Spanien

Dienst am König

Von Paul Ingendaay
15.08.2012
, 17:00
Halb Spanien brennt, und der Umweltminister amüsiert sich in der Stierkampfarena. Immerhin kann er für seine Absenz eine originelle Ausrede vorweisen.

Die tiefsten Einblicke in die Seele eines Landes erhält man, wenn Menschen etwas Peinliches unterläuft. Die einen schweigen, die anderen plappern daher, nur Entschuldigungen hört man nie. Der Kulturgeschichte des Sichherausredens hat der spanische Landwirtschafts- und Umweltminister Miguel Arias Cañete jetzt ein kleines Juwel hinzugefügt. Wie es denn sein könne, fragte die Opposition, dass er, „während Spanien brannte“, in Cádiz gewesen sei, beim Stierkampf mit dem König.

Hunderttausend Hektar von den Flammen verzehrt, und der Herr Umweltminister zeigt sich an keinem der Katastrophenpunkte, sondern vergnügt sich in der Arena. Ja, sagte Arias Cañete, da könne er leider nichts machen. Die Regierung habe ihn geschickt. „Es ist eine der Aufgaben der Minister, den König bei offiziellen Terminen zu begleiten. Den Termin bestimmt nicht der Minister. Dem Minister gibt man Anweisung, den König zu begleiten, und er führt die Anweisung aus, die er erhalten hat.“

Spanische Geschichte der Peinlichkeiten

Das mit der Anweisung ist so hübsch, dass man sich kaum traut zu fragen, wo Cañete denn an den anderen acht Tagen war, an denen er als oberster Umweltverantwortlicher des Landes ruhig mal an der Seite eines Löschfahrzeugs hätte auftauchen dürfen. Ist nicht Gerhard Schröder in Dresden durch die Fluten des Hochwassers marschiert und hat den Menschen Hilfe versprochen? Aber vielleicht erwarten wir auch zu viel. Schon Cañetes Dienstherr Mariano Rajoy ist ja in das goldene Buch der Peinlichkeiten eingegangen, als er 2002, nach der Öltankerkatastrophe der „Prestige“ vor der Küste Galiciens, verharmlosend von den „Fädchen“ sprach, die aus dem gesunkenen Tanker austräten, „Fädchen“, die aussähen wie „Knetgummi“. Wenn heute jemand in Spanien das Wort „Fädchen“ in den Mund nimmt, kommt als Antwort: „Die Fädchen von Rajoy!“

Übrigens hat damals auch der galicische Ministerpräsident Manuel Fraga keine gute Figur gemacht. Er ging lieber jagen, statt die Schäden der Ölpest zu besichtigen. Wer vor zehn Jahren die Show gerettet hat, war König Juan Carlos I. Er ging als Erster „zu seinem Volk“. Heute tut er sich etwas schwerer, weil ihn Verletzungen immer wieder ans Bett fesseln, neulich erst der dreifache Hüftbruch bei der Elefantenjagd in Botswana. Und vergangene Woche ist er wieder gestolpert, es gibt Fotos davon: Der König hat eine sonderbare Vorliebe fürs öffentliche Stolpern. Immerhin hat er sich nichts gebrochen. Wie gut, sonst hätte er ja nicht zum Stierkampf nach Cádiz fahren können. Und welche Ausrede hätte Arias Cañete dann gehabt, nicht zu den Waldbränden zu fahren?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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