Berliner Playmobilwelt

Skaten verboten

EIN KOMMENTAR Von Niklas Maak
07.11.2021
, 14:25
Die Skater waren schon lange vor der Wiedereröffnung da – jetzt dürfen sie nicht mehr fahren:  Skateboarder vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin
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Seit Jahrzehnten treffen sich die Skater Berlins auf dem Platz vor der Neuen Nationalgalerie. Doch die Herren des soeben wiedereröffneten Hauses wollen sie nun vertreiben. Eine falsche Entscheidung.
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Zu den seltsamsten Spielzeugboxen, die man bei Playmobil kaufen kann, gehört die „Police-Kommandozentrale mit Gefängnis“. Für 60 Euro bekommt man einen Knast aus weißem Plastik mit Wachtürmen, Überwachungskameras, vielen Gittern und zwei Polizisten. Es gibt auch jemanden, der gerade abhauen will – es ist ein Skater, der auf seinem Board davonsaust. Es ist nicht ganz klar, was sich die Designer dabei gedacht haben, als sie das Set entwarfen und den Verbrecher nicht als klassischen Räuber gestalteten oder, moderner, als Cum-ex-Geschäftsmann mit Krawatte und Geldkoffer: Soll das spielende Kind lernen, dass Skateboarder archetypische Delinquenten sind, deren Treiben die Staatsmacht ein Ende setzen muss?

In Berlin haben sich die Hausherren der soeben wiedereröffneten, teuer sanierten Neuen Nationalgalerie auf die Seite der Playmobilpolizisten geschlagen: Seit dem vergangenen August hatten sich dort Skateboarder aus allen Teilen der Stadt getroffen. Ab sofort ist es aber verboten, dort zu fahren. Das ist eine seltsame Entscheidung: Überall versucht man, die Jugend, auch die aus den sogenannten bildungsfernen Schichten, an die Kultur heranzuführen und die Schätze im Museum als kulturelles Erbe aller Bürger erlebbar zu machen.

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Aber anstatt ihre akrobatischen Auftritte vor dem Museum als Performances, ihre Kickflips oder Slides als eigene Kunstform zu feiern und sie, wo sie schon mal gekommen sind, bei Regen in die Ausstellungshallen hineinzulocken, werden die Skater in Berlin als Sachbeschädiger stigmatisiert, die im Epizentrum der Hochkultur nichts zu suchen haben: Geht zurück in eure Plattenbauviertel und fahrt da herum.

Kunstvolle Loopings

Beim Berliner Skater-Verbot geht es auch um die Frage, wer die Deutungshoheit hat, was Kultur sein soll und wer an ihr in welcher Form teilnehmen darf. Anderswo wird die Skater-Subkultur längst von den großen Kulturinstitutionen gefeiert und zieht ein ganz eigenes Publikum an: Die Plätze vor dem Macba in Barcelona und vor der Casa da Musica in Porto haben sich zu internationalen Skater-Spots entwickelt, bei der São-Paulo-Biennale und vor Frank Gehrys neuem Kulturzentrum in Arles hat die Künstlerin Koo Jeong A fluoriszierende Halbkugeln in den Boden gesenkt, die als Halfpipe genutzt werden dürfen; bis spät in die Nacht sausen dort die Skater herum und führen vor, welche kunstvollen Loopings zwischen Skulptur und Performance möglich sind. In Berlin, wo man sich gerade das größte Playmobilschloss der Welt gebaut hat, will man mit all diesen Formen von Gegenwart nichts zu tun haben:

Auf der Website der Stiftung Preußischer Kulturbesitz darf die Künstlerin Veronika Kellndorfer zwar erklären, dass die Nationalgalerie dann am schönsten sei, wenn man „an einem Sonntagnachmittag in der Halle steht und draußen die Skater fahren“ sehe – verboten wird es trotzdem. Der Konflikt ist alt: Schon 1997 ließ die Verwaltung Sand streuen, um die Skater zu vertreiben, damals argumentierte man, die Glasscheiben des Museums seien in Gefahr; schon damals hätte man sie durch einfache Maßnahmen schützen können. Worum geht es wirklich? Damals gab der Verwaltungsdirektor zu Protokoll, dass die „Klackgeräusche den Kunstgenuss der Museumsbesucher beeinträchtigen“ würden. Die Grundsatzfrage lautet: Ist das Museum ein Ort, der allen Bürgern gehört und vor dem eine Gesellschaft neue Ausdrucksformen erproben darf – oder eine Weihestätte, der man sich nur lautlos, andächtig und ohne Räder nähern darf? Und stören Skater auf dem Vorplatz wirklich die Ruhe des Bildbetrachters in den Tiefen der Ausstellungsräume?

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Auf Change.org werden jetzt Unterschriften gesammelt für die Rückkehr der Skater. Sie täte auch der „Stiftung preußischer Kulturbesitz“ gut, die manchmal auch eher an eine von Plastikpolizisten regierte Playmobilwelt erinnert. Man kann nur hoffen, dass Klaus Biesenbach, der designierte neue Chef der Nationalgalerie, der aus Los Angeles, einer Hochburg der Skater, kommt, weiß, dass auch deren Kunst ihre Orte in der Stadt braucht.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Maak, Niklas
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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