<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Tom Tykwer verfilmt „Cloud Atlas“

Im Sturmwind der Unwirklichkeit

Von Dietmar Dath
Aktualisiert am 30.10.2012
 - 17:10
Sonmi-450 (Doona Bae) trifft in „Cloud Atlas“ auf ein mysteriöses Flugobjektzur Bildergalerie
Der Roman „Cloud Atlas“ ist verfilmt worden - und öffnet so den Blick für ein junges, bei uns völlig unbekanntes Genre, das im englischen Sprachraum „Slipstream“ heißt.

Seit es Spielfilme gibt, freut man sich über Romane, die dem Kino zeigen wollen, was es nicht kann: je größer das Menü der Künste, desto besser. Wie wäre es also mit einem Text, der sechs Zeitebenen hat und von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis in die ferne Zukunft ausgreift - eine Reise, die vom Altenheim in Hull über unterirdische Schnellrestaurants in Asien bis in eine postapokalyptische Fetzenlandschaft führt und dabei Tonfälle vom Tagebuch über den Krimi bis zum Verhör einsetzt, um ein Figurenensemble zwischen herzkranken Verlegern, Atomforschern, Komponisten und geklonten Serviermädchen zum Sprechen zu bringen?

David Mitchells Roman „Cloud Atlas“ von 2004 benimmt sich über fünfhundert Seiten wie ein Ungeheuer, das keine Regie bändigen kann. Ob es Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern fürs Kino dennoch gelungen ist, werden sehr bald alle wissen, die es interessiert. Der Film läuft in der übernächsten Woche an. Genauso interessant aber dürfte für Menschen, die gern Bücher lesen, bei denen man sich was denken darf, die Frage sein, ob Mitchells Herausforderung ans menschliche Vorstellungs- und Fassungsvermögen gattungsgesetzlich beschreibbar und also von anderen gegebenenfalls weiterzuspinnen oder zu kontern ist.

„Fix up“ und Science Fction

Wenn Literaturkritik und akademische Analyse von einem derart wilden Buch gebissen werden und nicht sofort mit allergischen Abwehrreaktionen Marke „unklassifizierbar“ reagieren, kramen sie seit etwa 1980 gern die Imponiervokabel „postmodern“ aus ihrem Etikettenvorrat. Gemeint ist damit das literarische Äquivalent einer Denk-, Bau- oder Musizierweise, die Flachdächer mit Erkerchen, Hegel mit Hägar und Italo-Disco mit Stockhausen vernäht, weil sie sonst an konstitutioneller Einfallslosigkeit eingehen müsste.

Man kann sich, wenn man angesichts eines außergewöhnlichen Kunststücks in der es umgebenden Literatur nach Mustern suchen will, allerdings auch mal anderswo umschauen als im Akademischen. Dann wird man beispielsweise merken, dass „Cloud Atlas“ wie ein klassischer fix-up gearbeitet ist, nämlich als Verknüpfung der kaleidoskopartig um eine gemeinsame Spiegelachse geworfenen sechs Einzelgeschichten.

Das Wort fix-up stammt vom Science-Fiction-Autor A. E. Van Vogt und bezeichnete ursprünglich Romane, die aus zuvor in Pulp-Heftchen erschienenen Kurzgeschichten oder Novellen gestrickt wurden, als der Markt für Science-Fiction sich dem Taschenbuch öffnete. Nun sind die „Cloud Atlas“-Episoden freilich von vornherein aufs kristalline Zusammenschießen zum Roman angelegt, und dieser Roman, seinerzeit immerhin auf der Shortlist für den Man Booker Prize, steht natürlich nicht im Science-Fiction-Regal, auch wenn sein Verfasser sich in diesem und anderen Werken als profunder Kenner des Genres erweist.

Wenn „Cloud Atlas“ aber keine Science-Fiction ist und ihr doch näher steht als alles, was die Kurzzeit-Literarhistorie sonst zur Kenntnis zu nehmen pflegt, wie nennt man das Tier dann? Wo das Phantastische in den Künsten ein Thema ist, redet man in Fällen wie diesen im angloamerikanischen Sprachraum seit einiger Zeit von „Slipstream“.

Der Sog klassischer Phantastik

Als Name für eine bestimmte Sorte Schriftstellerei hat diesen Ausdruck 1989 zuerst der Autor Bruce Sterling verwendet, in der Absicht, ein Wortspiel mit der Kategorie „Mainstream“ in die Welt zu setzen. Ein deutscher Begriff, der die verschiedenen maritimen und aeronautischen Bedeutungen umfassend wiedergibt, existiert nicht, gemeint ist aber sowohl der Windschatten wie eine Art Kielwassersog, und was Sterling sagen wollte, sollte eine bestimmte Sorte Technothriller oder Edelschmock-Grübelprosa angreifen, bei der rhetorische Gesten der Verfremdung und Übertreibung aus der Science-Fiction (von hier an, der Genre-Tradition folgend, mit SF abgekürzt) zum Aufhübschen ansonsten unspektakulärer Texte verwendet wurden.

Bei diesem negativen Wortgebrauch blieb es freilich nicht lange - zumal auch SF-Schaffende selbst plötzlich zunehmend Texte schrieben, die man unters neue Rubrum einsortieren konnte, weil ihnen irgendetwas fehlte oder sie umgekehrt irgendetwas aufwiesen, das sie vom Hauptkörper des angestammten Genres trennte.

Einer der Klügsten, denen dies unterlief, Christopher Priest - die SF-Welt kennt ihn, weil er „The Inverted World“ (1974) geschrieben hat, die breitere literarische Öffentlichkeit nahm ihn mit Büchern wie „The Prestige“ (1995) zur Kenntnis, ein inzwischen kanonisches Beispiel fürs Slipstreamgenre, 2006 verfilmt durch Christopher Nolan -, schildert das Schicksal der neuen Gattung so: Slipstream habe begonnen als „eine ehrgeizigere Sorte SF, die außerhalb der etablierten Tropen arbeiten wollte: Weltraumfahrten, außerirdische Invasoren, Zeitreisen und dergleichen.Die Leute, auf die man sich berief, waren etwa Angela Carter, Paul Auster, Haruki Murakami, Jorge Luis Borges und William S. Burroughs.“

Erst empfinden, anschließend staunen

Der Name Slipstream wanderte von dort aus als Geschenk der informierten Kritik in den (nicht immer gern angenommenen) Besitz von Leuten wie Jonathan Lethem, Michael Chabon oder eben David Mitchell; man wandte ihn auch auf Bücher von Don DeLillo oder David Foster Wallace an.

Eine gewisse Einigkeit über wenigstens eine Grundbedingung für die Slipstreamhaftigkeit von Texten, so umstritten das Ding bald war und nach wie vor ist, ließ sich schließlich doch herstellen: Sowohl Farah Mendlesohn, die 2008 den wegweisenden Abriss „Rhetorics of Fantasy“ veröffentlichte, wie einige näher am Literaturbetrieb tätige Leute, etwa John Clute, der weltweit kenntnisreichste Phantastik-Philologe seit Tzvetan Todorov, oder Gary K. Wolfe, der seinen 2011 erschienenen Essayband „Evaporating Genres“ nicht zuletzt unterm Eindruck der Slipstream-Hausse dem Thema des gegenwärtigen „Verdampfens“ der traditionellen Genrebestimmungen gewidmet hat, erklärten Slipstream für etwas, das „richtiger SF“ poetologisch zwar ähnele, aber aus historischen Gründen dann doch keine sei. Wie geht das, was heißt das? Anders gefragt: Was tut eigentlich „richtige SF“?

Sie verlängert bestimmte Sachverhalte und Tendenzen im ästhetischen, sozialen, ökonomischen oder politischen Leben der Gegenwart und streicht andere, um Möglichkeitsräume aufzuspannen, in denen sich erzählen (fiction) lässt, was für (noch) unwirkliche Haltungen man zur Wirklichkeit einnehmen könnte - und zwar, das ist ihr unique selling point, unter ausgiebiger Bezugnahme auf vorhandenes Wissen (science) über diese Wirklichkeit. „Bezugnahme“ ist dabei durchaus breit aufzufassen: Es kann auch eine schroff verneinende sein (“alles, was wir wissen, ist falsch“). Der Reiz der Sache liegt im Gelingensfall dann in dem Empfinden, das Bekannte neu arrangiert zu sehen (conceptual breakthrough) und sich daran staunend zu erfreuen (sense of wonder).

Verfremdung als höherer Realismus

Als funktionale Beschreibung des Genres, bei der ein paar von Clute, Wolfe und anderen entwickelte Fachtermini ihre Rolle spielen, geht das auf. Die historische Wahrheit übers Genre aber sagt es nur bedingt - denn die Umsetzung dieses poetischen Programms, das noch aus der vor allem britischen scientific romance (etwa von H. G. Wells) und dem Erbe Jules Vernes stammte, führte, seit Hugo Gernsback der Sache in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Namen scientifiction gab, zu einem festen Katalog von Metaphern und Motiven. Diese aber findet man bei den Slipstreamleuten von Mitchell bis Michel Houellebecq (in „Elementarteilchen“) entweder gar nicht oder in von der SF-typischen Handhabung stark abweichender Verwendung.

Gerade dies macht das Wesen des Slipstream aus: historisch aus der SF gefallen oder versetzt zu ihr zu sein, aber funktional von ihr fast nicht zu unterscheiden. Christopher Priest hat ebendas mit anderen Worten gesagt: „Slipstream ist kein Kanon, sondern ein Geisteszustand, eine Art Zerrspiegel“ - in den man mittlerweile auch in deutschsprachigen Gegenden schauen kann, aufgestellt etwa von Christian Kracht (“Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“) oder Clemens J. Setz (“Indigo“).

Slipstream als Mainstream?

Das, was John Clute einmal „First SF“ genannt hat, das Spielen naturwissenschaftlich-technischer Jazz-Riffs auf den Instrumenten der Utopie oder Dystopie, ist seit der „New Wave“ der sechziger und siebziger Jahre vorbei. „First SF“ schilderte Zukünfte, Parallelwelten und Verwandtes noch als Gegenden, in denen niemand je SF gelesen hatte - unschuldig.

Das Aufkommen von Slipstream und die Debatte darum markieren nun den kulturgeschichtlichen Zeitpunkt, an dem der SF widerfährt, was für den Horror seit Mitte der siebziger Jahre Stephen King und für die Fantasy 1973 William Goldman mit „The Princess Bride“ vollbracht hat: Das Genre erkennt, dass und wie es selbst zu der Welt gehört, deren Erscheinungen es verfremden will. Was dabei herauskommt, ist im besten Fall eine höhere, nämlich erwachsenere Form des Realismus - die nicht mehr so tut, als seien die Phantasien, die Menschen haben und leben, etwas, das sich dem, was der Fall ist, als sein Anderes gegenüberstellen und davon sauber trennen lässt.

Der Slipstream wird breiter. Die ersten amphibischen Geschöpfe im Strom klettern bereits ans Ufer anderer Medien, ins Fernsehen (“Lost“, „American Horror Story“) und ins Kino (“Cloud Atlas“). Slipstream könnte Mainstream werden - was dann?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.