Ein Gespräch mit Rafael Chirbes

Dreißig Millionen Russen am Strand

Von Paul Ingendaay
30.05.2010
, 14:58
Der Immobilienmarkt Spaniens ist eingebrochen. Das Bewusstsein einer Generation, die das Land betoniert hat, beschreibt Rafael Chirbes in seinem Roman „Krematorium“: Eine Begegnung mit dem Autor in Valencia.
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In Spanien ist die große Geldvernichtung im Gang. Alles, was aus Ziegelstein besteht, verliert an Wert. Schon seit Jahren war der inländische Immobilienmarkt ein überhitzter Kessel, befeuert von Gier, Korruption und besinnungsloser Wachstumseuphorie. Jetzt ist er geplatzt. Rund 1,2 Millionen nagelneue Wohnobjekte warten auf Käufer, die es nicht gibt. Frische Bauvorhaben stehen still; bald schon, so die Prognose, wird die Arbeitslosenquote in Spanien zwanzig Prozent betragen, und niemand wagt zu behaupten, dass es dabei bleibt. Währenddessen taumeln die Immobilienpreise kellerwärts. Doch wer einmal drinhängt, kommt nicht mehr so leicht heraus. Privatleute, die für den eigenen Bedarf oder als Investition Wohnraum gekauft haben, wie Spanier es im Stil eines Volkssports betreiben, können die Hypothekenkredite nicht mehr bedienen, weil sie plötzlich Geld brauchen oder ihren Job verloren haben.

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Diese Krise inmitten der Krise hat eine Vorgeschichte, die mit Begriffen wie Bauboom und Bodenspekulation nur unzureichend beschrieben wäre. Sie geht auf ein flächendeckendes Modernisierungs- und Bereicherungsprojekt zurück, das Spaniens Gesellschaft in den letzten beiden Jahrzehnten tiefgreifend verändert hat.

Ein Gesellschaftsprojekt begräbt sich selbst

„Bis zum Jahr 2000 lebte ich in einem Dorf in der Extremadura“, erzählt Rafael Chirbes, einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes. „Nachts, vom Balkon aus, sah ich zwanzig Kilometer weit kein einziges Licht. Dann ging ich nach Beniarbeig, wo ich vom Haus aus das Meer sehen kann. Doch das Leben um mich herum kam mir vor wie der Traum eines Drogensüchtigen. Die Gegend veränderte sich ständig. Wo gerade noch Orangenbäume waren, stand am nächsten Tag ein Baukran. Die Landschaft wurde mit Appartements gepflastert, einem Einkaufszentrum, einer Mülldeponie. Der Autoverkehr schwoll an, so dass breitere Straßen gebaut werden mussten. Um mich herum herrschte frenetische Aktivität, eine Rastlosigkeit, die auch mich ergriff. Und mein Gefühl war: Nichts bleibt.“

Bild: Kunstmann

Rafael Chirbes, neunundfünfzig Jahre alt, hat das Bewusstsein dieses neuen, materialistischen Spanien in seinem fulminanten Roman „Krematorium“ (Verlag Antje Kunstmann) beschrieben. Im Mittelpunkt steht der über siebzigjährige Rubén Bertomeu, der als idealistischer Architekt beginnt und später mit kriminellen Methoden und der Hilfe bestechlicher Lokalpolitiker ein saftiges Stück der spanischen Mittelmeerküste zubetoniert. Chirbes lebt an einem dieser Orte, Beniarbeig in der Provinz Alicante, der für den Schauplatz des Romans Modell gestanden hat. Bertomeus rasende Monologe, die zwanghaften Ich-Erzählungen seiner Angehörigen, Mitarbeiter und Untergebenen kulminieren an einem Vormittag, da die Familie sich bereitmacht, die Leiche von Rubéns Bruder ins Krematorium zu überführen. Doch es geht nicht um die sterblichen Überreste eines Angehörigen, sondern um ein Gesellschaftsprojekt, das sich selbst begräbt.

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Die Demokratie gewonnen, die Politik abgeschafft

Denn dies ist der Roman über das, was nach Francos Tod falsch gelaufen ist. Wie die Demokratie ihren experimentierfreudigen Kindern gestattete, hochfliegende Pläne zu entwerfen; wie man davon träumte, die Armut der Eltern vergessen zu machen und befreit in die Moderne aufzubrechen; und wie sich alles in politische Machtspiele und einen großen Selbstbedienungswettbewerb verwandelte, ohne Kontrolle, ohne Ziviltugenden und erst recht ohne Umweltbewusstsein, das in Spanien noch nie politischen Einfluss genommen hat. Das Buch ist ein Stück für Stimmen und kombiniert virtuos Familiengeschichte, Generationenroman und Sittengemälde. Fern davon, den Baulöwen zu denunzieren - Chirbes hat Bertomeu sogar Sätze in den Mund gelegt, deren trockener Zynismus ihm selbst nicht fremd ist -, liefert der Autor das Porträt eines Landes, in dem auch die Unterschiede zwischen links und rechts ausgedient haben.

„Wir haben die Demokratie gewonnen“, sagt Chirbes, „doch die Politik dabei abgeschafft. Es gibt keine wirkliche Beteiligung an bedeutenden Entscheidungen.“ Wir treffen uns in einem Restaurant in Valencia, einer Stadt, die Chirbes mag. Früher hat er fünf Tage im Monat als Redakteur der Madrider Gourmetzeitschrift „Sobremesa“ gearbeitet, und sein Wohlwollen gegenüber Essen und Trinken ist deutlich größer als gegenüber dem Zeitalter, das er als Romancier begleitet. „Ich bin Pessimist geworden“, sagt er, während der Kellner die einzigen Gäste bedient. „Nach jeder Krise dachten wir, es kehre wieder etwas Vernunft ein. Doch es wurde stets schlimmer als zuvor. Und jetzt? Drei Jahre Stillhalten vielleicht. Ein paar Briten gehen fort, weil das Pfund weniger wert ist als früher. Aber bald wird es wieder anfangen. Dreißig Millionen Russen wollen sich bei uns an den Strand legen. Zwanzig Millionen Engländer, zwanzig Millionen Deutsche, fünf Millionen Schweden. Wenn man aus Málaga abfliegt, sieht man die Verschandelung von oben. Es ist surreal. Und die Bauqualität ist noch mieser als hier in Valencia.“

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Der urbanistische Albtraum wird neu bewertet

Das Verstörende an seinem Roman ist, dass keine Figur ungeschoren bleibt, weder Frauen noch Männer, weder die ältere noch die jüngere Generation, der Materialist so wenig wie der Träumer. Das beliebte spanische Schwarzweißmuster, ein Denken in Lagern, wird dadurch unmöglich gemacht. Um es aus dem Sumpf zu schaffen, steigt der Bauunternehmer auch in den Drogenhandel ein, von dem er sich später, ehrbar geworden, wieder distanziert. Die Nähe zu Gaunern, Halbwelt und Rotlicht erscheint als spanisches Aufstiegsmodell. „Auch die Prostituierten spüren die Krise“, sagt Rafael Chirbes und nimmt einen Schluck Rotwein. „Das ist ein riesiger Markt. In einem dieser Clubs, in dem früher dreihundert Mädchen gearbeitet haben, hocken jetzt nur noch zehn im Halbdunkel.“

Wenn schon in dem Roman „Krematorium“, den Dagmar Ploetz gewohnt meisterhaft ins Deutsche übersetzt hat, niemand mit seinem Leben glücklich ist, wie düster mögen dann die Aussichten für die gegenwärtige spanische Gesellschaft sein? Der von Chirbes beschriebene urbanistische Albtraum wird gerade neu bewertet, und was dabei herauskommt, treibt vielen die Blässe ins Gesicht. Wohnungen, die nicht mehr abgezahlt werden können, landen bei den Banken. Die wollen sie eigentlich nicht, müssen sie aber nehmen, weil sie sonst gar nichts bekämen. Da es schwierig ist, sie wieder loszuschlagen, hat ein fieberhaftes Unterbieten eingesetzt. Offiziell hieß es zwar noch letzten Monat, der Preis für Wohnraum sei im ersten Quartal 2009 um 6,8 Prozent gefallen, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Kredithäuser wie Banco Popular, Caja Madrid oder Caixa Catalunya bieten Preisnachlässe von bis zu fünfzig Prozent, dazu die vollständige Finanzierung bei vierzig Jahren Laufzeit: Nach vorn zu träumen ist immer noch kostenlos.

Das Problem: Sämtliche Visionen sind verramscht

Diese Entwicklung ist gefährlich. Denn zum einen treten die Banken jetzt als Konkurrenten der Immobilienbranche auf, was diese noch weiter an den Abgrund drängt. Zum anderen befürchtet man, der Anteil ausfallgefährdeter Kredite - zur Zeit bei vier Prozent - könne bald neun Prozent betragen. „Die zehn größten spanischen Immobiliengesellschaften“, erläutert José Calderón, Leiter der Deutschen Hypothekenbank in Madrid, „haben zusammen rund hundertfünfzig Milliarden Euro Kredite aufgenommen. Wenn die in die Insolvenz gehen, droht eine Katastrophe. Und im gegenwärtigen Überlebenskampf haben die Banken gegenüber den Immobilienfirmen einen Wettbewerbsvorteil: Wenn sie ihre Wohnungen loswerden, verdienen sie auch noch am Kredit.“

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„Geld ist das, was man machen muss, um es zu bekommen, um zu erreichen, dass es sich schnell vermehrt.“ So steht es in Rafael Chirbes' Roman. Nicht, dass der Materialismus keine Antworten mehr wüsste, ist das Problem. Sondern dass sämtliche Visionen verramscht sind. „Die Ideologien haben ausgedient“, sagt Rafael Chirbes. „Bertomeu fragt sich im Roman, ob es den Punkt gebe, an dem er hätte innehalten oder aufhören können. Aber er findet ihn nicht. Die Menschen, die vor Jahrhunderten eine Kathedrale bauten, hatten einen Begriff von der Zukunft, für die sie zu bauen glaubten. Diese gemeinsame Vorstellung haben wir heute nicht mehr. Doch Romanschriftsteller sind keine Priester, keine Psychoanalytiker und keine Politiker. Wir müssen nicht predigen, heilen oder sanieren. Wir entziffern nur den Geist unserer Zeit. Und mein Roman versucht, dem Leser etwas vor Augen zu führen, was er womöglich nicht wahrhaben will.“

Als wir nach dem Essen durch die Straßen von Valencia gehen, deutet Chirbes auf die formalen Details der alten Bürgerhäuser. „Schön, nicht wahr?“ Er kommt gern hierher, jeder Spaziergang ist wie ein Museumsbesuch. Es ist die Hinterlassenschaft einer Generation, die noch alles für sich selbst errichtete.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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