Schau zu Industriekultur

Klein gedacht hat Sachsen groß gemacht

Von Andreas Platthaus
Aktualisiert am 28.07.2020
 - 10:44
Dampfmaschine in Nussschalezur Bildergalerie
Zentrum des deutschen Gewerbefleißes und eine Wiege der künstlerischen Avantgarde: Die Sächsische Landesausstellung zeigt, wie die Herausforderungen des Bergbaus ein Volk der Tüftler und Unternehmer hervorbrachte.

Sächsisches Ingenium denkt gerne kleinteilig, wenn es groß herauskommen will. Inbegriff dafür ist seit Jahrhunderten der berühmte Kirschkern im Dresdner Grünen Gewölbe, in den geduldige Hände zu Renaissance-Zeiten 185 Köpfe eingeschnitzt haben – ob in Sachsen selbst, ist leider unbekannt. Der dortigen Begeisterung fürs Miniaturformat tut das aber keinen Abbruch, und man kann sich vorstellen, mit welcher Freude sächsische Tüftler im Jahr 1893 für die damalige Weltausstellung in Chicago eine Dampfmaschine konstruiert haben, die so klein geriet, dass sie in eine Walnussschale eingebaut werden konnte. „In a nutshell“, wie man auf Englisch zu sagen pflegt, also exemplarisch, wurde hier das Können sächsischer Ingenieurskunst demonstriert. Und sächsischer Witz, denn welches Völkchen nähme sonst zur Selbstdarstellung auf einer Weltausstellung eine idiomatische Wendung einfach wörtlich?

Das damals längst berühmte technische Geschick der Sachsen beruhte auf den Herausforderungen, die der ihren Landesherren vorbehaltene Bergbau im (erst später danach benannten) Erzgebirge seit dem fünfzehnten Jahrhundert an den regionalen Einfallsreichtum gestellt hatte. Das Land wurde darüber zu einer Wiege von Technik und Mechanisierung. Als in der DDR kurz vor deren Zusammenbruch noch ein Mikrochip entwickelt wurde, geschah das natürlich in Sachsen. (Nur böse Zungen verspotteten das Ergebnis 1988 anlässlich der Übergabe des Prototyps an Erich Honecker als „größten Mikrochip der Welt“.) In schönstem Ultramarin-Glas eingebettet, einer Art Schneewittchensarg sozialistischer Fortschrittsträume, ist dieser Chip heute – wie auch die winzige Walnuss-Dampfmaschine – Teil der gerade mit mehrmonatiger Verzögerung endlich doch noch eröffneten Sächsischen Landesausstellung. Ihr Titel lautet recht martialisch: „Boom“.

Wobei damit in erster Linie nicht die lautmalerische Umschreibung eines lauten Knalls gemeint ist, sondern die hierzulande gängige Bedeutung des Worts als Beschreibung einer ökonomischen Hochkonjunktur. Sachsen können aber alles, nicht nur Hochdeutsch, auch Englisch (siehe: in a nutshell), und deshalb widmet sich die Ausstellung zur Darstellung von fünfhundert Jahren sächsischer Industriekultur neben Höhenflügen auch den dafür notwendigen Auf- und Abschwüngen. Siebenjähriger Krieg, Inflationszeit, Nationalsozialismus, Planwirtschaft und Treuhand bedeuteten jeweils harte Rückschläge für die Industrie in Sachsen. Und da sind sonstige Krisen durch den zunächst nationalen und dann internationalen Wettbewerbsdruck noch gar nicht genannt.

Eine Ausstellung zu einem derart reichhaltigen Komplex, selbst wenn es dabei nur um einen deutschen Teilstaat geht, kann gar nicht groß genug gedacht sein. Und so hat man in der Industriestadt Zwickau nicht nur eine legendäre Werkhalle für die zentrale Präsentation ausgesucht – jene 1938 auf dem Werksgelände der Auto-Union errichtete Audi-Halle, in der später zu DDR-Zeiten vom VEB Sachsenring der Trabant zusammengebaut wurde –, sondern gleich noch sechs weitere Satellitenschauplätze in die Landesausstellung integriert: bereits existierende Ausstellungsorte zur sächsischen Industriegeschichte, die dazu jedoch nicht eigens neue Konzeptionen entwickeln mussten. So kann man Schaubergwerke und historische Fabriken besuchen oder über das gewaltige Gelände des Chemnitzer Ausbesserungswerks der Deutschen Reichsbahn streifen – auf Zeitreisen in die Vergangenheit, die gerade nach Besuch der Hauptausstellung das dort gewonnene Verständnis für die Mühen der Industrialisierung vertiefen. Aber dafür muss man sich dann auch durch halb Sachsen mühen.

Bislang ist deshalb der durch „Boom“ erhoffte Boom für die Schauplatzausstellungen ausgeblieben, aber es gibt in der Zwickauer Audi-Halle ja auch schon mehr als genug zu sehen. Beginnend mit dem „Berggeschrey“, das sich um 1470 erhob, als in Sachsen reiche neue Silbervorkommen entdeckt wurden, wird nicht nur Technik-, sondern eben auch Kulturgeschichte erzählt. Der Wechselwirkungen von Wohlstand und Wohlgefallen waren viele: Wer Geld hatte – erst die Fürsten, dann das Bürgertum –, konnte sich mit schönen Dingen umgeben. Einige davon sind in Zwickau zu besichtigen, wobei die konservatorischen Bedingungen in der Audi-Halle für Walnussschalen besser geeignet sind als etwa für Altmeistergemälde. So bleibt der berühmte Annaberger Bergaltar, den die dortigen Bergleute 1520 stifteten, an seinem seitherigen Aufstellungsort in der Annenkirche, obwohl er das Plakatmotiv für „Boom“ geliefert hat. (Von der Bedeutung dieses Kunstwerks her hätte das Gotteshaus der siebte Sonderschauplatz werden müssen.)

Stattdessen begrüßt eine Multiscreen-Videoinstallation die Besucher und führt sie auf Spurensuche in die Welt des Altars. Das ist weitaus origineller als das kunterbunte Reproduktionenensemble von Gemälden der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“, das eine ganze Wand belegt. Immerhin hat das Kunsthaus Zürich großzügig mehrere Bilder von Edvard Munch nach Zwickau ausgeliehen, die dieser für die ihm mäzenatisch verbundene Chemnitzer Industriellenfamilie Esche gemalt hat. Der avantgardistische Urknall, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Sachsen erfolgte, kann so wenigstens teilweise an Originalen sichtbar werden. Wie auch die gleichzeitige Gegenbewegung: eine symbolistisch-mystische Kunstströmung, die ihren exemplarischen Ausdruck in Sascha Schneiders „Glut“ von 1904 fand, einer hocherotisierten Ritualszene, die nur aus dem ambivalenten Verhältnis der Gesellschaft im Deutschen Kaiserreich zur Moderne erklärbar ist und dementsprechend auch keinerlei grenzüberschreitende Beachtung fand – weshalb dieser heiße Traum in Feuerrot aus dem nahen Chemnitzer Museum entliehen werden konnte.

Die Faszination der Ausstellung liegt nicht in der Kunst

Aber die wahre Faszination der Ausstellung liegt in Zeugnissen industriellen Geschicks – seien es technische Schülerzeichnungen von Ingenieursstudenten um 1900, die ein Vierteljahrhundert später problemlos als Bauhaus-Kompositionen durchgegangen wären, oder die auch noch von einer profanen Schemadarstellung jener Förderschächte, die beim Uranbergbau des sowjetisch-deutschen Unternehmens Wismut angelegt wurden, vermittelte Komplexität des Abbaus eines Erzvorkommens. Wobei dieser Ab- eher Raubbau an Natur und Gesundheit der Beschäftigten war. Das ist eines der vielen Kapitel, die in der Ausstellung angerissen, aber im Katalog leider nicht vertieft werden.

So auch nicht die entgegen aller Marx’schen Theorie langlebige Ungleichzeitigkeit von Sein und Bewusstsein. Automatisierung war schon längst eine Domäne der sächsischen Industrie, als um 1910 ein mechanischer Süßwarenspender in Gestalt eines Storchs aufgestellt wurde, der gegen Münzeinwurf kleine Schokoladenpuppen ausspuckte und dabei „Mama“ sagte. Darüber regte sich die Evangelische Kirche in Sachsen nicht etwa deshalb auf, weil sie im Klapperstorch eine Verhöhnung göttlichen Kindersegens gesehen hätte, sondern weil der Automat auch am heiligen Sonntag arbeitete. Nun ist der überlebensgroße gottlose Blechvogel Teil der schönsten Idee der ganzen Landesausstellung: einer wunderkammerähnlichen Vitrinenwand, zu der es auf einem Monitor Dutzende kleine Geschichten von Innovations- und Ungeist zu lesen gibt. Inmitten dieser Wand ist übrigens auch die Dampfmaschine in der Walnussschale angebracht – als winzige Wunderkammer in der großen. Was der Kurator Thomas Spring da geleistet hat, das ist schon enorm.

„Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen“. Die Hauptausstellung ist zu sehen im Audi-Bau, Zwickau, bis zum 31. Dezember. Dazu kommen sechs Schauplatzausstellungen: gleich nebenan im August Horch Museum Zwickau, im Industriemuseum Chemnitz, im Schauplatz Eisenbahn in Chemnitz-Hilbersdorf, im Bergbaumuseum Oelsnitz, in der Tuchfabrik Gebr. Pfau in Crimmitschau und im Forschungs- und Lehrbergwerk Freiberg. Der immens textreiche, aber bei weitem nicht das ganze Spektrum der Ausstellung abdeckende Katalog ist im Sandstein Verlag erschienen und kostet in der Ausstellung 19,90 Euro, im Buchhandel 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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