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Tod der „Eisernen Lady“

Abschnitt 28

EIN KOMMENTAR Von Edo Reents
 - 16:58

Es war ja nicht unbedingt zu erwarten gewesen, dass britische Kulturschaffende wegen Margaret Thatcher nun sämtlich Trauer tragen würden; aber das? Auf der Insel kann man derzeit erleben, was Hass ist, der weder durch die Zeit gemindert wurde noch jetzt durch den Tod. Der Popsänger Morrissey, der die ehemalige Premierministerin noch während ihrer Amtszeit am liebsten geköpft hätte (1988 in dem Lied „Margaret on the Guillotine“), gab, als hätte er lange auf diese Gelegenheit gewartet, schon bald nach der Todesnachricht druckreif zu Protokoll, Margaret Thatcher sei keine eiserne, sondern einfach eine barbarische Lady gewesen, deren Halsstarrigkeit mit Prinzipienfestigkeit verwechselt worden sei. In Wirklichkeit aber habe sie kein Gran Menschlichkeit an sich gehabt, die Negativität in Reinkultur sozusagen, die alles, insbesondere alles Schwache, kaputtgemacht habe.

Gehässige Kondolationen

Dass es bei den Freudentänzen auf Englands Straßen um mehr geht als um gestrichene Schulmilch oder Handtaschen und sich mit voller Wucht der damals von der Thatcher-Regierung mindestens billigend im Kauf genommene Riss wieder auftut, ist gut an den vereinzelten „Stop 28“-T-Shirts zu sehen, in denen gerade so gehässig kondoliert wird. Der Clause 28 (auch Section genannt), der im Mai 1988 von der konservativen Parlamentsmehrheit verabschiedet und 2003 wieder abgeschafft wurde - Thatchers Parteifreund James Cameron entschuldigte sich 2009 ausdrücklich dafür - sah vor, dass, wenn überhaupt, über Homosexualität nur negativ berichtet werden dürfe. Das mutet in Zeiten, in denen über die sogenannte Homo-Ehe hier und da vielleicht erbittert, alles in allem aber doch recht zivilisiert gestritten wird, geradezu mittelalterlich an und mag man eigentlich nur noch in Russland für möglich halten.

In der Tat rufen nun viele mit einer der Verstorbenen wahrhaft würdigen Standfestigkeit und Unnachgiebigkeit jenen Kulturkampf in Erinnerung, der damals tobte. Man muss die alten oder jetzt die frischen Schmähungen nicht alle beim Nennwert ihres politischen Sachverstands nehmen; aber die britische Popmusik, die, rein stilistisch gesprochen, schon bessere Tage gesehen hat als ausgerechnet unter dem Thatcherismus, gab unter ihrer oftmals so kühlen Oberfläche zu verstehen, dass sie wenigstens richtig brannte - für etwas, gegen etwas. Kann man sich das von der hiesigen, die es gern ironisch mag und sich im „Diskurs“ verliert, es also allen und keinem recht macht, auch vorstellen? Unter unserer eisernen Lady herrschen dann doch andere Verhältnisse.

Quelle: F.A.Z.
Edo Reents
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
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