Sensationsfund in Pompeji

Den Grabräubern knapp entkommen

Von Tilman Spreckelsen
28.02.2021
, 16:12
Sechs Meter unter die heutige Oberfläche des Areals von Pompeji mussten Archäologen vordringen, um auf einen seltenen Prozessionswagen aus römischer Zeit zu stoßen. Grabräuber waren ihm gefährlich nahe gekommen.

Mancher Jubel über sensationelle archäologische Funde hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand, dieser aber ist berechtigt: Der römische Prozessionswagen, der in der ländlichen Umgebung Pompejis entdeckt wurde, ist nicht nur als Fund einzigartig, er war auch in ernster Gefahr, durch Unachtsamkeit und Gier zerstört zu werden.

Dass im Bereich von Civita Giuliana, etwa 700 Meter nördlich der eigentlichen Stadt Pompeji, derzeit überhaupt gegraben wird, dient nicht nur dem Gewinn von Erkenntnissen, sondern soll auch ein sichtbares Zeichen gegen Grabräuber sein: Seit die ersten illegalen Tunnel entdeckt wurden, mit denen in einigen Metern Tiefe Zugang zu den Bauten aus römischer Zeit gesucht wurde, war es offensichtlich, dass die Behörden handeln mussten, um den unwiderruflichen Verlust an Informationen über das Leben in der verschütteten Stadt und ihre Bewohner nicht noch größer werden zu lassen.

Diese Tunnel hatten bereits die Villa erreicht, deren Überreste schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts teilweise untersucht worden waren, wobei insgesamt fünfzehn Räume ans Licht kamen, die zum Teil als Wohnräume, zum Teil der landwirtschaftlichen Produktion des Gutes dienten. Die Räume wurden bei der Zerstörung der Stadt im Jahr 79 nach Christus vom pyroklastischen Strom bedeckt, der sich vom Vesuv bergabwärts bewegte – als die Mitarbeiter des Archäologischen Parks von Pompeji nun zur Villa vorstießen, erreichten sie eine Tiefe von bis zu sechs Metern unter der heutigen Oberfläche.

Eine Tür in die Antike

Erst am 7. Januar diesen Jahres stießen die Archäologen auf erste Spuren eines vierrädrigen, reich verzierten Prozessionswagens aus Eisen und Bronze, und es ist ein mittleres Wunder, dass das Gefährt den Grabräubern entgangen war, denn zwei von ihnen angelegte Tunnel führen dicht an dem Wagen vorbei. Andernfalls wäre nicht viel von ihm übrig geblieben, denn seine zerbrechlichen Bestandteile hätten eine andere Grabungsmethode als die sehr vorsichtige der Spezialisten aus Pompeji wohl kaum überstanden – vor allem diejenigen Teile, die wie die Seile nur noch in Abdrücken nachweisbar waren. Dabei ist schon der genaue Fundort interessant: Unmittelbar über dem Wagen lagerte eine verkohlte, nun vorsichtig geborgene Decke aus Eichenholz, die einst den Portikus bedeckte, in dem das Gefährt stand. Der Portikus führte zu einer Tür aus Buchenholz, hinter der ein Stall lag, in dem bereits 2018 die Überreste von drei Huftieren entdeckt worden waren. Alle Grabungen waren von Stabilisierungs- und Restaurationsarbeiten begleitet.

Gabriel Zuchtriegel, der neu bestimmte Leiter des archäologischen Parks, hatte neue Ausgrabungen in der noch zu einem erheblichen Teil mit Sediment bedeckten Stadt noch nicht als Priorität benannt: „In Pompeji müssen wir vor allem erhalten und wissenschaftlich aufarbeiten, was ausgegraben wurde. Es ist ein immenses Erbe, und es gibt viel zu verbessern – in den Depots wie in den bereits erschlossenen Bereichen.“ Die Situation in Civita Giuliana zeigt, welch breites Spektrum an Bedeutung der Begriff „Erhalten“ hierbei umfassen kann. Und sie zeigt einmal mehr, wie lohnend der Blick auf die Landgüter der nahen Umgebung sein kann, um die engere Stadt besser zu verstehen.

Quelle: FAZ.NET
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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