Symbolisch

Picassos "Guernica" in der UN-Zentrale verhüllt

Von Thomas Wagner
10.02.2003
, 12:06
Kein „angemessener Hintergrund” mehr: Die „Guernica”-Reproduktion vor dem Sitzungssaal
Als Colin Powell und Hans Blix in New York ihre Positionen in der Irak-Krise erläuterten, sollte die Weltöffentlichkeit eines nicht sehen: Pablo Picassos "Guernica", das in Form einer Tapisserie im Vorraum zum Sitzungssaal des Sicherheitsrats hängt.
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Im Vorkrieg der Medien fürchten Politiker noch immer die Macht von Bildern, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Als der amerikanische Außenminister Colin Powell und der Chef der UN-Waffeninspekteure Hans Blix vergangene Woche vor der internationalen Presse in New York ihre Positionen zu einem möglichen Krieg gegen den Irak erläuterten, sollte die Weltöffentlichkeit eines nicht sehen: Pablo Picassos "Guernica", das in Form einer Tapisserie, die Nelson A. Rockefeller 1985 den Vereinten Nationen geschenkt hat, im Vorraum zum Sitzungssaal des Sicherheitsrats hängt.

Picassos aufwühlendes Memento, das bekannteste Anti-Kriegs-Bild des zwanzigsten Jahrhunderts, war von einem blauen Vorhang mit UN-Logos verhüllt worden. Es sei, so ein Diplomat, kein "angemessener Hintergrund", wenn Powell oder der Botschafter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, John Negroponte, über Krieg redeten und dabei von schreienden Frauen, Kindern und Tieren umgeben seien, die das durch Bombardements verursachte Leid zeigten. Ein Sprecher der Vereinten Nationen bekräftigte, der Vorhang sei "ein angemessener Hintergrund für die Kameras".

Die Entscheidung, Picassos bildhaften Aufschrei, dessen Original 1937 als Reaktion auf die Bombardierung und Zerstörung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Luftwaffe gemalt wurde, zu verhüllen, ist ein symbolischer Akt. Er beschädigt nicht nur die Erinnerung, die Picassos Ereignisbild beschwört, er beschädigt auch die menschliche Gabe, im klaren Bewußtsein der Leiden und im Angesicht der Opfer - seien sie auch nur gemalt - über Krieg oder Frieden zu streiten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2003, Nr. 34 / Seite 31
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