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Radiohören im Stau

Die Verkehrslage ruht

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
Aktualisiert am 14.01.2020
 - 12:24
Kein Anschluss unter dieser Nummer: die Theodor-Heuss-Brücke in Mainz.
Die Rheinbrücke, die Mainz und Wiesbaden direkt verbindet, ist vier Wochen gesperrt. Das Chaos ist riesig. Und jetzt schaltet der Deutschlandfunk noch seine Staumeldungen ab. Wo führt das bloß hin? Zur Fastnacht!

In Mainz ist jetzt vier Wochen lang Brückentag. Brückentag nicht im Sinne von „wir bauen uns eine Urlaubsbrücke vom Feiertag zum Wochenende“, sondern im Sinne von „die Brücke ist weg“.

Weg ist die Theodor-Heuss-Brücke, die Mainz und Wiesbaden verbindet und über die pro Tag an die fünfzigtausend Autos fahren. Die Brücke muss repariert werden, einen Monat soll es dauern. Dabei ist in Mainz und drum herum eigentlich das ganze Jahr Brückentag, seit ewigen Zeiten.

Zuerst war die Schiersteiner Brücke weg – sie brach, wie von Experten vorhergesagt, im Februar vor fünf Jahren ein und ist seither eine Baustelle. Die Dritte im Bunde, die Weisenauer Brücke, war selbiges auch lange Zeit. Als wichtigste Rheinbrücke des Gebiets ist sie permanent überlastet.

Im Grunde genommen sind die Autobahnen und Brücken hier, wie in anderen Ballungsräumen der Republik auch, ganz langsam rollierende Parkplätze. Sie laden zum Verweilen ein, zur Introspektion oder zum Nervenzusammenbruch, bei maximaler Umweltverpestung. Von der ist im Radio fortwährend die Rede, auch wenn Greta Thunberg gerade nicht mit dem Zug durch Deutschland fährt. Es gibt aber auch – die Staumeldungen!

Von ihnen weiß jeder, dass sie ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllen. Wenn im Radio vom Stau die Rede ist, steht man längst drin. Manchmal – dies sind kostbare Momente im Leben von inzwischen ja eher als kriminell beleumundeten Pendlern – hat sich der Stau schon aufgelöst, wenn er gemeldet wird.

Regionale Sender sind nahe dran. Die eigentliche Botschaft der Staumeldungen aber vermittelt der Deutschlandfunk. Dort weiß man, worum es geht – um Beschwichtigung, um Ausgleich, ums Gemeinsame und Ganze.

Die Lage der Nation heißt hier schlicht „die Verkehrslage“. Hier hört man, dass es Menschen im ganzen Land nicht anders geht als einem selbst. Vor der Staumeldeauswahl des bundesweiten öffentlich-rechtlichen Radios sind alle gleich – Baden-Württemberger, Bayern, Berliner, Brandenburger, Bremer, Hamburger, Hessen, Mecklenburg-Vorpommer, Niedersachsen, Rheinland-Pfälzer, Saarländer, Sachsen, Sachsen-Anhaltiner, Schleswig-Holsteiner und Thüringer. Wobei wir schon den Verdacht hegen, dass Köln, wo der Sender sitzt, und die Nordrhein-Westfalen bevorzugt werden. Wir sagen nur: „A3 Frankfurt Richtung Köln zwischen Siebengebirge/Königswinter und Kreuz Bonn/Siegburg“.

Wie dem auch sei. Bei Staus ab fünf, sechs oder acht Kilometern Länge lässt man sich das gefallen, hört Nachrichten bis zum Umfallen, schaltet um zur Kulturwelle oder, für was Festes zwischendurch, zum Rock-Sender.

Das wird es vom 1. Februar an nun nicht mehr geben. Zu diesem Datum stellt der Deutschlandfunk, der als Erfinder der Staumeldungen gilt, dieselben ein: Die Hörer bezögen Informationen über den Straßenverkehr doch längst über mobile Navigationsdienste. Das stimmt, doch geht das am Kern der Sache – siehe oben – vorbei.

In Mainz gibt es übrigens eine Gruppe, die so etwas nicht tangiert. Besonders wichtige Zeitgenossen dürfen die Theodor-Heuss-Brücke mit Ausnahmegenehmigung befahren: Büttenredner, die von einer Fastnachtssitzung zur nächsten eilen. Freie Fahrt für Schwellköpp und Bembelschwenker! Wolle mer se rüberlosse? Klingt wie ein Witz, ist aber keiner. Wir schalten um zur Verkehrslage.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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