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Simeon Wade über Foucault

Foucault im Death Valley

Von Heather Dundas
 - 22:33
Veränderte diese Erfahrung wirklich sein Leben und sein Werk? Michel Foucault mit dem Musiker Michael Stoneman in der Wüste

Der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) zählt bis heute zu den einflussreichsten und wegweisenden Denkern und Theoretikern der 1960er und 1970er Jahre. Seine Untersuchungen zur Geschichte der wissenschaftlichen Wissenssysteme, der geschichtlichen Dynamik von Machtverhältnissen und der Geschichte der Sexualität haben ganze Forschungsbereiche inspiriert und werden immer noch ausgiebig zitiert und auch gelesen. In den Vereinigten Staaten etwa zählt Foucault zu den dauernden Referenzen des aktuellen Feminismus wie auch der Queer Theory. Darüber hinaus wird er dort ganz allgemein als der Vermittler und Händler der „French Theory“ angesehen, des französischen Denkens, wie es sich von den sechziger bis in die achtziger Jahre in Frankreich entwickelte und das mit Namen wie Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard und Foucault selbst verbunden ist.

Foucault war seit 1970 immer wieder als Gastprofessor und Vortragsreisender in den Vereinigten Staaten, mit Vorliebe in Kalifornien, tätig. Während eines Seminars, das er 1975 an der University of California in Berkeley gab, luden ihn der Historiker Simeon Wade und dessen Freund, der Musiker Michael Stoneman, zu einem Kurztrip ins Death Valley ein – und Foucault stimmte zu. Wade, der am vergangenen Dienstag gestorben ist, war einer der ersten Foucaultianer in Amerika; 1970 in Harvard promoviert, ist er seit 1972 als akademischer Lehrer in Kalifornien tätig gewesen. Die Geschichte der kurzen Wüstenreise liefert möglicherweise eine Erklärung für einen Bruch zwischen Foucaults erstem Band der Geschichte der Sexualität und den Folgebänden. In der Forschung sind die Gründe dieses Bruchs umstritten und auch, ob es sich überhaupt um eine einschneidende Veränderung im Denken Foucaults handelt. Das Interview über die Reise hat Heather Dundas für das kalifornische „Boom Online Magazin“ am 27. Mai dieses Jahres mit Wade geführt.

Wie sind Sie mit Michel Foucault ins Death Valley gekommen?

Es war ein Experiment. Ich wollte sehen, wie einer der größten Denker in der Geschichte mit einer Erfahrung umgeht, die er nie zuvor gemacht hatte: in dieser prächtigen Wüstenlandschaft eine angemessene Dosis klinisches LSD einzunehmen und sich gleichzeitig verschiedenen Formen von Entertainment auszusetzen. Wir waren zwei Tage und eine Nacht im Death Valley.

Hatten Foucault und Stoneman das LSD schon genommen, als das Foto entstand, und war es im Juni nicht furchtbar heiß im Death Valley?

Ja, wir hatten es schon genommen, und es war sehr heiß. Gegen Abend kühlte es aber ab. Wir gingen zum Zabriskie Point, um die Venus aufgehen zu sehen. Michael stellte Lautsprecher um uns herum auf. Außer uns war niemand da, und wir hörten Elisabeth Schwarzkopf Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ singen. Ich sah Tränen in Foucaults Augen. Wir legten uns auf dem Rücken in eine der Mulden und sahen die Venus kommen und später die Sterne. Wir blieben zehn Stunden am Zabriskie Point. Michael spielte noch Charles Ives’ „Three Places in New England“, Stockhausens „Kontakte“ und einiges von Chopin... Foucault hatte eine tiefe Beziehung zur Musik, Pierre Boulez war einer seiner Studienfreunde.

Das ist eine gute Playlist, aber warum ausgerechnet LSD?

Die Offenbarung des Heiligen Johannes auf Patmos soll, so sagen einige, von dem Fliegenpilz Amanita muscaria inspiriert worden sein. LSD ist das synthetische chemische Äquivalent zur halluzinogenen Kraft der Fliegenpilze. Viele der großen Erfindungen, die die Zivilisation möglich machten, kamen aus Gesellschaften, die bei ihren religiösen Ritualen halluzinogene Pilze einnehmen. Wenn es stimmt, dass chemische Stoffe eine solche Kraft haben, dachte ich, was passiert dann, wenn sie auf einen großen Denker wie Foucault treffen?

Aber warum dieser weite Weg, fünf Stunden Fahrt von Claremont ins Death Valley?

Weil Michel und ich schon so viele wundervolle Trips in die Wüste des Death Valley gemacht hatten. Wenn man klinisches LSD an einem Ort wie dem Death Valley nimmt, kann man Harmonien hören wie bei Chopin, die phantastisch strahlendste Musik, die du je gehört hast und die dir beibringt, dass es da noch „mehr“ gibt.

Bis vor kurzem galt die typische Siebziger-Jahre-Idee, das Bewusstsein durch halluzinogene Drogen zu erweitern, als so von gestern, dass sie schon fast lächerlich wirkte. Aktuelle Forschungen haben die Verdammung psychedelischer Erfahrungen wieder in Frage gestellt.

Das wurde aber auch Zeit! Während der Trips sah ich das Firmament, wie es wirklich ist, in seinen ganzen phantastischen Farben und Formen, und hörte Echos des Big Bang, die klangen wie ein Chor von Engeln, so wie sich das auch schon die Alten vorgestellt hatten.

Sie wollten Foucault LSD geben, damit er auch diese phantastisch strahlende Musik, diese „glorious music“, hört?

Nicht nur das. Es war 1975, „Die Ordnung der Dinge“ war 1966 in Frankreich erschienen. „Die Ordnung der Dinge“ handelte vom Ende des Menschen, seinem unvermeidlichen Tod genauso wie vom Ende des Humanismus, der, wie Foucault argumentierte, in der Form, die ihm die Renaissance gegeben hatte, nicht mehr lebensfähig war. Bis zu dem Punkt, wo er sagt, das Gesicht des Menschen sei ausgelöscht worden.

Es gibt eine berühmte Stelle am Ende von „Die Ordnung der Dinge“, in der sich Foucault eine Welt ohne die Machtstrukturen der Aufklärung ausmalt: „Wenn diese Dispositionen verschwänden, ... dann kann man sehr wohl wetten, dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“

Ich dachte, wenn ich Foucault LSD gebe, würde er sicher verstehen, dass es verfrüht ist, unsere Menschlichkeit und unseren Geist, wie wir ihn bis jetzt kennen, auszulöschen, eben weil er sehen würde, dass es andere Formen des Wissens gibt als die der Wissenschaft, und weil er das Thema des Todes anders als bisher in seinem Denken behandeln würde. Die enorme Betonung der Endlichkeit, Endlichkeit, Endlichkeit reduziert unsere Hoffnung.

So haben Sie Foucault für eine Art Wiedergeburt ins Death Valley geführt?

Genau. Es war eine transzendentale Erfahrung für Foucault. Er schrieb uns ein paar Monate später, dass es die größte Erfahrung seines Lebens war und dass sie sein Leben und sein Werk grundlegend verändert habe.

Zu dem Zeitpunkt des Trips hatte Foucault gerade den ersten Band seines auf sechs Bände angelegten Werks zur Geschichte der Sexualität, „Der Wille zum Wissen“, veröffentlicht. Er hatte außerdem den Rest des Werks öffentlich skizziert und anscheinend auch schon einige weitere Bände fertig geschrieben. Wann wurde seine Post-Death-Valley-Veränderung in seinem Werk sichtbar?

Sofort. Er schrieb uns, dass er die Bände zwei und drei der Geschichte der Sexualität ins Feuer geworfen habe und die Arbeit noch einmal neu beginnen müsse. Vielleicht war das bloß seine Art zu reden, ich weiß es nicht, aber er vernichtete wenigstens frühere Versionen der beiden Bände und schrieb sie vor seinem vorzeitigen Tod 1984 neu. Die Titel dieser beiden letzten Bücher sind emblematisch für den Eindruck, den die Erfahrung unseres Trips bei ihm hinterlassen hat: „Der Gebrauch der Lüste“ und „Die Sorge um sich“, ohne Erwähnung der Endlichkeit. Alles, was er nach dem Trip von 1975 gemacht hat, ist der neue Foucault. Plötzlich äußerte er Sachen, die die französische Intelligenzia schockierten.

Welcher Art?

Es waren Äußerungen wie die, dass er herausgefunden hätte, wer der wirkliche Kolumbus der Politik gewesen sei, nämlich Jeremy Bentham. Bentham war zu der Zeit eine sehr respektierte Figur, Foucault aber sah in ihm nun einen intellektuellen Schurken. Oder seine Kritik an Marx und Engels, wir sollten in Marx eher einen exzellenten Journalisten sehen als einen Theoretiker, wie er meinte. Und all diese Dinge waren nach dem Death-Valley-Trip in Foucault eingegangen und waren durch die Erfahrung verstärkt worden. Der Foucault von 1975 bis 1984, das war ein neues Wesen.

Sie haben auch erwähnt, dass manche Menschen mit Ihrem Experiment nicht einverstanden waren und dachten, Sie wären leichtsinnig mit seiner Gesundheit umgegangen.

Viele Akademiker waren sehr kritisch und meinten, das wäre ein manipulativer Umgang mit dem Geist eines großen Menschen. Aber Foucault war sich vollkommen im Klaren darüber, was er tat, und außerdem waren wir die ganze Zeit bei ihm.

Dachten Sie damals an die Auswirkungen dieser Erfahrung auf Ihre Karriere?

Im Nachhinein muss ich sagen, hätte ich es tun sollen.

War es eine einmalige Erfahrung? Haben Sie Foucault danach wiedergesehen?

Ja, Foucault besuchte uns wieder. Zwei Wochen später waren wir mit ihm in den Bergen – es war eine Bergerfahrung.

Wieder mit Musik und LSD?

Ohne LSD, aber mit allem anderen. Nachdem er uns nach dem zweiten Besuch verlassen hatte, setzte ich mich hin und schrieb einen Bericht über unsere Reise mit dem Titel „Death Valley Trip“. Er ist nie veröffentlicht worden, aber Foucault las ihn. Wir hatten eine andauernde Korrespondenz. Und dann verbrachten wir noch 1981 eine phantastische Zeit mit ihm, als er als Gast auf einer Konferenz in Kalifornien war.

Haben Sie seine Briefe aufgehoben?

Ja, um die zwanzig. Der letzte wurde 1984 geschrieben. Er fragte, ob er mit uns in Silverlake leben könnte, als er bereits an seiner tödlichen Krankheit litt. Ich glaube, er wollte sterben wie Aldous Huxley, der seine Frau fragte, ob sie ihm LSD injizieren könne, als er im Sterben lag. Ich sagte ihm natürlich zu. Unglücklicherweise hat ihn aber die Falltür der Geschichte mit sich genommen, bevor er die Reise antreten konnte.

Aus dem Englischen von Cord Riechelmann.

Im englischen Original ist der Beitrag von Heather Dundas unter der Überschrift „Michel Foucault in Death Valley: A Boom Interview with Simeon Wade“ Anfang September in „Boom California“ erschienen.

Quelle: F.A.S.
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