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Teurer Irrtum

Gemeinwissen gegen Geheimwissen

Von Dietmar Dath
 - 20:35

Früher war die Sache übersichtlich: Wenn man Fahrräder oder Holz verkaufen wollte, ging man auf den Markt, begab sich in den Wettbewerb und schimpfte auf den Staat, weil der den Tausch bürokratisch und steuerlich behinderte, ja in gelegentlichem sozialem imperial overreach ganze Industrien an sich riss.

Seit aber mit Information in Mengen gehandelt wird, die sich die klassischen Industriegesellschaften nicht hätten vorstellen können, geht alles durcheinander: Eben hat China angekündigt, bis 2015 die Weltführung beim E-Commerce übernehmen zu wollen, also mit alles anderen als aufs freie Spiel der Kräfte bauenden, vielmehr diktatorischen Methoden an die Spitze einer Entwicklung zu streben, die den Begriff prägen wird, den das neue Jahrtausend vom Markt noch haben kann.

Außerhalb Chinas steht es noch wirrer: Kunstschaffende polemisieren gegen staatliche Kulturförderung, Musikmenschen verbünden sich mit Konzernen, die ihnen vom Erlös ihrer Mühen bloß ein Taschengeld zahlen, weil dieses Taschengeld immer noch leichter in Miete und Nahrungsmittel einzutauschen ist als ein Click auf den „Gefällt mir“-Button, und zwei keineswegs radikale japanische Politiker, Tomoyuki Taira und Yukio Hatoyama, fordern öffentlich, die japanische Atomenergie müsse verstaatlicht werden, weil sonst das verheerende Informationsmanagement privater Eigentümer Störfälle erheblich verschärfe.

Echtes Kapital braucht den Staat

Sind Chinesen und Kunstschaffende plötzlich Neoliberale, haben die beiden Japaner noch nie von Tschernobyl gehört? Über die Atomkraftnutzung der Sowjetunion kann man vieles sagen, eines indes war sie ganz bestimmt: staatlich. Ein Vorbild für Transparenz aber wird man, was dort 1986 geschah, nicht nennen dürfen.

Dennoch liegen Taira und Hatoyama nicht einfach falsch. Das Diagramm der Protektion zwischen Ämtern und Aufsichtsräten hat der Aufklärung und Bewältigung des Fukushima-Desasters Hindernisse in den Weg gelegt, die man sich bei anders organisierten Jurisdiktionen hätte sparen können. Die Klemme derer, die so etwas künftig verhüten wollen, ist die, dass sie kein zeitgemäßes Wort haben für das, was sie sich wünschen: eine Sorte Verantwortlichkeit, die dem erreichten technischen Stand entspricht. Dessen Hauptkennzeichen ist: Nicht nur das, was uns in Gang hält (Energie), sondern auch das, was uns steuert (Information), ist in Apparate gerutscht, deren Funktionsweise quer steht zu alten Frontverläufen zwischen öffentlich und privat.

Markt und Staat spielen, seit das so ist, miteinander beschleunigt „Fang den Hut!“ Staaten sollen dabei das Funktionieren von Märkten beschützen und durchsetzen, die zunehmend den Menschen gesamtgesellschaftlich benötigte Ressourcen zuteilen - Energie, Bildung, Verkehrswesen, Gesundheitsversorgung. Beim Sicherstellen solcher Versorgung sind diese Märkte dann jeweils so blind oder hellsichtig, wie die Informationsumschlagsrate sie sein lässt; kein trader ist lange schlauer als sein Smartphone. „Gemeinwirtschaftlich“ können diese Smartphone-Anhängsel dabei durchaus denken; das konnten Händler und Besitzende schon immer - zum Beispiel, wenn sie fordern, dass vor dem Bankrott stehende Schwerindustriezweige (früher) oder Finanzinstitute (heute) mit öffentlichen Mitteln davor zu bewahren seien, von ihrem eigenen Gewicht erschlagen zu werden. Oder wenn etwas von militärischer und ziviler Großforschung geboren und gepäppelt wird (etwa das World Wide Web), das, sobald es profitabel scheint, in parzellierter Form an die Googles, Facebooks, Apples, Microsofts und Amazons abgetreten wird. Echtes Kapital braucht just den Staat, den naive Sozialdemokratie ihm immer als Gegner mit dem starken Arm und dem guten Herzen für die Schwachen entgegenstellen will.

Neue Formen der Unschärfe

Der Staat, den das anruft, heißt ja nicht ohne Grund „bürgerlich“. Entsprechende Besitzformen sind ihm ureigen. Aufgekommen ist er zur selben Zeit wie moderne Wissenschaft und Technik (die Wurzeln liegen im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert). Für die jüngsten Neuigkeiten in Naturwissenschaft und Technik aber, nämlich die informationsbezogenen, gibt es noch keine für alle Debattenbeteiligten in den betreffenden Gesellschaften verbindlichen politischen oder sozialen Namen. Deshalb werden diese Gesellschaften von flimmernden, irrlichternden Erscheinungen wie Piraten und „Occupy“-Leuten heimgesucht, deshalb auch erleben sie das Auseinanderbrechen von zuvor scheinbar unhintergehbaren Interessengemeinschaften - manche Popmusiker stellen ihre Arbeiten nicht nur zu Werbezwecken kostenlos ins Netz und können trotzdem von ihrer Arbeit leben, andere, wie Sven Regener, sehen in denen, die Songs oder Filme als „Information“ einstufen, die ihrem Wesen nach allen gratis zugänglich sein müsse, schlicht Diebe.

In der aus solchem Flirren entstehenden Begriffsnot greifen nicht nur die beiden genannten klugen Japaner plötzlich zu Forderungen aus Zeiten, als man noch glaubte, die Verstaatlichung der Stahlverarbeitung oder das Genossenschaftsbankwesen seien entscheidende Teilschritte zur Milderung der sozialen Härtefolgen des bürgerlichen Eigentums. Auch politisch gänzlich unvorbelastete Wissenschaftler geraten in ähnliche Paradoxa. Sie warnen zum Beispiel vor dem Verlust des Alten und Bewährten, weil nur in dessen Schutz das Neue und Kühne gefunden werden könne. Vor einem Monat publizierten die britischen Informationsforscher Darrel C. Ince, Leslie Hatton und John Graham Cumming in „Nature“ ein Papier dieser Stoßrichtung. „Computational Science“, rechnergestützte Forschung, wie sie in allen exakten, also allen technikrelevanten Disziplinen um sich greift, arbeite, so argumentieren sie, mehr und mehr mit Codes, die der Kontrolle durch andere Wissenschaftler entzogen sind.

In einschlägigen Veröffentlichungen werden diese Codes nur mehr referiert, nicht ausgeschrieben, zum Schutz intellektueller Besitztitel zwischen Patent und Copyright. Überzeugend legen die drei unter Rückgriff auf Beispiele aus der Meteorologie und der Geologie dar, dass diese heute immer gängigere Veröffentlichungsweise neue Formen der Unschärfe erzeugt, die man vor zehn Jahren nicht kannte. Die Forschungsabteilung von Microsoft nennt deren Quelle das „Vierte Paradigma der exakten Wissenschaften“. Das erste der Paradigmen, die da abgezählt werden, ist bereits aus der Antike bekannt, etwa in Gestalt der Ionischen Naturphilosophie: Man sammelt und vergleicht, experimentiert ein bisschen, tastet sich an Versuch und Irrtum entlang.

Ungeheure Menge von Daten

Das zweite ist die eigentlich moderne Neuerung, als Leistung Galileis, Bacons, Newtons: Modelle, Gleichungen, hypothesengeleitetes Experimentieren werden erarbeitet unterm Imperativ universeller Wiederholbarkeit. Das dritte ist dasjenige, an das man sich im Jahr 2012, in dem sich der Geburtstag Alan Turings zum hundertsten Mal jährt, allmählich gewöhnt hat: Eine Turingmaschine, also etwas, das nach klaren Vorschriften („Algorithmen“) rechnet, erlaubt die Abkürzung der Beschreibung von Abläufen in der Zeit, zu Deutsch: Vorhersagen.

Mit der ungeheuren Menge von Daten, die inzwischen so verarbeitet werden, mit der Vernetzung zahlreicher Turingmaschinen und der Manipulation von Software durch Software ist aus jenem dritten Schritt, wie die Microsoft-Forschung richtig erkannt hat, aber ein vierter hervorgegangen: Die Quantität schlägt in eine neue Qualität um - so, wie man aus zwei Haaren keine Frisur machen kann, aus tausend aber schon. Was sich jetzt abzeichnet, ist die Vereinigung von Theorie, Experiment und Simulation, also von induktiven und deduktiven Verfahren zu etwas, das man vorläufig noch recht blass „Data Exploration“ nennt. Der Ausdruck bezeichnet eine neue soziale Tatsache, die man als Alltagsphänomen von Data-Mining-Programmen wie den populären Suchmaschinen her kennt: Gespeichertes in gigantischen Mengen wird der Manipulation durch Algorithmen so zugänglich wie früher nur die Beobachtung der Manipulation durch Gleichungen.

Als man Feldforschung noch nicht in diesem Sinne automatisiert hatte, war der Zugriff auf Klimadaten, Schweinegrippevektoren oder Astronomisches ein anderer, schmalerer. Nicht jene Naturerscheinungen jedoch, sondern die Finanzmärkte sind das seit 2008 meistdiskutierte Beispiel für die Durchschlagskraft des Vierten Paradigmas. Inzwischen werden an den einschlägigen Ausbildungsstätten fundamental neue Sozialstudien in Angriff genommen, etwa am Financial Computing Centre des University College in London, über dessen Projekt „SocialSTREAM“ die „Financial Times“ unlängst berichtete. „Millionen von Seiten mit öffentlich zugänglichem sozialem Geschnatter, entnommen Quellen wie Facebook, Twitter, Blogs und Meldungsseiten“, wurden dabei in ein Echtzeitarchiv eingespeist, das Stimmungsumschwünge erfasste, die sich von den quantitativen Analysten (quants, ein Job mit steigendem Prestige) wieder auf Finanzmarktprozesse abbilden (mappen) lassen.“

Völliger Verzicht auf Deterministisches

Anders als bei klassischen Soziodynamikmodellen bis hin zu Strukturfunktionalismus oder Systemtheorie erlaubt die auf der vierten Stufe der Wissenschaft vollbrachte Synthese von Datensammeln, Datenvergleichen und Datenunterscheiden den völligen Verzicht auf Deterministisches. Das bedeutet, sie sagt nicht mehr „Wenn X, dann Y“, sondern ist an Wahrscheinlichkeiten, an Ebbe und Flut von Trends interessiert. Das macht sie der erratischen, auf Ausgangsbedingungen irreduziblen Natur menschlichen Verhaltens gemäßer als das meiste, was seit der Renaissance über „den Menschen“ so gedacht wurde. So wird selbst „affektives Rechnen“ (Rosalind W. Picard vom MIT), also das Zerlegen und Zusammensetzen von Gefühlswerten wie spontaner Zustimmung, Ablehnung, Erregung, Angst, Hass, zur maschinellen Angelegenheit.

Die Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken wie die Kaufprofile der Online-Bestellpopulationen sind erst der Anfang: Programme, die Fehlzuschreibungen von Empfindungen auf Menschen erklären können, hat man schon entwickelt; nach der Gesichtserkennung arbeitet die digitale Forensik an Verfahren, unbewusste Emotionen zu identifizieren; mit Gefühlswissen ausgestattete Lehr- und Lernsoftware hält an Schulen und Universitäten Einzug; Sprechcomputertherapie für Autisten wird entwickelt; militärische Anwendungen bei der Ausbildung zum Kämpfen sind im Entstehen. Die Arbeit der Seele, auch die am Sozialen, wird Automaten aufgebürdet wie einst die der Muskeln.

Mehr Freiheit, mehr Transparenz und mehr Sicherheit folgen aus diesem Zuwachs an möglichem Wissen des Gemeinwesens über sich selbst bis ins Emotionale aber genauso wenig zwangsläufig, wie etwa die Ersetzung von Muskelkraft durch die Dampfmaschine zu kürzeren Arbeitstagen geführt hätte. Im Gegenteil: Für manche hieß schon damals die Teilautomatisierung Akkordschufterei, für andere bald Arbeitslosigkeit. Auch die Produktivkraft Wissen kann allein nicht diktieren, in welchen Verhältnissen sie auf Natur und bereits Menschengemachtes angewandt wird.

Arbeiten außerhalb der etablierten Tauschregeln

Die seit etwa 2004 mit anderen, zum Beispiel Hacker-inspirierten oder piratischen neuen politischen Plattformen Gestalt annehmende „Access to Knowledge“-Bewegung versucht auf diese Lage demokratisch zu antworten - in den angelsächsischen Gegenden wird sie seit einem Zone-Books-Sammelband von 2010 meist „A2K“ abgekürzt (Krikorian und Kapczynski: „Access to Knowledge in the Age of Intellectual Property“) und treibt zunächst hauptsächlich Symbolpolitik. Was sie zu finden hofft, sind neue Solidaritätsparolen - auf der Basis vermuteter Gemeinsamkeiten zwischen einerseits reichen Jugendlichen in der Ersten Welt, die umsonst Filme sehen und Musik hören wollen, und andererseits etwa der Landbevölkerung oder den HIV-Infizierten ärmerer Erdteile, denen das Patentrecht die Lebensgrundlagen verteuert oder entzieht. Ob das gutgehen kann, steht in den Sternen - es sieht ein bisschen zu idealkonstruktiv über Reichtumsunterschiede hinweg.

Das eigentliche Problem ist eines der Neubestimmung des sozialen Werts nicht des Eigentums, sondern der Arbeit. Denn Forschung, Kunst und andere Formen der Mustererkennung, des Sammelns, Vergleichens und Unterschiedesetzens, der Kreativität also, lassen sich schwer nach Arbeitsstunden wie nach produzierten Stückzahlen von was auch immer fair entlohnen; cloud computing und crowdsourcing machen die Schwierigkeit nur sichtbar, sie erzeugen sie nicht.

Wo nur Formen von Arbeit vergütet werden, die für irgendwen (traditionell: diejenigen, denen die Erzeugungs- und Kopiermittel gehören) profitabel sind, bleiben die interessantesten Arbeiten außerhalb der etablierten Tauschregeln, auch körperliche, die man heute ja zumindest unter veränderten Koordinationsbedingungen leistet. Wissen wird im selben Moment, in dem es als eine Hauptquelle gesellschaftlichen Reichtums deutlicher denn je in Erscheinung tritt, den Preislisten nach sozial unbezahlbar. Was am meisten zählt, rechnet sich immer weniger. Ein unhaltbarer Zustand - was wird aus ihm folgen?

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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