Streit um Autobiographie

Apropos Allen

EIN KOMMENTAR Von Andreas Kilb
07.03.2020
, 10:46
Hat Woody Allen vor achtundzwanzig Jahren seine Adoptivtochter Dylan Farrow missbraucht? Der Vorwurf ist nicht bewiesen, überschattet aber jetzt die Veröffentlichung von Allens Autobiographie.

Das Bitterste am Skandal um Woody Allen ist der Gedanke, dass wir wohl nie erfahren werden, was wirklich passiert ist. Im Sommer 1992 soll Allen seine damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan Farrow sexuell missbraucht haben. Der Fall, der nie vor Gericht kam, wurde vom Sorgerechtsstreit zwischen Allen und seiner Lebensgefährtin Mia Farrow überschattet, die er mit Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn betrogen hatte. Vor sechs Jahren wiederholte Dylan Farrow, die Gutachter als verträumtes Kind mit schwankendem Realitätssinn bezeichnet hatten, in der „New York Times“ den Missbrauchsvorwurf. Ihr jüngerer Bruder Ronan, inzwischen ein bekannter Sachbuchautor und Auslöser der Ermittlungen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein, stellte sich auf ihre Seite, während Dylans älterer Bruder Moses seinem Adoptivvater Woody Allen beisprang. Auch Mia Farrow und Soon-Yi mischten sich ein.

Den Inhalt des Buchs kennt fast niemand

„Gestörte Person“, „gehirngewaschen“, „Monster“ sind einige der Ausdrücke, die zwischen den ehemaligen Mitgliedern der Familiengemeinschaft gewechselt wurden. Eine Versöhnung ist nicht in Sicht, eine Aufklärung des Tatbestands auch nicht, weshalb alle öffentlichen Aussagen zur Sache Meinungsäußerungen sind: Die einen halten Allen für schuldig, die anderen nicht. Jetzt aber hat er seine Autobiographie verfasst, und der Streit, der darum entbrannt ist, dreht sich erstaunlicherweise nicht um den Inhalt (den fast niemand kennt), sondern um die Frage, ob das Buch überhaupt erscheinen soll.

In den New Yorker Büros der Verlagsgruppe Hachette, die es in Amerika veröffentlicht, sind mehrere Mitarbeiterinnen aus Protest in den Ausstand getreten. Ronan Farrow, dessen Enthüllungsbuch „Catch and Kill“ ebenfalls bei Hachette herauskam, hat dem Verlag mangelndes Mitgefühl für Opfer von sexuellem Missbrauch vorgeworfen. Wäre die Ablehnung des Manuskripts, das zuvor von vier Verlagen verworfen worden war, ein Zeichen des Mitgefühls gewesen?

Die Produktionsfirma Amazon Studios hat Allens letzten Film „A Rainy Day in New York“ vom amerikanischen Markt verbannt, um sich in der MeToo-Debatte keine Blöße zu geben. Falls Hachette ebenfalls einen Rückzieher macht, könnte die Autobiographie als livre maudit aus Europa, wo sie am 7.April gleichzeitig in Spanien, Frankreich, Italien und – bei Rowohlt – in Deutschland erscheint, nach Amerika zurückkehren. Dann hätte Allen den Scoop geschafft, der ihm mit keinem seiner zunehmend weltfremd und altbacken wirkenden jüngeren Spielfilme gelungen ist. „Apropos of Nothing“ soll das Buch heißen, zu deutsch: „Ganz nebenbei“. Das ist die Untertreibung des Jahrzehnts.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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