Aussage zu Kapitolsturm

Heldinnenmut

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
30.06.2022
, 08:09
Unter Eid: Cassidy Hutchinson
Die junge Cassidy Hutchinson bringt Donald Trump mit ihrer Aussage zum Kapitolsturm in höchste Bedrängnis. Ist das nun sein „politischer Nachruf“?
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Cassidy Hutchinson ist erst sechsundzwanzig und hat sich schon in das Geschichtsbuch der amerikanischen Demokratie eingetragen. Wie noch niemand vor ihr hat sie vor dem Untersuchungsausschuss zum Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 detailliert dargelegt, wie sich der damals noch amtierende, aber abgewählte Präsident der Vereinigten Staaten an diesem Tag verhielt und wie Donald Trump die Bestätigung der Wahl seines Nachfolgers Joe Biden verhindern wollte.

Er wies die Secret-Service-Beamten an, bewaffnete Unterstützer zum Weißen Haus vorzulassen, er wollte mit den Bewaffneten zum Kapitol und griff sogar seinem Fahrer ins Lenkrad, um sich an die Spitze des Mobs zu setzen, der die amerikanische Demokratie an diesem Tag fast erledigt hätte.

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Ist das die „Smoking Gun“?

Den Heldinnenmut von Cassidy Hutchinson, die bedroht wird und unter Polizeischutz steht, kann man nur bewundern. Sie hat den Mut, den ihre Chefs in Trumps Entourage nicht hatten: auszusprechen, dass der Oberboss gerade durchdreht, sich im Allmachtswahn endgültig zum Autokraten wandelt und die Demokratie abschafft.

Ist diese Aussage vor dem Ausschuss die berühmte „Smoking Gun“, will der Moderator Jake Tapper bei CNN wissen. Also der Punkt, an dem sich das Blatt wendet? Ja, das ist sie, sagt Alyssa Farah Griffin, einst Kommunikationsdirektorin im Weißen Haus. Und: Cassidy Hutchinson habe die „Magnitude of the Moment“ begriffen.

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Ihr Gespür für die – historische – Bedeutung, für die Größe des Augenblicks würde man anderen (Stichwort „Zeitenwende“) gerne wünschen. Man wünscht sie jeder und jedem. Denn wird ein solcher Augenblick verpasst, sind nur Bücklinge und Speichellecker wie Rudy Giuliani zur Stelle, landet man am Ende im System Putin.

Dessen Lautsprecher, der TV-Moderator Wladimir Solowjow, sagte an dem Tag, an dem es in Washington um die Zukunft der Demokratie ging, in seiner Kriegshetzershow in Moskau: „Stalins Fehler war, Deutschland existieren zu lassen.“ Dass man diesen „Fehler“ jederzeit ohne großen Aufwand revidieren könne, daran ließ Solowjow keinen Zweifel.

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Donald Trump verbreitet „Trash Talk“

Donald Trump wiederum zeigte sich so niederträchtig, wie man ihn kennt. Jede Äußerung von Cassidy Hutchinson kommentierte er quasi live und verbreitete „Trash Talking“ auf seiner Plattform „Truth Social“. Nie habe er gesagt oder auch nur gedacht: „Hängt Mike Pence“. Das sei erfunden oder Fake News. Cassidy Hutchinson kenne er kaum, schrieb Trump, erinnerte sich dann aber doch genau genug an sie, um zu wissen, dass er ihre Anfrage, ob sie nach seiner Amtszeit mit seinem Team nach Florida gehen könne, persönlich abgelehnt habe. Sie sei sehr aufgebracht und wütend gewesen, weil er sie abgelehnt habe. Nun nehme sie Rache.

Dass Trump, der mit Essen wirft, wenn ihm etwas nicht passt, es mit derart kleinem Karo probiert, muss einen nicht wundern. Doch fällt es inzwischen sogar den Schreihälsen auf Fox News schwer, die Dummheit und Gefährlichkeit dieses Mannes kleinzureden. Das sei Trumps „politischer Nachruf“ gewesen, meint der Watergate-Enthüller Bob Woodward bei CNN. Um den zu vervollständigen, fehlt noch die Anklage gegen Trump und seinen Rechtsberater John Eastman wegen versuchten Staatsstreichs. Wegen eines Putschversuchs, der nur ganz knapp vereitelt wurde, weil einige das Richtige taten.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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