Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Zum Tod von Günther Rühle

Der letzte Expressionist

Von Gerhard R. Koch
10.12.2021
, 16:35
Günther Rühle, geboren am 3. Juni 1924 in Gießen, gestorben am 10. Dezember 2021 in Bad Soden, Ende Mai 2010 in seiner Wohnung Bild: Helmut Fricke
Profundeste Leidenschaft war sein Antrieb, das Gärende zog ihn an: Zum Tod des Zeitungs- und Theatermannes Günther Rühle.
ANZEIGE

Er war ein Mensch, der für seine Sache förmlich brannte. Wobei schwer war, ihn und seine Sache einer einzigen Sphäre zuzuordnen. Günther Rühle war eine geradezu kentaurische Doppelnatur von Schauspiel- und Zeitungssüchtigem, ein Theatermann und ein Journalist. Dabei würde die faustische Gespaltenheitsformel der zwei Seelen in seiner Brust zu kurz greifen. Eher wirkten die Positionen des dem Theater Verfallenen und des Kritikers wie elektrische Pole, zwischen denen es knisterte und funkte: Rühle stand meist unter Spannung.

Mal war es ein Bühnen-Ereignis, das ihn umtrieb, mal ein ästhetischer oder kulturpolitischer Problemfall. In beiden Welten blieb Rühle stets Aktualist: Das Museale, bloß Historische war für ihn nicht entscheidend; und Klassiker, Meisterwerke, Groß-Institutionen, Stars konnten noch so prominent sein – die Gültigkeit im Augenblick war ihm wichtiger. Ein Impressionist allerdings war er nicht.

ANZEIGE

Seine oft langen Rezensionen, lakonisch nur mit seinem Kürzel „g.r.“ gezeichnet, standen für eine Zeit in Kunst wie Publizistik, in der die Bühnen noch als moralische Anstalten begriffen wurden, und Zeitungen wie Leser den ausgiebig reflektierten ästhetischen, auch politischen Diskurs förderten und forderten. Und die Debatten der Achtundsechziger sind zeitungsübergreifend auch in die Feuilletons eingegangen.

Er konnte auch despektierlich reagieren

Dem Verfasser dieser Zeilen, der lange und intensiv mit Rühle zu tun hatte, erst nur als Leser, dann als Anfänger, später fester freier Mitarbeiter, schließlich als Musikredakteur im von Rühle (von 1973 bis 1985) geleiteten Feuilleton dieser Zeitung, kam dieser oft wie ein letzter, wahrer Expressionist vor. Sprach er von Kurt Pinthus, dem Herausgeber der legendären Lyriksammlung „Menschheitsdämmerung“, dann spürte man förmlich die Identifikation mit dem bildersprachlichen „Style flamboyant“. Sein Lieblingsbegriff blieb denn auch „Erregungsqualität“. Darum ging es ihm immer wieder: um die Faszination, die Eruption des exemplarischen Augenblicks als auch epochales Fanal.

ANZEIGE

Doch ein selbstberauschter Schwarmgeist war er nicht: Der 1924 in Gießen Geborene, in Bremen Aufgewachsene passte in seiner passionierten Nüchternheit ganz gut nach Frankfurt. Ungläubig-spöttisch konnte er Bühnen-Event-Fotos aus München, Salzburg oder Wien betrachten. An der Repräsentationskultur lag ihm nicht, da konnte er auch despektierlich reagieren. In einem Rundfunk-Gespräch zum Tod von Will Quadflieg hob er dessen späte Qualitäten hervor, meinte indes zum hohen Ton des Stars: Derlei habe im Theater als „Bühnenjodler“ gegolten.

Eine undogmatische Liebe

Die Gier nach Neuem hat ihn umgetrieben; was Ernst Bloch „das Gärende“ nannte, zog ihn an, nicht nur im Theater: Beuys und Bausch, Freyer und Schnebel, Kluge und Ligeti, Gielen und Wilson schürten sein Interesse. Und enthusiastisch konnte er reagieren: Bei Gielen und Flimms Premiere von Nonos „Al gran sole“ applaudierte er hingerissen bis zuletzt, empfand Werk wie Aufführung als Erweckungserlebnis. Häufig tauchte im Gespräch dieser Satz auf: „Ich frage ja nur“ – wobei klar war, dass er die Frage auch an sich selbst richtete.

Er wollte etwas über die großen Momente der gerade erst entstehenden Kunst in Erfahrung bringen. So war er einer der ersten, die sich ernsthaft mit der damals unvorstellbar schockierenden Innovation des Happenings auseinandersetzten. Den großen Regisseuren gehörte seine undogmatische Liebe. Teilte man seine Bewunderung etwa für Noelte nicht ganz, so stimmte ihn dies traurig. Hymnisch geradezu konnte er bei Stein, Neuenfels und Grüber werden, Letzterer für ihn nur der „Seher“. An ihm rühmte er, immer noch expressionistisch, die „Nachbrennkraft“.

ANZEIGE

Ein Klassenausflug zu Spielbergs „E.T.“

Als Ressortleiter war er Spontaniker. Zu Theater wie Journalismus gehört das Widerspiel von Subjektivität, ja Anarchie und Disziplin. Am liebsten lag er kurz vor Redaktionsschluss auf der Lauer, ob nicht noch etwas Fulminantes passieren könne, auf das mit einer ultimativ aktuellen Glosse zu reagieren sei. Um sich danach ins Auto zu werfen und nach Bochum ins Theater zu jagen. Für Rühle hätte man, analog zum Journalisten, den Begriff des „Heurenalisten“ erfinden mögen: der Stunde verpflichtet.

Mancher hat damals, bewundernd oder spöttisch, das Feuilleton dieser Zeitung als Kathedrale empfunden, nicht ahnend, welche Dispute in ihr widerhallten. Sogar ein Klassenausflug fand statt, zu Spielbergs „E.T.“ – um herauszufinden, ob emotionale Suggestion nicht selbst kritischen Intellektuellen ein Zährlein der Rührung entlocke, was denn auch der Fall war.

ANZEIGE

Er wollte, er konnte nicht untätig sein

Kritiker, Ressortchef, Kerr- und Fleißer-Herausgeber, Essayist und enzyklopädischer Theaterhistoriker: Rühles Spektrum war weit. Doch im Schriftsteller schlummerte auch der Theatermacher, der von 1985 bis 1990 das Frankfurter Schauspiel leitete und die Stadt der Spannungen zum Ort der Innovation wie des Konflikts machte. Rühles Entscheidung für Fassbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“, mit der Figur des „reichen Juden“ als Kristallisationspunkt der Antisemitismus-Diskussion, polarisierte über die politischen Grenzen hinweg kommunal wie bundesweit enorm, erzeugte Erregungsqualität ganz anderer Art. Auch Rühles entschiedenes Engagement für den Regisseur Einar Schleef führte zu erheblichen Kontroversen. Fast bis zuletzt war er bemüht, der Flüchtigkeit des Theaterabends Dauer abzutrotzen, deshalb erschien zunächst 1988 in zwei Bänden „Theater für die Republik. Im Spiegel der Kritik“, dem er später sein monumentales, sofort als Standardwerk geltendes Opus magnum folgen ließ: „Theater in Deutschland 1887 bis 1945. Seine Ereignisse – seine Menschen“. Der erste Band erschien 2007, der zweite – über die Jahre 1945 bis 1966 – folgte 2014. Die Vollendung des dritten Bandes, die ihm nicht mehr möglich war, hat er in gute Hände gelegt und Hermann Beil anvertraut.

Aber selbst dann wollte, konnte er nicht untätig sein. Erst vor wenigen Wochen publizierte er „Ein alter Mann wird älter. Ein merkwürdiges Tagebuch“ (F.A.Z. vom 24. September), ein allerletztes Werk, Erinnerungen und Reflexionen, verfasst, als er wusste, dass die Blindheit nicht mehr abzuwenden sein würde. „Das, was ich schreibe, wird einmal als Wahrheit gelten“, sagte er im letzten großen Gespräch, das die Theaterredaktion mit ihm führte (F.A.Z. vom 3. Juni 2019). Das war kein Hochmut, sondern die Einsicht, dass seine Theatergeschichte bereits zu seinen Lebzeiten als Quelle ersten Ranges galt. Das war ihm Verantwortung, vielleicht auch Last, gewiss Ansporn. Jetzt ist Günther Rühle im Alter von 97 Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Verlagsangebot
Professur für "Ladungssicherung und Transport" Fachbereich: Maschinenbau
Fachhochschule Dortmund
Professur für "Industrie 4.0 und Datensicherheit im Maschinenbau"
Fachhochschule Dortmund
Professur für "Bionik in der Konstruktion und Produktentwicklung"
Fachhochschule Dortmund
Wirtschaftsprüfer/-innen (w/m/d) für den Geschäftsbereich Wertpapieraufsicht im Aufgabenbereich Bilanzkontrolle
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)
Verlagsangebot
Alles rund um das Thema Bildung
Verbessern Sie Ihr Englisch
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE