Tayyip Erdogan

Der Kapitän

Von Karen Krüger
30.06.2012
, 19:21
Den Profivertrag bei Fenerbahçe schlug er aus: Der Fußballer Erdogan, Mitte der siebziger Jahre.
Es ist noch gar nicht so lange her, da lud Tayyip Erdogan die Assads zum gemeinsamen Urlaub nach Bodrum ein. Nun lässt er an der Grenze Truppen aufmarschieren. Was treibt den türkischen Ministerpräsidenten an?

Als die Assads noch die nettesten Nachbarn der Welt waren, verbrachten die Erdogans einmal ein paar Urlaubstage mit ihnen in Bodrum. Der türkische Ministerpräsident und seine Frau Emine fuhren zum Flughafen, um die Assads persönlich abzuholen, es gibt eine ganze Reihe Fotos davon. Der Himmel ist blau, die Sonne strahlt, man sieht, wie sie einander auf dem Rollfeld begrüßen, und wenn man die Fotos länger betrachtet, dann fällt einem auch auf, wie unglaublich gerade Baschar al Assad dauernd seinen Rücken hält. Ganz anders Erdogan: Ständig fasst er Assad am Arm oder an der Schulter, was ein wenig tapsig wirkt und eher so, als sei der Mann auf dem Rollfeld nicht der syrische Präsident, sondern vielleicht ein etwas überfordert wirkender Schwiegersohn oder Cousin, den Erdogan vor Freude gleich drücken, vielleicht auch auf beide Wangen küssen wird. Asma al Assad lächelt leicht verlegen, ist aber wie immer reizend anzusehen. Sie trägt Pumps und ein schwarzes kurzes Kleid. Emine Erdogan hat ein Kopftuch umgebunden und ein Jackett an und einen Rock aus schwerem weißem Stoff. Auf einem Bild hebt ein Windstoß ihre Jacke, es ist zu erkennen, dass der Rock um ihre Taille spannt und einem kleinen Bauch die Chance gibt, sich äußerst deutlich abzuzeichnen.

Emine Erdogan muss dieses Detail ihres Auftritts später sehr unangenehm gewesen sein. Und sicherlich waren sie und Erdogans Berater-Team auch für die andere Wahrheit nicht blind, die sich ihnen auf den Fotos grausam zeigte: Neben der Eleganz der Assads wirkten die Erdogans sympathisch, aber irgendwie plump und ziemlich provinziell.

Persönlich betrogen

Etwas von dem Glamour der Assads würde schon auf sie abfärben, hatten Emine Erdogan und ihr Mann damals, der gemeinsame Urlaub in Bodrum war 2008, sicherlich angenommen und sich darauf gefreut. An internationaler politischer Anerkennung mangelte es dem türkischen Ministerpräsidenten zu diesem Zeitpunkt zwar nicht - den besten Beweis für den Erfolg seiner neuen außenpolitischen Strategie mit dem programmatischen Titel „Null Probleme mit den Nachbarn“ hatte Erdogan ja gerade zum gemeinsamen Urlaub abgeholt. Was ihm aber fehlte, war die Anerkennung der türkischen Haute-Volée, die mit großer Freude über das Paar lästerte. Eingeladen zu deren Partys und Empfängen wurden die Erdogans nur, wenn es um private Vorteile ging. Und so war die Freundschaft mit den schicken Assads nicht nur politisch verheißungsvoll, sondern auch die Chance, es einmal dem türkischen Establishment so richtig zu zeigen. Man kann sagen: Es gelang. Umso größer ist freilich die Häme, die Erdogan heute wegen des Urlaubs mit dem syrischen Diktator ertragen muss. Die türkische Zeitung „Hürriyet“ ließ es sich nicht nehmen, mit einer riesigen Fotostrecke im Internet genüsslich auszubreiten, wie sympathisch man sich einmal fand.

Als sie noch Freunde waren: Die Erdogans und die Assads im August 2008 in Bodrum.
Als sie noch Freunde waren: Die Erdogans und die Assads im August 2008 in Bodrum. Bild: AP

Dass die Assads auf die Türkei und auf die Erdogans herabschauen, ist schon länger bekannt. Als die Situation in Damaskus im vergangenen Jahr eskalierte, nahm Erdogan den syrischen Präsidenten in Schutz, glaubte monatelang an die Reformversprechen von „Baschar“ (die beiden duzten sich), und als er sie brach, fühlte „Tayyip“ sich öffentlich blamiert: als dessen väterlicher Freund und als dessen politischer Lehrmeister, und als Mediator bei Nachbarschaftsstreitereien im Nahen Osten, denn als solcher hatte er sich gesehen. Und Erdogan machte keinen Hehl daraus, dass er sich auch persönlich betrogen fühlte: „Die Freundschaft der Türkei ist wertvoll, aber jeder sollte wissen, dass der Zorn der Türkei gewaltig sein kann“, sagte er am Dienstag in einer Rede vor den Abgeordneten seiner Partei, nachdem der Nato-Rat den Abschuss eines türkischen Militärflugzeugs durch die syrische Luftabwehr als „nicht hinnehmbar“ verurteilt hatte. Al Dschazira übertrug Erdogans Worte live in die arabische Welt. Wer dort den Fernseher einschaltete, sah einen Erdogan, der stellenweise wirkte, als knöpfe er sich den ehemaligen Freund gerade selbst an einer dunklen Straßenecke vor: Tief und ruhig die Stimme, sparsam die Gesten, doch in der Botschaft bedrohlich und äußerst klar.

Islam und Moderne

Es hätte auch schlimmer kommen können. In der Türkei hielt man während der Rede den Atem an, denn Erdogan ist berühmt für seine Ausraster, wenn er sich persönlich angegriffen fühlt, und diesmal war sogar ein Krieg möglich. Erdogan wird dann zum rhetorischen Bulldozer, sagt Dinge, die keine Entschuldigung der Welt zurückholen kann. „Delikanli“ - „verrücktes Blut“ nennen sie in der Türkei die jungen pubertierenden Männer, die keine Kinder mehr, aber auch noch keine Erwachsenen sind, und so wird Erdogan von seinen Kritikern geschimpft, wenn sein Temperament mal wieder mit ihm durchgegangen ist. Wie ein roter Faden ziehen sich entsprechende Auftritte durch seine politische Karriere: Erdogan, der in Davos vom Podium stürzt, nachdem er den israelischen Präsidenten vor aller Welt brüskiert hat; Erdogan, der im Europa-Rat in Wien eine französische Abgeordnete so beleidigt, dass sie fast in Tränen ausbricht; Erdogan, der bei einem öffentlichen Auftritt in Istanbul so gegen Journalisten wettert, dass der aufgeheizte Mob sich auf die anwesenden Reporter stürzt und diese verprügelt. Erdogan (man spricht den Namen EHR-do-ahn aus) ist empfindlich wie ein rohes Ei.

Mal ist es die Verletzung des hohen Guts der Freundschaft, die ihn beleidigt, mal fühlt er sich in seiner Religiosität, mal in seinem Stolz verletzt. Kein anderer türkischer Politiker führte sein Land so nah an die Tore Europas wie er, kein anderer schüttelte gegen diese Tore so oft die Fäuste. Immer fühlt er sich verraten, meint, man nehme ihn - was dann gleichbedeutend ist mit der Türkei und den Türken an sich - nicht ernst. Schon dreimal wurde Recep Tayyip Erdogan zum türkischen Ministerpräsidenten gewählt, und im November vergangenen Jahres schaffte er es auf das Cover des „Time Magazine“: Erdogan habe den Beweis erbracht, dass die Moderne und der politische Islam miteinander vereinbar seien, und den arabischen Revolutionären gezeigt, dass sie ihre Länder modernisieren können, ohne ihre Religion dabei zu verraten. Er ist ein Vorbild. In den Staaten des Arabischen Frühlings wird er wie ein Popstar gefeiert.

„Weiße“ und „schwarze“ Türken

Dass sich das türkische Modell nicht auf Staaten übertragen lässt, die keine demokratischen Traditionen kennen, ist inzwischen deutlich geworden. Das aber hindert die arabischen Islamisten nicht daran, Erdogan bei Besuchen wie einen Popstar zu empfangen und ihr Auftreten nach seinem Vorbild zu modellieren. Einen Ministerpräsidenten, der Anzug trägt und gleichzeitig keinen Heh-l daraus macht, religiös zu sein, und so oft wie möglich in der Moschee betet, gab es in ihrer Welt nie. Erdogan hat Breitenwirkung. Warum wird er nicht endlich souveräner angesichts seines Erfolgs?

“Er ist und bleibt ein Kasimpasali“, sagen seine Diplomaten entschuldigend, wenn sie nach einem seiner Wutanfälle mal wieder versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Kasimpasa ist ein altes Hafenviertel am Goldenen Horn von Istanbul. Dort wurde Erdogan im Jahr 1954 als Seemannssohn geboren, dort wuchs er auf. Dort lernte er jener Erdogan zu sein, den man besser nicht reizen soll - in Kasimpasa werden Kämpfertypen produziert.

Der Staatsmann Erdogan.
Der Staatsmann Erdogan. Bild: AFP

Noch heute stehen die jungen Männer dort nur breitschultrig und wild gestikulierend vor den Teehäusern - wer ihnen nicht gefällt, tritt besser zur Seite. Noch immer ist das Viertel für seine Überfälle und Taschendiebe bekannt, wird deshalb gemieden von reichen Istanbulern. Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum sie dort nicht anzutreffen sind: In Kasimpasa wohnen vor allem jene Menschen, die man „Schwarze Türken“ nennt, für sie hat das alte Establishment nur ein Naserümpfen übrig: einfache Leute, zugewandert aus Anatolien oder von der Schwarzmeerküste, die immer erfolgloser, religiöser und traditionsbewusster als andere gewesen sind und seit den fünfziger Jahren nach Istanbul kommen, weil sie glauben, dass dort Glück und Wohlstand zu finden seien. Das dachte auch Erdogans Vater Ahmed. Als Dreizehnjähriger kam er aus der Schwarzmeerstadt Rize an den Bosporus. Erdogan weiß aus der Erfahrung seiner Familie, wie es sich anfühlt, ganz unten zu sein. „In diesem Land gibt es eine Trennung zwischen weißen und schwarzen Türken. Euer Bruder Tayyip gehört zu den schwarzen“, sagte er vor einigen Jahren auf einer Wahlkampfveranstaltung, und die Leute liebten ihn dafür. Erdogan spricht wie sie, bewegt sich wie sie und kommt von dort, wo viele von ihnen noch heute leben oder - das gilt besonders auch für viele Türken in Deutschland - einmal hergekommen sind.

Imam Beckenbauer

Wie bei vielen von ihnen reichte auch bei den Erdogans das Geld nicht, das der Vater Ahmed abends nach Hause brachte. Als Kind musste Erdogan deshalb etwas als Straßenhändler dazuverdienen. Er verkaufte Sesamkringel, und wenn ihn jemand prellte, dann zahlte er angeblich mit der Faust zurück. An eine teure Ausbildung, womöglich im Ausland, wie es für die Kinder der „weißen Türken“ selbstverständlich war und noch immer ist, war nicht zu denken. Stattdessen schickte der strenge und tiefgläubige Vater seinen Sohn Erdogan auf eine Imam-Hatip-Schule, die eigentlich der Erziehung des theologischen Nachwuchses dient. Doch Imam werden wollte Erdogan nicht - fromm genug war er für diesen Beruf zwar, spielte aber einfach viel zu gerne Fußball, und das auch noch ausgesprochen gut. Im Viertel wurde er deshalb „Imam Beckenbauer“ genannt.

Als Rechtsaußen fing er an und hätte sich wohl kaum träumen lassen, dass das kleine Fußballstadion von Kasimpasa eines Tages seinen Namen tragen würde. Heimlich musste er jahrelang dorthin laufen - wegen der kurzen Hosen empfand sein Vater den Sport als unislamisch und hatte dem Sohn das Fußballspielen verboten. Tayyip Erdogan konnte sich ausmalen, was passieren würde, sollte sein Geheimnis auffliegen: Dem „Wall Street Journal“ erzählte er, wie sein Vater ihn einmal an den Füßen aufhängte - Erdogan hatte geflucht.

Nur für echte Freunde

Erdogan studierte Betriebswirtschaft, liebäugelte mit einer Karriere als Profifußballer, lehnte das Angebot von Fenerbahçe aber ab. Stattdessen stieg er als Buchhalter in einer Wurstfabrik ein, wechselte später zu den Istanbuler Verkehrsbetrieben. Nach dem Militärputsch von 1980 kündigte er, denn der neue Chef, ein Offizier, verlangte, dass sich die gesamte Belegschaft die Gesichter glattrasiert - bis heute gelten bei türkischen Militärs nur Bartlose als echte, wahre Demokraten. Erdogan wollte seine Gesichtsbehaarung behalten und ging lieber. In der islamistischen Bewegung von Necmettin Erbakan, der Erdogans politischer Ziehvater wurde und aus ihm im Jahr 1994 den ersten islamistischen Bürgermeister Istanbuls machte, lernte er seine Frau Emine kennen. Das Paar hat vier erwachsene Kinder.

Dass man im Palast der Assads auch auf Emine Erdogan hinabschaut, stellte sich erst kürzlich heraus, als Hacker den E-Mail-Account des syrischen Präsidentenpaars knackten. Emine Erdogan dachte, sie seien Freundinnen, nachdem sie und Asma al Assad sich während der politischen Gespräche ihrer Männer stundenlang die Zeit mit Tee und Kuchen, plaudern, spazieren gehen und Galeriebesuchen vertrieben hatten. Also bemühte sie sich um die private E-Mail-Adresse der syrischen First Lady - man könnte sich ja auch einfach mal so schreiben.

Doch die vermeintliche neue Freundin hatte gar keine Lust auf weiteren Austausch: Ihr Account sei nicht für Emine Erdogan, sondern nur für echte Freunde und Familienangehörige bestimmt, schrieb sie Ende 2011 an die Tochter des Emirs von Qatar, mit der sie vor der Arabellion gern die Pariser Boutiquen unsicher gemacht hatte. Emine Erdogans Enttäuschung über diese öffentlich gewordene Zurückweisung muss riesig gewesen sein. Sicherlich sprach sie mit ihrem Mann darüber. Und ein Kasimpasali mag es gar nicht, wenn seine Frau beleidigt wird. In seiner Sicht auf die Welt darf das allerhöchstens der eigene Ehemann.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton.
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