Römisches Schlachtfeld entdeckt

Die Germanen in den Sumpf treiben

Von Ralf-Peter Märtin
17.12.2008
, 10:37
Zwei rund 1800 Jahre alte Fundstücke
Am Harzhorn haben Archäologen ein römisches Schlachtfeld aus dem dritten Jahrhundert entdeckt. Der einzigartige Fund spricht dafür, dass sich die Römer nach der Niederlage in der Varus-Schlacht nicht völlig aus Germanien zurückzogen.

Dass die Römer im dritten Jahrhundert gegen die Germanen kämpften, ist keine Sensation - dass man eines dieser Schlachtfelder gefunden hat, schon. Noch ist das Fundmaterial für eine „Schlacht“ vergleichsweise mager, stehen die Ausgrabungen erst am Anfang, aber so viel ist klar: In der Gemarkung Oldenrode bei Kalefeld im Landkreis Northeim haben sich Römer und Germanen ein erbittertes Gefecht geliefert. Ein offenbar von Nord nach Süd marschierender römischer Verband geriet am sogenannten Harzhorn, einem von Ost nach West ziehenden Höhenrücken, in einen germanischen Hinterhalt und musste sich darauf den Weg freikämpfen.

Wie er das tat, beweist, dass es sich wirklich um römische Truppen handelte. Denn die geborgenen Stücke sind Geschosspfeile und Katapultbolzen, wie sie nur von der imperialen Feldartillerie verschossen wurden, beispielsweise vom Typ Scorpio, einem Torsionsgeschütz. Es war leicht transportierbar, einfach zu bedienen und durchschlug auf mehrere hundert Meter jeden Schild und jede Rüstung. Im Gelände haben die Archäologen mit auf Stöcken aufgesteckten Tennisbällen markiert, wo die Salven einschlugen. Unterstützt wurde der Angriff von orientalischen Bogenschützen. Ihre charakteristischen dreikantigen Pfeile fanden sich ebenfalls. Dem Beschuss mit Fernwaffen folgte ein Infanterieangriff. Ihn gegen den von Germanen besetzten Hang vorzutragen war sicherlich Schwerstarbeit. Seine Stoßrichtung bis hinauf auf die Kammhöhe lässt sich an den verlorenen Eisennägeln der Sandalen verfolgen, der klassischen Fußbekleidung der Legionäre.

Kein Hinweis auf den germanischen Gegner

Mit aller Vorsicht schätzt die Kreisarchäologin Petra Lönne die Stärke der Römer auf eine Abteilung von vielleicht tausend Mann. Sie führte auch einen Tross mit sich. Ein schön gearbeitetes Stück einer Wagenaufhängung, Radnaben, eine Pionieraxt und ein Zelthering belegen es, dazu auch ein eiserner Pferdeschuh, eine Steighilfe, die man für Transportmaultiere in schwerem Gelände einsetzte, da Hufeisen noch nicht in Gebrauch waren.

Der Schlachtplatz aus der Vogelperspektive: der Höhenzug über dem Nettetal
Der Schlachtplatz aus der Vogelperspektive: der Höhenzug über dem Nettetal Bild: dpa

Die Römer siegten. Jene verräterischen Kleinteile, die beim Fleddern der Toten von Rüstungen, Helmen und Kleidung abreißen und die zu Hunderten auf dem wahrscheinlichen Varusschlachtfeld von Kalkriese geborgen wurden, fehlen. Bislang gibt es außer ein paar Speerspitzen keine Hinweise auf die germanischen Gegner. Ebenfalls zu klären bleibt, warum die an Metall immer interessierten Stammeskrieger die römischen Geschosse liegen ließen. Vielleicht, vermutet der Archäologe Achim Rost, weil sie sich zu tief in den Boden eingebohrt hatten.

Entlang einer klassischen Route

Wann hat sich das Gefecht abgespielt? Der einzigen gefundenen Münze mit dem Porträt des Kaisers Commodus (180-192) - die ja nicht unbedingt mit dem Kamp im Zusammenhang stehen muss - springt eine Schwertscheidenverzierung zur Seite, deren Ornamentik sich eindeutig der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts zuordnen lässt. Endgültige Bestätigung dieser Zeitstellung lieferte eine C14-Datierung aus den Holzresten eines Geschützpfeils.

Müssen wir uns darüber wundern, so weit vom Rhein römische Truppen anzutreffen? Die von den Römern begangene Route kann man regelrecht „klassisch“ nennen. Es ist die Vormarschstraße aus der Zeit der Germanenkriege des Drusus und des Tiberius um Christi Geburt. Von Mainz führte sie durch die Wetterau über das in jüngster Zeit gefundene Lager von Hedemünden an der Werra am Westrand des Harzes entlang zur Elbe.

Wider die Legende

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, anzunehmen, Rom habe sich nach der Niederlage in der Varusschlacht, die im Jahre neun nach Christus drei römische Legionen vernichtete, für immer aus Germanien zurückgezogen. Im Gegenteil: Ab der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts schob das Imperium sukzessive seine Grenze über den Rhein und den Oberlauf der Donau vor, eroberte die fruchtbaren Landschaften des Neuwieder Beckens, der Wetterau, der Oberrheinischen Tiefebene, des Main- und Neckartals und errichtete um 120 nach Christus die 550 Kilometer lange, von Palisaden und Mauern gesicherte Kontrollzone des obergermanisch-rätischen Limes.

Zu allen Zeiten beruhte die Sicherung der endlosen Fluss- und Landgrenzen auf der Beherrschung des Vorfeldes. Mit schöner Selbstverständlichkeit nahm Rom sich das Recht, in der Tiefe des germanischen Raums zu operieren und nach dem Prinzip Vorwärtsverteidigung drohende Gefahren abzuwenden. Dies wurde auch beibehalten, als es zu Beginn des dritten Jahrhunderts zu Großangriffen der Alamannen, kam, die 211 und 233 auf breiter Front den Limes durchbrachen.

Ein weites Feld für Archäologen

Die Feldzüge der Kaiser Caracalla (211 bis 217) und Maximinus Thrax (235 bis 238) stießen aus dem Limesgebiet weit in die germanischen Kerngebiete vor. Von Letzterem berichten unsere Hauptquellen, Herodian und die auf ihm basierende „Historia Augusta“, er sei mit einem Heer, in dem vor allem orientalische Kontingente, syrische und armenische Bogenschützen, eine große Rolle spielten, gegen die Germanen gezogen, habe sie in die Sümpfe getrieben und dort einen großen Sieg errungen. Fixiert auf die in Süddeutschland siedelnden Alamannen, hat die Forschung den württembergischen Raum als Ort der „Schlacht im Moor“ angenommen. Der Althistoriker Gustav Adolf Lehmann verweist hingegen darauf, dass auch eine andere Lesart der Quellen möglich ist. Topographie und Entfernung könnten durchaus zum Harzvorland passen.

Doch vor all diesen Vermutungen steht erst einmal der eigentliche Beginn der Ausgrabungen. Allein schon das Ausmaß des Areals, eine Fläche von 1500 mal 500 Metern, wird die Archäologen auf Jahre beschäftigen. Die Arbeit wird sich lohnen. Neben Kalkriese, bislang das einzige ergrabene antike Schlachtfeld weltweit, besitzt ausgerechnet das so weit von Rom entfernte Niedersachsen nun noch das zweite. Segen und Fluch zugleich. Denkt man an den viel zu mageren Forschungsetat vom Varusschlachtfeld, wird man sich wohl auch am Harzrand in Geduld fassen müssen. Zeichen der Hoffnung: Der Kultusminister persönlich war zur Besichtigung vor Ort.

Quelle: F.A.Z.
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