor dem Besuch Präsident Janukowitschs in Berlin international den Boden zu vergiften“, sagt er. Alles nur Taktik, von feindseligen Kräften „orchestriert“.

Der Spion, der mich duzte

Etwa zur gleichen Zeit lädt mich jemand zum Tee, jemand der nah am Präsidenten steht, jemand mit warmer Stimme und gewinnendem Lächeln. „Wir wollen Demokratie, wir wollen Freiheit, glauben Sie uns“, gurrt er im Klimpern des Teelöffels. An höchster Stelle sei man durchaus besorgt über das, was der Geheimdienst da so treibe . . . Alte Sowjetgewohnheiten, schlimm, schlimm, aber was solle man machen . . . der Präsident jedenfalls habe, den jugendlichen SBU-Chef soeben persönlich ins Gebet genommen. „So etwas! Unseren Ruf da draußen so zu verderben!“ . . . Im Übrigen: Ob wir nicht du zueinander sagen wollten? Good Cop, Bad Cop. Ich denke an „The Passenger“, Michelangelo Antonionis großen Film über die Grenzen des Journalismus. Wenn die Macht zu nahe rückt, wird der Reporter Partei.

In seinem Lemberger Kellergewölbe macht Marinowitsch, ehemals Dissident im GULag, sich fertig zum Gehen. „Wir werden zu langsam sein“, hat er noch gesagt. „Sie werden die Leine schneller anziehen, als wir die Zivilgesellschaft aufbauen können.“ Dann aber werde man wieder Opfer bringen müssen, Selbstopfer, wie damals Sacharow. „Das Opfer ist der Schlüssel.“

„Tolstoi, Auferstehung?“, frage ich.

„Ja. Oder René Girard.“

Keine Spur von Wassilij Klimentjew

Einer hat das Opfer vielleicht schon gebracht. 1029 Kilometer östlich, in der grauen Millionenstadt Charkiw an der russischen Grenze, hat man seit dem 11. August keine Nachricht mehr vom Journalisten Wassilij Klimentjew. Charkiw hat verwahrloste Plattenbauten und alte Panzerfabriken, und im Polizeihauptquartier, wo 1940 polnische Kriegsgefangene erschossen wurden, warten Wachmänner mit in den Nacken geschobenen Schirmmützen und Sergeantinnen in Minirock-Uniformen auf den Feierabend. Der Bürgermeister ist vorbestraft, er gehört zu den Clans des Präsidenten, und der Journalist Klimentjew hatte sich darauf spezialisiert, die Verstrickungen der Behörden in Autodiebstahl, Schwarzhandel und Erpressung offenzulegen. Er verschwand, nachdem er die Datscha eines Polizeigenerals fotografiert hatte. Sein Telefon fand man an einem Stausee. Klimentjews Freund und Assistent Petro Matwijenko, ein müder Mann um die fünfzig mit einer alten Aktentasche, sitzt jetzt zwischen dudelnder Fernsehreklame und klimperndem Barpiano im Foyer des Hotels „Charkow“, einem Block mit zugigen Fenstern und reglosen Etagenfrauen. Er sagt, er werde weitermachen, genau da, wo Klimentjew aufgehört habe. Angst? – „Die werden sich nicht trauen, noch einmal einen Journalisten umzubringen. Nicht, wenn die internationale Presse da war.“ Wenige Tage später kommt die Miliz und beschlagnahmt seine Computer, Kameras, Diktaphone.

Eine DVD springt an, Andrij Sentschenko hat sie mir gegeben, ein Abgeordneter der Opposition. Auf dem Monitor ein ukrainisches Krankenhauszimmer: rosa Ölfarbe, Medikamente, Gummischlappen. Ans Bett gekettet ein Mann in Trainingshose, bewacht von einem schwitzenden Milizbeamten: Alexander Kotelnikow, zuletzt Repräsentant Julija Timoschenkos auf der Krim, verhaftet im Frühjahr, nach einem Schlaganfall dann angekettet in diesem Krankenzimmer in der Hafenstadt Ewpatorija. Die Kamera schwenkt zum Polizisten. Der Beamte ist aufgesprungen, offensichtlich weiß er nicht, was er mit diesem Medienüberfall anfangen soll. Freunde des Gefangenen im Bett haben die Tür aufgestoßen, die Kamera läuft, jemand zeigt einen Abgeordnetenausweis. Die Augen des Polizisten wandern unstet. „Kamera aus!“, versucht er zu befehlen. Kamera läuft weiter. Er streicht sich über die nasse Glatze, versucht, Oberwasser zu gewinnen, greift nach dem Telefon, ruft jemanden an, bekommt keine Hilfe, muss sich wieder stellen. „Mit welchem Recht sind Sie da?“, fragt unerbittlich eine Stimme hinter der Kamera. Der Polizist weicht zurück: „Anordnung . . . Miliz . . .“. „Welche Miliz?“ Der Polizist versucht noch einmal aufzutrumpfen: „Gehen Sie!“ Keiner geht. Der Polizist sieht aus, als hätte er Angst.

Auch die Macht fürchtet sich. Makarenko zum Beispiel, der ehemalige Zollchef im Isolator Nummer 1, verträgt das Essen dort nicht, weil er noch aus Sowjetzeiten Magenprobleme hat. „Fast jeder, der damals im Staatsdienst war, hat es heute mit dem Magen“, sagt sein Anwalt. So tief sitzt das.

Der Geheimdienst lässt bitten

Choroschkowskij will reden, der Chef des SBU. „Treffen Sie sich doch mit ihm“, hatte die warme Stimme gesagt. „Sprechen Sie mit Valerij.“ Jetzt sitzt er lächelnd, elegant und sprungbereit in seinem tanzsaalgroßen Büro, wo früher KGB und Gestapo ihren Sitz hatten; beim Warten haben mir die Blicke schöner Vorzimmerdamen die Zeit verkürzt. Zur Rechten hat er Telefone, groß, eckig und zahlreich, zur Linken Ikonen, und am Gelenk seiner gepflegten Hand eine goldene Uhr. Setzt der SBU die Opposition durch Verhaftungen unter Druck? Choroschkowskij lächelt gewinnend. Wo Straftaten vorlägen, müsse man eben etwas tun. Hat der SBU Anna Hutsol angedroht, ihr die Beine zu brechen? Wieder ein Lächeln, begleitet von einem Verdrehen der Augen: „Vielleicht hat es einen oder zwei solche Fälle gegeben, vielleicht auch nicht.“ Hat der SBU mich bespitzelt? „Ja, es hat das gegeben.“ Beiläufiger Ton. Probleme mit der Akkreditierung . . . Ganz normale Sache. Petro hat die Wahrheit gesagt.

Im Gefängnis Loncki-Straße hat Maria Wassiljewna Lutscheschin etwas Unerhörtes getan. Der SBU hatte im September den Museumsdirektor Ruslan Sabilij festgenommen und 14 Stunden lang verhört, weil er angeblich bei seinen Forschungen über den antikommunistischen Widerstand Geheimdokumente publiziert hatte. Als die Beamten auch bei Maria Wassiljewna erschienen und zur Durchsuchung im Museum Einlass verlangten, hat sie ihren großen Zackenschlüssel einfach nicht herausgerückt. Sie sagt, sie habe die Angst begraben, als damals ihr Vater starb, der Fremde aus dem Bus.

Quelle: F.A.Z.
Konrad Schuller
Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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