Abschied von Stephen Hawking

Sicheres Nachleben

Von Gina Thomas, London
18.06.2018
, 09:12
Der Dekan von Westminster in Begleitung von Hawkings erster Frau Jane Hawking und seiner Tochter Lucy Hawking in Westminster Abbey.
Stephen Hawking wurde am Wochenende in der Westminster Abbey neben Darwin und Newton beigesetzt. Auf dem Grabstein steht eine Formel, auch Benedict Cumberbatch spricht.
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Als Charles Darwin im April 1882 starb, erreichte den in Frankreich weilenden Dekan von Westminster Abbey ein Telegramm des Präsidenten der königlichen Akademie der Naturwissenschaften, in dem stand, es sei „für eine große Anzahl unserer Landsleute aller Klassen und Meinungen“ akzeptabel, dass „unser berühmter Landsman, Mr Darwin, in Westminster Abbey bestattet werden sollte“. Obwohl Darwin nicht gläubig war, telegraphierte der Dekan, ohne einen Augenblick zu zögern, zurück, dass er mit Freuden zustimme.

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In der auch als Pantheon der Nation dienenden Abtei erinnerte nun der Astronom Martin Rees in seiner Ansprache zum letzten Geleit seines vor drei Monaten gestorbenen Freundes und Kollegen Stephen Hawking an diesen Briefwechsel. Er zitierte auch aus einem Schreiben Darwins an den amerikanischen Botaniker Asa Gray, in dem er seine feste Überzeugung äußerte, dass die Religion zu tiefgründig sei für den menschlichen Intellekt. „Ein Hund könnte genauso gut spekulieren über den Geist Newtons“, schrieb Darwin und fügte hinzu: „Lasst jeden Menschen hoffen und glauben, was er kann.“ Hawking, so Rees, habe seine naturwissenschaftliche Suche zwar als Versuch bezeichnet, den Geist Gottes zu verstehen, dies sei jedoch bloß eine Metapher gewesen.

Als wollte er ein für alle Mal aufräumen mit dieser Frage, erklärte Rees, der Astrophysiker sei wie Darwin Agnostiker gewesen. Aus der kleinen Zuschauermenge, die sich vor dem Westportal der Abtei versammelt hatte, war zuvor eine einsame Stimme zu vernehmen gewesen, die beklagte, dass die Glocken heute für einen Nichtgläubigen schlugen.

„Schaut hinauf zu den Sternen und nicht hinunter auf die Füße“

Mehr als 27.500 Menschen hatten sich an einer Verlosung um tausend Karten beteiligt, die zur Teilnahme berechtigten an dem Gedenkgottesdienst, in dessen Rahmen nun die Asche des Astrophysikers neben den Gräbern von Charles Darwin und Isaac Newton beigesetzt wurde. Eine Handvoll derer, die leer ausgegangen waren, kamen trotzdem, um Hawking die Ehre zu erweisen. Zu ihnen gesellten sich Touristen, die enttäuscht vor den geschlossenen Türen standen und erfahren wollten, ob sie London verlassen müssten, ohne diese Sehenswürdigkeit abhaken zu können, sowie anderen, die hofften, Prominente zu erspähen wie den Schauspieler Benedict Cumberbatch, der Hawking in der Filmbiographie „Die Suche nach dem Anfang der Zeit“ verkörpert hatte, oder den Labour-Parteiführer Jeremy Corbyn, den der Dekan laut Programm am Westportal empfangen sollte. Corbyn schaffte es jedoch nicht rechtzeitig und musste nach Beginn durch einen diskreten Nebeneingang geleitet werden. „Lasst ihn nicht rein“, zischte ein Zuschauer. „Taugenichts“, rief ein anderer. „Ich liebe ihn“, erwiderte eine junge Frau.

Hawkings Grabesstätte in Westminster Abbey
Hawkings Grabesstätte in Westminster Abbey Bild: Reuters

Und dann löste sich die Gruppe draußen alsbald auf, während drinnen Hawking nicht nur als bahnbrechender Forscher geehrt wurde, sondern auch als vorbildlicher Kämpfer gegen Widrigkeiten und als Musikliebhaber. Diese verschiedenen Facetten fanden in der Auswahl der Lesungen, Kirchenlieder und Kompositionen ihren Niederschlag. Sie zeichnete das Bild eines neugierigen Humanisten, dessen Mantra, so Rees, gewesen sei: „Schaut hinauf zu den Sternen und nicht hinunter auf die Füße.“

Musik von Richard Wagner, dem sich Hawking nach der Diagnose seiner degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems zugewandt hatte, „als jemandem, der zur düsteren und apkalyptischen Stimmung passte, in der ich mich damals befand“, umrahmte das Programm. Am Anfang erklang der Karfreitagszauber aus dem dritten Akt von „Parsifal“, am Ende der Walkürenritt, den Hawking erstmals 1964 erlebte, als er die Bayreuther Festspiele mit seiner Schwester besuchte. Dazwischen lagen Stücke wie Gustav Holsts „Venus“ aus der Suite „Die Planeten“ und Edward Elgars pathetisches „Nimrod“ aus den Enigma-Variationen, die ebenso wie der Auszug aus Shelleys philosophischem Gedicht „Queen Mab“ über die Möglichkeit der Verbesserung des Menschen Bezug hatten zu Hawkings Beschäftigung mit der Kosmologie.

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Hawkings besondere Leistung liegt in den Fragen

Während Newton Antworten geliefert habe, liege Hawkings besondere Leistung in den Fragen, mit denen er das Rätsel der Entstehung zu entschlüsseln suchte, sagte der amerikanische Physiker Kip Thorn in seiner Würdigung. Martin Rees sah in Hawkings Erkenntnis, dass das Universum aus etwas mikroskopisch Kleinem hervorgegangen sein könnte, „eine überwältigende kosmische Analogie“ zu Darwins Evolutionstheorie. Auf dem Grabstein des Astrophysikers steht dessen Formel zur Theorie über die schwarzen Löcher, umrahmt vom gleichen Spruch, der, allerdings in Latein, auch auf Newtons schlichten Grabstein gemeißelt ist: „Hier liegt das, was an Stephen Hawking sterblich war.“

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Unmittelbar nach der Feier wurde von der ESA-Antenne im spanischen Cebreros eine zu den Klängen des griechischen Komponisten Vangelis von Hawking gesprochene Friedensbotschaft in das nächste, 3457 Lichtjahre entfernte schwarze Loch gestrahlt. Hawkings Tochter nannte das eine symbolische Geste, die einen Zusammenhang schaffe zwischen der Gegenwart ihres Vaters auf diesem Planeten, seinem Wunsch, ins Weltall zu reisen, und seinen gedanklichen Erforschungen des Universums. Vielleicht war Hawking vorschnell, als er den Glauben an ein Nachleben als Märchen abtat, das erfunden worden sei für Menschen, die Angst vor der Dunkelheit hätten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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