Ruf aus Belarus

Ich habe mich in mein Volk verliebt

Von Katrin Hillgruber
Aktualisiert am 26.08.2020
 - 09:24
Sie vermisst in ihren Büchern die persönlichen Himmel und Höllen der Zeitgenossen: Swetlana Alexijewitsch.
An diesem Mittwoch muss die Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch in Minsk zum Verhör, kurz vorher erzählte sie noch aus Belarus: Die von Haft Bedrohte hatte vor dem Vergessen gewarnt.

„Erinnerungssturz“ – kein Thema könnte besser zu Swetlana Alexijewitsch passen. Der Ausdruck mit seiner reizvollen Patina impliziert die Doppelfrage, ob sich der Einzelne in die Erinnerung stürzt oder vielmehr diese ihn stürzt. Das beschäftigt die zweiundsiebzigjährige belarussische Literaturnobelpreisträgerin bereits seit mehr als vierzig Jahren, in denen sie kontinuierlich an ihrer Geschichte der Sowjet-Utopie und deren Opfer schreibt, am drastischsten wohl in dem Buch „Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ (2013). Schon lange war Alexijewitschs Auftritt bei den Literaturtagen im Südtiroler Städtchen Lana geplant, die diesmal eben das Motto „Erinnerungssturz: Bezeugte und erzählte Geschichte“ haben. Aber dann verhinderte erst die notorische Pandemie Alexijewitschs Reise nach Lana – und seit dem 9.August, dem Tag der Parlamentswahlen in Weißrussland, erlebt sie auch noch das geradezu Hegelsche Überraschungsmoment einer aufkeimenden Revolution vor der eigenen Haustür. Eine solche Frau bleibt da nicht daheim.

Seit seinen Anfängen vor 34 Jahren widmet sich das Festival von Lana unter der Ägide von Christine Vescoli und Elmar Locher der Frage nach dem Erinnern und seiner Umsetzung in Schrift – mit Gästen von Ruth Klüger über Péter Nádas bis zu Cécile Wajsbrot, deren aktueller Roman „Zerstörung“ über behördlich verordneten App-Zwang und kulturellen Gedächtnisverlust sich beklemmend liest. Zur Eröffnung der diesjährigen Ausgabe füllt nun am Montagabend ein Interieur aus Minsk die Leinwand auf der Bühne des Raiffeisenhauses, das mit seinen gewagten Schrägen und rustikalen Brauntönen aparterweise an sowjetische Repräsentationsbauten der sechziger Jahre erinnert.

Im dunkelgrünen Ledersessel

Es ist kein Livestream; das Gespräch von Alexijewitsch mit ihrer Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt wurde aber eigens für die Literaturtage aufgezeichnet. Womöglich hätte es auch sonst gar nicht stattfinden können, denn unmittelbar vor der Eröffnung ist bekanntgeworden, dass Svetlana Alexijewitsch für den heutigen Mittwoch gemeinsam mit siebzig Mitgliedern des oppositionellen Koordinierungsrates zum Verhör einbestellt worden ist – wegen des Vorwurfs eines „illegalen Versuchs der Machtergreifung“, der in Belarus mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden kann. Die eigene Bedrohung und die Vorbereitung auf ihre Verteidigung hätten wohl schwerer gewogen als eine Verabredung mit dem Literaturfestival zum Livestream.

Das Gespräch war dennoch brandaktuell. Ursprünglich hätte es darin um die Motive und Methoden von Alexijewitschs Schreiben wie in ihrer Weltkriegs-Chronik „Die jüngsten Zeugen“ gehen sollen, doch der Gegenwart war nicht auszuweichen. Swetlana Alexijewitsch strahlt in ihrem dunkelgrünen Ledersessel gespannte Energie aus, sie ist umgeben von verglasten Bücherschränken. Neben einem schwarzen Faxgerät liegt eine große Muschel – von jener Art, die das eigene Blutrauschen hören lässt, wenn man sie ans Ohr hält. Doch noch nie war die Nobelpreisträgerin so nahe am Puls ihrer belarussischen Landsleute.

„Hier findet eine Revolution statt“, konstatiert sie, „und die Herrschenden und die Polizeikräfte, die in den ersten Tagen Handgranaten auf friedliche Demonstranten warfen, rund siebentausend Menschen ins Gefängnis sperrten und dort schlimmsten Misshandlungen aussetzten, sie schlugen und erniedrigten, versuchen, die Erinnerung zu zerstören.“ Den Verletzten werde im Krankenhaus die Behandlung verwehrt, ihre Schilderungen über das ihnen Zugefügte würden nicht dokumentiert: „Auf diese Weise soll die Erinnerung getilgt werden.“ Damit trifft das brutale, für sie „beinahe asiatische“ Vorgehen der belarussischen Sicherheitskräfte den Grundantrieb ihrer Arbeit, ihrer unermüdlich mit Zeitzeugen geführten Interviews: „Erinnerung ist fast so etwas wie ein lebendiger Organismus, dem man ehrlich dienen muss, um nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, was uns widerfahren ist.“

Sie schlugen und erniedrigten

Swetlana Alexijewitsch, die früh selbst die staatliche Repression zu spüren bekam, hatte sich nach den Wahlen an Präsident Aleksandr Lukaschenka gewandt und ihn aufgefordert, ohne Blutvergießen zu gehen. Diesen Appell beurteilt sie mittlerweile skeptisch: „Wir möchten gerne den Gandhi-Weg gehen, friedlich. Doch der Präsident ist nicht bereit zum Dialog mit der Gesellschaft, mit der Zeit, mit den neuen Menschen, die es jetzt gibt.“ Gerade sie schenken der vom postsowjetischen Fatalismus nicht ganz freien Autorin andererseits eine zuvor ungeahnte Hoffnung, wenn sie aus ihrer Wohnung im sechsten Stock des Hauses blickt. Die vielen tausend Menschen auf den umliegenden Hügeln, die Frauen oft in Weiß mit Blumenschmuck, haben ihr, wie sie sagt, eines klargemacht: „Es hat ein Wandel stattgefunden im Bewusstsein der Menschen. Tschechows Ausspruch, der Mensch müsse den Sklaven Tropfen für Tropfen aus sich herauspressen, wurde bei uns umformuliert: Nicht tropfenweise, sondern eimerweise – das haben die Menschen inzwischen getan. Ich sah plötzlich ganz andere Menschen, ich habe mich in mein Volk verliebt.“

Am Ende des Gesprächs verrät Alexijewitsch, dass sie darüber nachdenke, ihr Buch „Secondhand-Zeit“ jetzt um ein Kapitel zu ergänzen, mit dem Tenor: „Warum verschwindet die Repression nicht aus unserem Leben?“ Ein Demonstrant habe ihr erzählt, wie er im dunklen Innenraum eines Gefängniswagens überwältigt wurde: „Ein Sack über den Kopf, wie früher beim NKWD. Gogol und Tschechow, die werden bei uns nicht überliefert, aber ein Sack über den Kopf, so etwas wird weitergegeben.“ Trotz ihrer Hoffnung auf Veränderung und Freiheit herrscht bei Swetlana Alexijewitsch deshalb die Angst vor einem drohenden Bürgerkrieg vor: „Noch balancieren wir auf der Grenze dazu.“ Heute könnte mit ihrem Verhör die Grenze überschritten werden.

Quelle: F.A.Z.
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