Männliche „Feuchtgebiete“

Thorstens Beschwerden

Von Tobias Rüther
23.01.2009
, 06:28
Wo bei Charlotte Roche ein Heftpflaster auf pinkem Grund klebt, ist es bei Heinz Strunk ein Waschlappen auf Himmelblau: Das Cover von „Fleckenteufel”
Heinz Strunk hat gerade seinen dritten Roman vorgelegt. „Fleckenteufel“ will eine männliche Antwort, eine satirische Replik auf Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ sein. Ist Strunk jetzt ein Trittbrettfahrer? Und kann sein Versuch überhaupt gelingen?
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Vor einem Jahr erschien der Roman „Feuchtgebiete“. Charlotte Roche erzählt von der achtzehnjährigen Helen, die mit einer Analverletzung im Krankenhaus liegt und von intimsten Dinge spricht: Sex, Masturbation, gebrauchten Tampons. Das Buch hat eine Debatte über den Stand des Postfeminismus, über weibliche Selbstbilder und Hygiene ausgelöst. Junge Mädchen kamen in Scharen zu den Lesungen, aber man darf sich nichts vormachen: „Feuchtgebiete“ hätte sich wohl nicht anderthalb Millionen Mal verkauft, wenn nicht auch ältere Männer begierig gewesen wären zu lesen, wie eine junge Frau von ihren geheimsten Gerüchen erzählt.

Jetzt schreibt der Hamburger Autor Heinz Strunk die Gegengeschichte. Er gibt das offen zu. Seine Antwort auf „Feuchtgebiete“ heißt „Fleckenteufel“: Thorsten ist sechzehn und auf dem Weg in die Sommerfreizeit an der Ostsee. Aber wo die zwei Jahre ältere Helen ihren Körper erkundet und ausprobiert, leidet Thorsten an ihm. Und an seiner Verdauung: „Die Wolke kann sich gar nicht so schnell verflüchtigen, wie ich nachlege. Bestimmt ist schon das Gemeindehaus plus Grundstück eingenebelt, aber was soll ich machen. Ist das alles peinlich. Das ganze Leben ist peinlich.“ Ob dieselben Männer, die eben noch so gierig auf Helens Körpererkundungen waren, weiterlesen, wenn es um einen Männerkörper geht? Und Männergerüche?

Ein Trittbrettfahrer?

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Man könnte es sich leicht machen und sagen: Heinz Strunk erzählt im neuen Roman nur eine kleine, traurige Geschichte. „Fleckenteufel“ spielt im August 1977, als Elvis Presley stirbt. Thorsten fährt in die evangelische Sommerfreizeit an die Ostsee und leidet: an sich, an den Mädchen und den anderen Jungen, aber auch an den Erwachsenen, die mitgefahren sind. Er leidet an den sanftmütigen Predigten des Pastors und an der Ungerechtigkeit, klein und traurig zu sein und nicht groß und schön wie der blonde Heiko oder die unerreichbare Susanne Bohn. „Eine leichte Sommerarbeit“, so nennt Heinz Strunk dieses neue Buch im Gespräch, und vielleicht wäre es das auch geworden: der nächste, inzwischen dritte Roman eines Schriftstellers, der mit „Fleisch ist mein Gemüse“ bekannt und erfolgreich wurde und mit der „Zunge Europas“ im Herbst gerade erst das zweite Buch nachgelegt hat.

Heinz Strunk
Heinz Strunk Bild: F.A.Z.

Aber so leicht ist es eben nicht, geht es auch nicht, weil „Fleckenteufel“ eben vom Titel angefangen über den Umschlag bis hin zur leitmotivartig ausgelebten Darstellung privatester Körperfunktionen eine Spiegelung der „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche ist. „Eine satirische Replik“ sei sein Buch, sagt der Autor selbst. Und klingt dabei, als habe Charlotte Roche ihm sein Thema weggenommen. Einen „Trittbrettfahrer“ hat ihn deswegen vor kurzem Marcel Hartges genannt. Hartges, künftig bei Piper, war früher bei Rowohlt für das Taschenbuchprogramm zuständig, als dort Strunks Bestseller „Fleisch ist mein Gemüse“ herauskam, danach wurde er Verlagsleiter von DuMont, wo „Feuchtgebiete“ erschienen ist.

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„Ich kann den Vorwurf nicht allen Ernstes von der Hand weisen“

Strunk und Roche waren befreundet. Sie sind früher gemeinsam aufgetreten, um aus der Promotionsschrift „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ eines Münchner Urologen aus dem Jahr 1978 vorzutragen. Das ist drei Jahre her. Jetzt aber antwortet der eine dem anderen auf ein Buch mit einem Buch. So etwas geschieht ständig in der Literatur, aber selten wird es so offen angekündigt. Die beiden Autoren allerdings haben schon immer eine Obsession für ganz nahe Körperbeschreibungen geteilt, es gibt Menschen, die sagen, dass Strunk geradezu besessen davon sei.

Strunk war bestürzt über manche Feuilletonisierungen der „Feuchtgebiete“, sagt er heute. Er selbst hatte sich in diesem „Segment“ mit seinen Humorhörspielen wie „Trittschall im Kriechkeller“ über Jahre hinweg abgearbeitet, war aber damit eben bei weitem nicht so erfolgreich wie Charlotte Roche gewesen, wenn auch oft viel lustiger. „Ich kann nicht allen Ernstes den Vorwurf der Trittbrettfahrerei von der Hand weisen“, sagt er. „Ich wollte das ganze Thema noch einmal literarisch aufbereiten, um damit dann abzuschließen.“ Also begann Strunk im Mai, als „Feuchtgebiete“ die Bestsellerlisten anführte und sogar französische Zeitungen über den nouveau féminisme der Charlotte Roche berichtete, an „Fleckenteufel“ zu schreiben.

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Wie schon bei den „Feuchtgebieten“ tritt jetzt eines der interessantesten Phänomene auf, die Literatur bewirken kann: Kaum, dass ein Roman erschienen ist, hat schon jeder eine Meinung dazu. „Fleckenteufel“, das ist doch diese Flatulenzorgie! Muss das denn sein? Bei Strunks Buch fällt es obendrein gar nicht schwer, eine Meinung zu haben. Man muss den Roman dazu nicht einmal aufschlagen. Es reicht schon der Blick auf den Umschlag: Wo bei Charlotte Roche ein Heftpflaster auf pinkem Grund klebt, ist es bei Heinz Strunk ein Waschlappen auf Himmelblau. Die Titelei ist ebenfalls identisch. So liegen sie jetzt im Buchhandel nebeneinander, stapelweise. Feuchtgebiete. Fleckenteufel. Für Mädchen. Für Jungs.

Verlaufen die Schamgrenzen anders?

Thorsten Bruhns Innereien tun nicht das, was Thorsten will: Davon handelt Strunks Roman, von Geräuschen und Gerüchen und Gedärm, am Anfang störend oft, dann seltener, aber immer noch irritierend. Gehört das in Worte gefasst und ausgesprochen, mit künstlerischem Anspruch? Die Literatur ist immer eine Intimsphäre gewesen. Viel interessanter ist die Frage, warum Thorsten Bruhns Konstipationen, wie sie Heinz Strunk erzählt, jetzt als eine Art Mario Barthscher Männerhumor abgetan werden können, während die Hämorrhoiden von Charlottes Roches Erzählerin aber bisweilen emanzipatorisch verstanden wurden, weil sie gegen weibliche Schönheitsideale verstoßen.

Entspricht öffentlicher Durchfall etwa dem männlichen Schönheitsideal? Verlaufen die Schamgrenzen anders? Sie verlaufen vielleicht anders als erwartet, denn die Leserinnen, die „Feuchtgebiete“ so oft gekauft haben, weil sie darin eine ganz neue Art der Identifikation fanden, werden so etwas naturgemäß in „Fleckenteufel“ nicht finden. Die männlichen Leser dagegen finden bei Strunk eine pubertierende Hauptfigur, die überhaupt nicht maskulin ist, im Gegenteil. Thorsten weiß gar nicht genau, ob er Männer oder Frauen begehrt. Und auch deshalb wird er von etwas geplagt und gepeinigt, das Roches Helen längst überwunden hat: Scham.

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Die Freiheit von Schuld

Was nämlich nach zweihundertzwanzig Seiten von „Fleckenteufel“ bleibt, ist weniger ein Schund- als ein Schuldroman. Und hat daher auch mehr mit Philip Roth und seinem Masturbationsbuch „Portnoys Beschwerden“ zu tun als mit Mario Barth. Portnoy hatte seine experimentierfreudige Geliebte „Äffchen“ genannt, Thorsten dagegen ängstigt sich davor, ein „Äffche“ zu werden, mitgeschleift und ausgebeutet. Und beide, Portnoy wie Thorsten, haben keine Lust, ihre Mütter anzurufen, und genau deshalb kommen sie auch nicht von ihnen los. Von wegen Emanzipation! „Ich schäme mich zu Tode, seit ich denken kann, und weiß nicht wofür, wird schon stimmen“, sagt Thorsten ganz am Anfang seiner Geschichte, als der Bus ins Zeltlager noch nicht einmal abgefahren ist, Thorsten aber schon mit den Nerven herunter auf dem Parkplatz sitzt und das Personal seiner ganz persönlichen Hölle betrachtet.

Dieser Satz trennt Charlotte Roches Buch und das von Heinz Strunk drastisch voneinander, so nah sie sich auch rein äußerlich, nach Marketing-Gesichtspunkten sind. Helen ließ ihre Feuchtgebiete genauestens fotografieren, Thorsten schämt sich wegen seiner Konstipationen „zu Tode“ - ein Lieblingsausdruck des Autors. Er fürchtet, ertappt zu werden, zieht sich tief in seinen Schlafsack zurück und sehnt sich nach Erlösung. Wenn man so will, ist dieser explizite Roman also keine Eskalation, sondern das genaue Gegenteil. „Die Unmöglichkeit, jemals mit reinem Gewissen durchs Leben zu gehen, ist eines der Probleme meines Lebens und meiner Kunst“, sagt Heinz Strunk. Merkwürdig, wie „Fleckenteufel“, als satirische Replik angelegt, mit jeder Seite schamhafter wird. Die Freiheit des Erzählens kennt dieser Roman, nicht aber die Freiheit von Schuld.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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