Requiem für eine Katze

Der Geist von Montparnasse ist fort

EIN KOMMENTAR Von Niklas Maak
06.12.2013
, 17:09
Zwei Jahrzehnte lang saß er fast reglos, Fixpunkt einer ganzen Welt, an seiner Bar. Jetzt ist der Kater Mickey aus der Bar „Select“ in Montparnasse, den eine Aura des Immerdaseienden umgeben hatte, gestorben.
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Früh am Morgen, wenn auf dem Boulevard Raspail die grünen Putzmaschinen den Dreck der Nacht in den Rinnstein fegten und in der Rue Vavin die verbeulten weißen Lieferwagen Baguettes, Blumen, Fleisch und Zeitungen für den Tag anlieferten, lag der Kater reglos ausgestreckt auf der Bar und verfolgte mit einem geöffneten Auge die entschlossen kurvenden Bewegungen des Putzlappens, mit dem der Barkeeper auf dem Tresen des „Select“ die letzten Rotweinringe des Vortags entfernte. Es war die Stunde, in der das Café nicht geöffnet und nicht geschlossen hatte, die Stühle draußen auf dem Boulevard Montparnasse standen noch kopfüber auf den Tischen.

Wenn sich das „Select“ später füllte, verzog sich der Kater hinter den Tresen und tauchte nur manchmal auf; erst nach Mitternacht eroberte er sich die Kunstlederbänke im hinteren Teil der Bar zurück. Niemand wusste, woher er kam. Die Besitzer der Bar hatten ihn Mickey getauft, als er ihnen 1993 zugelaufen war. Am Anfang war das Tier immer wieder für ein paar Tage verschwunden, aber irgendwann bleib es im „Select“, auch nachts, und verließ es nicht mehr: Die Bar wurde seine Welt.

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Fixpunkt einer ganzen Welt

Die alten Damen aus dem Viertel nannten den Kater „Le Chat d’or“, sie schrieben ihm, wenn sie verreisten, Postkarten, er war für sie ein guter Geist, ein Dämon des Tresens, an dem seit der Eröffnung des „Select“ vor genau neunzig Jahren schon Picasso, F. Scott Fitzgerald und der Katzenfreund Hemingway saßen. Für einen Kater war er uralt. Die Bar schien ihn zu konservieren, er thronte dort wie eine würdevolle ägyptische Gottheit. Geboren, als Mitterrand Präsident, Helmut Kohl Kanzler und Postleitzahlen in Deutschland noch vierstellig waren, war es irgendwann, als sei der Kater schon immer dagewesen und werde immer dort sitzen, sein Tod erschien, wie bei Oscar Niemeyer oder Johannes Heesters, mit wachsendem biblischem Alter immer unmöglicher: eine Aura des Immerdaseienden umgab ihn.

Auf dem Boulevard Montparnasse ersetzte eine Busspur den wilden Parkstreifen in der Mitte, Präsidenten kamen und gingen, Jacques Derrida, der oft über den Boulevard Raspail lief, starb, die französischen Autofahrer wurden von der Europäischen Union gezwungen, die gelben Scheinwerfer ihrer Autos, die Paris nachts in ein geheimnisvolles, dunkleres Licht tauchten, gegen weiße, EU-genormte Leuchten auszutauschen, weswegen Paris heute nachts so kalt und weiß wie alle anderen Großstädte der Welt aussieht - alles änderte sich, nur der Kater Mickey saß zwei Jahrzehnte lang fast reglos, Fixpunkt einer ganzen Welt, an seiner Bar.

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Ungläubig nahmen die alten Damen, denen das scheinbar endlose Dasein des Katers wie ein Versprechen erscheinen musste, zur Kenntnis, dass Mickey nun doch gestorben ist. Nach einer kurzen Phase der Trauer hat der Barkeeper zwei neue Katzen gekauft; eine von ihnen heißt Zelda, nach Zelda Fitzgerald, und sie rast so unruhig und elegant wie ihre Namensgeberin im Slalom durch die Weingläser auf dem Tresen des „Select“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maak, Niklas
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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