FAZ plus ArtikelStreit um die Gedenkkultur

War der Holocaust eine koloniale Tat?

Von Claudius Seidl
01.03.2021
, 14:49
Ist die deutsche Art, der eigenen Verbrechen zu gedenken, borniert? Muss die Ermordung der europäischen Juden aus postkolonialer Perspektive betrachtet werden? Über den neuen Historikerstreit.

In diesen Tagen wird allseits daran erinnert, dass seit genau 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland (die Gegend hieß damals Germania inferior) belegt ist – und wer aus diesem Anlass nicht nur Schönes und Besinnliches sagt, sondern daran erinnert, dass vor nur achtzig Jahren dieses Leben ein für allemal ausgelöscht werden sollte, was ein unfassbares, ungeheures, beispielloses und historisch absolut singuläres Verbrechen sei: Der setzt sich damit dem Vorwurf aus, dass das eine bornierte und provinzielle Haltung sei, ein typisch deutscher Sonderweg.

Wer nämlich den Massenmord an den europäischen Juden nicht nur pflichtgemäß verdamme und verabscheue, sondern aus dieser Schuld der Groß- oder Urgroßväter die Verpflichtung zur unumstößlichen Loyalität und Solidarität gegenüber den Juden und dem Staat Israel ableite: Der mache es sich letztlich bequem in den vertrauten moralischen Verhältnissen. Und vergesse darüber all die anderen Opfer von Rassismus und kolonialer Gewalt, inklusive der Palästinenser in Gaza und dem Westjordanland. Zudem sei das Beharren auf der Einzigartigkeit des deutschen Verbrechens womöglich nur ein Vorwand dafür, den Kontext und die Vorgeschichte zu ignorieren und aus dem Massenmord einen moralischen Betriebsunfall zu machen, ein gewissermaßen ahistorisches Ereignis, das man aus der deutschen Erinnerung und Geschichte gut auslagern kann – als gut gesicherte moralische Bad Bank, in der deutsche Schuld und Erinnerung konserviert werden, aber mit der deutschen Gegenwart, dem deutschen Alltag keine Berührungspunkte mehr haben.

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen.

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

F.A.Z. PLUS:

  Sonntagszeitung plus

F.A.Z. PLUS:

  F.A.Z. digital

Diesen und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+
Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot