Sparen auf Niederländisch

Hochkultur? Nur ein linkes Hobby

Von Dirk Schümer
08.07.2011
, 14:31
Was wird aus einem Land, das an der Kultur spart?
Orchester und Tanz- Ensembles verschwinden, Museen müssen sparen: Die niederländische Kultur erlebt einen Kahlschlag sondergleichen. Der guten Laune im Land tut das keinen Abbruch. Warum nur?

Riesige Einsparungen bei Theater, Oper, Museen, Orchestern, und das mitten in einem soliden Wirtschaftsaufschwung - ein solches Streichkonzert würde wohl in keinem Land der Regierung Sympathien einbringen. Außer in Holland. Wo pragmatischer Kaufmannsgeist und calvinistische Nüchternheit Alltag wie Politik durchdringen, hat eine Megakürzung von zweihundert Millionen Euro jährlich jetzt Gesetzeskraft. Geiz ist angesagt in Den Haag. Beim nächtlichen „Marsch der Kultur“ von Rotterdam nach Den Haag waren Ende Juni gerade einmal tausend Erboste mitgelaufen, darunter der Regisseur Pierre Audi und der Dichter Ramsey Nasr. Bei der Ankunft übernachteten die Demonstranten in Theatern der Hauptstadt, nur um dann live mitzubekommen, wie das Parlament emotionslos ein Drittel allen Geldes für die Bühnenkunst und immerhin noch zehn Prozent der Museumsmittel ab 2013 aus dem Etat strich.

Es hat sich gezeigt, dass die alten Mittel der Achtundsechziger-Generation, mit Krach und Provokation das soziale und politische Leben aufzumischen, jetzt nicht mehr greifen. Die nächtlichen Marschierer wirkten eher wie eine müde Kopie der wilden Kunstaktionen und Sit-ins aus der Hausbesetzerzeit. In der Szene der Kiffer und Kraker der siebziger Jahre hätte es bei einer Generalattacke der Regierung auf die Kultur gewiss Stinkbomben-Attentate und Straßenschlachten gegeben, nun reagierten die nüchternen Nachgeborenen des Internet-Zeitalters höchst geschäftsmäßig: Gleichzeitig mit den Streichungen verkündeten die Universitäten, dass sie fortan ein Viertel der Studienplätze für bildende Künstler und Tänzer streichen und zehn Prozent weniger Musiker ausbilden werden.

Hinweg mit den alten Webfehlern

Die geringere Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, die Tausende Existenzen in Kunst und Musik überflüssig macht, ist schließlich amtlich. Von den zehn Orchestern werden nur acht überleben, davon fünf nur rudimentär mit einem Drittel weniger Subventionen. Tanz-Ensembles wird es statt sieben nurmehr vier geben. Ein Theater und eine Oper bekommen gar kein Geld mehr, denn landesweit reichen nach Ansicht der Regierung acht Bühnen und zwei Opernhäuser vollständig aus. Bei den Museen müssen alle den Gürtel enger schnallen, doch nahm die Regierung in letzter Minute die Schließung der Forschungseinrichtungen im Amsterdamer Rijksmuseum zurück. Nun soll dort sogar ein internationales Zentrum für die Kunst der Alten Niederländer entstehen.

Lächelt die Hochkultur hinweg: Premierminster Mark Rutte mit dem Sänger Waylon bei einem Festival in Wageningen
Lächelt die Hochkultur hinweg: Premierminster Mark Rutte mit dem Sänger Waylon bei einem Festival in Wageningen Bild: dpa

Bemerkenswert am niederländischen Kahlschlag ist vor allem die gute Laune, mit welcher die rechtsliberale Regierung ihn exerziert. Alte Seilschaften, die früher dem mächtigen Kultursektor im Amsterdamer Grachtengürtel halfen, sind von einem Geist radikaler Marktwirtschaft abgelöst worden, vor dem in Deutschland selbst der Wirtschaftsflügel der FDP zurückschreckt. Premier Rutte verweist auf derzeit sechzig Millionen Euro neuer Schulden pro Tag und reiht die Kulturkürzungen als Fußnote in sein Reformprogramm ein. Achtzehn Milliarden Euro innerhalb von vier Jahren werden im Gesundheitswesen, in der Bildung, bei den Arbeitslosen eingespart. Es trifft alle, sagt Rutte. Und setzt noch moralisch einen drauf: „Die Niederlande werden durchs Sparen ein besseres Land“, weil alte „Webfehler“ aus der untergegangenen Epoche des Sozialstaates endlich beseitigt würden.

Mit Kultur kann man keine Wahlen mehr gewinnen

Trifft es wirklich alle? Der duldende Koalitionsteilhaber, Geert Wilders' „Partij voor de Vrijheid“, hat ebenso wie die Christdemokraten dafür gesorgt, dass bei Hausbesitzern, bei den Autobahnen oder im Banksektor von Sparmaßnahmen abgesehen wurde. Dennoch ist es Rutte gelungen, seine Beliebtheitswerte zu steigern, indem er gleichzeitig für Nothilfen zugunsten griechischer Staatsanleihen plädierte und bei der Kultur kühl kappte. Sechzig Prozent aller Holländer, auch noch die Hälfte des Kulturbürgertums, zeigten sich mit den Sparmaßnahmen einverstanden.

„Rechtspopulismus“ lautet in solchen Fällen naturgemäß das Mantra der schwächelnden Kulturlobby. „In Holland fegt der freie Markt wie ein Orkan über die vielgestaltige Landschaft“, stand in der „Volkskrant“ zu lesen. Endlose Debattenbeiträge und Leserbriefe über den immateriellen Mehrwert von Bühne, Musik und Museum füllten die mindestens vier Qualitätszeitungen das Landes. Die Sozialdemokraten geißelten „eine Irrsinnspolitik an allen Fronten: Kultur, Umwelt, Bildung“. Solche Reflexe lassen den smarten Kultur-Staatssekretär Halbe Zijlstra auch darum kalt, weil er seine Statistiken kennt: Weniger als die Hälfte aller Niederländer hat im vorigen Jahr überhaupt ein Museum besucht; gerade einmal acht Prozent waren in der Oper. Bei den Wählern von Wilders, der Hochkultur gern als „linkes Hobby“ verspottet, sind die Zahlen noch viel niederschmetternder. Mit Kultur, so die Botschaft, kann man keine Wahlen mehr gewinnen. Und ohne sie wird man sie nicht automatisch verlieren.

Das Gejammer der Branche, in welcher nun allerhand Arbeitsplätze und Existenzen akut bedroht sind, ist gewiss auch aus Resignation kaum angeschwollen. Was ist mit Talentsuche? Was mit Experimenten? So klagt Els Swaab, die unter Protest zurückgetretene Vorsitzende des Kulturbeirates, eines der zahlreichen Beratungsorgane im Hinterzimmer, in denen bisher die wahre politische Macht ausgeübt wurde. Auch die „Kommission für Bühnenkunst“ ist komplett abgetreten, doch der Staatssekretär wirkt, als würde er solche Posten am liebsten gar nicht wieder besetzen.

Rembrandt hatte ja auch keine Behördenstelle

Halbe Zijlstra ist gemeinsam mit einigen Parteifreunden mitten in der Kampagne gegen sein vermeintlich „kulturfeindliches Kabinett“ in die Offensive gegangen. Und das ist wohl der echte Paradigmenwechsel, der Deutschland noch bevorsteht: Man habe sich ganz bewusst gegen das „graue Mittelmaß“ entschieden. Flaggschiffe mit internationalem Rang - Concertgebouw-Orkest, Nederlands Danstheater, Rijksmuseum, Oper Amsterdam - kommen in der Tat glimpflich davon, während man sich von der flächendeckenden Beglückung mit Hochkultur und immer neuen Wellen der Moderne bis auf die Dörfer offenherzig verabschiedet.

Was kann, was will sich ein reiches Land an Musik, Theater, Kunst leisten? Gehört der bürgerliche Kunstgenuss bei Vernissagen und Premieren noch auf die Agenda wirtschaftsfreundlicher Volksparteien? Und ist es nicht ein Signal, wenn das geplante Nationale Geschichtsmuseum in Arnheim zugunsten eines preiswerten Internetauftritts rund um den niederländischen Historienkanon eingespart wird? Mark Rutte - und das unterscheidet seine Regierung von verzagten Sparpolitikern in Zeiten des Eurodesasters - preist ganz altliberal den Vorzug des Rückzugs. Es sei, so der Premier, nicht unbedingt Aufgabe des Staates, selbst Kultur zu produzieren. Wenn eine Region an friesischem Theater, an abstrakter Malerei oder, beispielsweise, an der Oper in Maastricht hängt, so Zijlstra, möge eine solche „sympathische Idee“ doch gern von den dortigen Autoritäten oder Sponsoren finanziert werden.

Für die Kultursubvention gilt ab sofort dasselbe offizielle Diktum wie für andere Sozialgießkannen: Wer einmal davon versorgt werde, bleibe dauerhaft abhängig, werde immobil und de facto von der produktiven Gesellschaft ausgeschlossen. Rembrandt, so war in der Debatte zu hören, hatte ja auch keine Behördenstelle. Sind subventioniertes Theater, Oper, Museum also bloße Schlacke im Wettbewerb der Innovation? Birgt Sparen am Guten, Schönen, Wahren gar große Chancen für eine schlanke Gesellschaft? In den Niederlanden kann man bald überprüfen, was fehlt, wenn viel Kultur erst gar nicht mehr entsteht.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot