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Überwachungsstationen

Tausend Augen schauen uns an

Von Niklas Maak
 - 17:24
Unsere Vorstellung vom leeren Himmel bekommt Kratzer: „Four Geostationary Satellites Above the Sierra Nevada“ (2007)zur Bildergalerie

Dies ist das Bild einer Nacht in den Bergen: Mondlicht fällt auf den Schnee, der Wald ist schwarz, der Himmel leer und kalt - denkt man jedenfalls. Denn dort oben befinden sich Dinge, die kaum sichtbar sind, die der Mensch ins Bild schoss, Satelliten. Der Fotograf, der hier regungslos auf die Erscheinung wartete, hat sie mit einer Langzeitbelichtung sichtbar gemacht; er wusste, dass die Flugkörper hier, nachts in der Sierra Nevada, zu sehen sein würden.

Der Fotograf heißt Trevor Paglen. Seit Jahren dokumentiert er mit riesigen Präzisionsobjektiven Dinge und Orte, die nach dem Willen ihrer Erfinder möglichst nicht sichtbar werden sollten: geheime Überwachungssatelliten, Drohnen auf ihrem todbringenden Flug, Militärmaschinen, die Gefangene in geheime Gefängnislager der CIA transportieren, Abhörstationen der NSA - und es ist kein Wunder, dass Paglen, der selbst jahrelang kaum beachtet vom breiten Kunstpublikum seine Arbeit machte, plötzlich als einer der wichtigsten Künstler des Zeitalters von Big Data gefeiert wird: zur Zeit in einer Ausstellung des Smithsonian Art Museum in Washington und einer im Van Abbe-Museum in Eindhoven, die noch bis zum kommenden Sonntag Paglens Sammlung von 1500 Codenamen für Personen oder Operationen amerikanischer Militärprogramme zeigt; im kommenden Jahr in zahlreichen Ausstellungen, darunter auch in Deutschland, etwa ab dem 5. April in der Schau „Smart New World“ in Düsseldorf.

Alles, was er tut, ist legal

Trevor Paglen wurde 1974 in Maryland geboren - auf der Andrews Air Force Base, wo sein Vater Augenarzt bei der Armee war. Später studierte er Religionswissenschaften und Geographie, und wie alle guten Kartographen interessierten ihn besonders die weißen Flecken, die eine Gesellschaft in ihren Darstellungssystemen produziert. Paglen nähert sich, soweit das möglich ist, den geheimen, nirgendwo verzeichneten Sperrgebieten und Gefängnissen der CIA, wofür er 2006 nach Afghanistan reiste. Er berechnet Flugbahnen von Flugzeugen, die in keinem Flugplan zu finden sind. Er benutzt eine von Informatikern und Astronomen entwickelte Software, die die orbitalen Bewegungen von Satelliten berechnen kann. Er verwendet extreme Teleobjektive, wie sie für astronomische Beobachtungen entwickelt wurden, um Flugobjekte und Abhöranlagen aus bis zu vierzig, fünfzig Kilometern Entfernung zu fotografieren.

Er reist in die Wälder von West Virginia, wo es eine „National Radio Quiet Zone“ gibt: die Menschen dürfen hier kein Mobiltelefon, kein Radio, nicht mal eine Fernbedienung benutzen, die Polizei überwacht das Verbot scharf, in der Zone herrscht Stille wie vor dem Zeitalter der Kommunikationstechnologie, man hört nur das Rauschen der Wälder. An diesem scheinbar idyllischen Ort entsteht das Bild, das zu einer der ersten Ikonen des Big-Data-Zeitalters wurde: Die grünschimmernde, leicht unscharfe Aufnahme einer Abhörstation der NSA, die den „Moon Bounce“ auffängt. Seit Januar 1946 beschäftigt das Phänomen das Militär; damals zeichnete man in Fort Monmouth, New Jersey, das Echo vom Mond auf, was seitdem für die Funktechnologie genutzt wird. Seitdem wird auch hier an Daten gesammelt, was nur geht; Trevor Paglen ist der erste, der in seiner Kunst die neuen Orte von Big Data sichtbar macht.

Was geht im Orbit vor sich?

Wie Taryn Simon, die für ihren „American Index of the Hidden and Unfamiliar“ amerikanische Labors und Überwachungsorte fotografierte, gehört Paglen zu einer Generation jüngerer amerikanischer Künstler, die mit Methoden des investigativen Journalismus arbeitet. Im Prinzip geht er vor wie ein gründlich recherchierender Reporter. Alles, was er tut, ist legal (das unterscheidet ihn von Whistleblowern wie Edward Snowden), er besorgt sich Informationen, an die jeder kommen könnte. 2006 veröffentlichte er zusammen mit dem Reporter Adam Clay Thompson das Buch „Torture Taxi“, in dem gezeigt wird, wie die CIA weltweit Terrorverdächtige in geheime Spezialgefängnisse bringt; für das Buch recherchierte er Flugbewegungen kleinerer Airlines, die im Auftrag von Tarnfirmen an abgelegene Orte flogen und fand dort Spuren des Militärdienstleisters Kellogg, Brown & Root, der damals Teil von Halliburton war - jener Firma, deren Vorstandsvorsitzender Dick Cheney war, bevor er unter Bush junior Vizepräsident der Vereinigten Staaten wurde.

Bei seinen Recherchen hilft Paglen vor allem der Blick in den Himmel - weil der einer der wenigen Orte ist, die schwer abzusperren sind. „Sie können kein geheimes Flugzeug in einer unsichtbaren Fabrik bauen“, erklärte der Künstler vor kurzem in einem Vortrag, den er für das Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs in Hamburg schrieb - und vor allem kann man es nicht ungesehen fliegen lassen. „Als ich die geheimen Orte der CIA recherchierte, musste ich mich mit Flugbewegungen auf der ganzen Welt beschäftigen“, erzählt uns Paglen bei einem Gespräch. „Und um auszurechnen, wann und wo ein Flugobjekt am Himmel auftaucht, reicht die Mathematik des 17. Jahrhunderts. Eine der wichtigsten Datenquellen für mich waren dabei die Aufzeichnungen britischer Planespotter, die die Nummern zahlloser Flugzeuge ins Netz stellen. Durch sie habe ich auch erfahren, dass es Amateure gibt, die geheime Satelliten beobachten“. So entstand die Idee, so viele Geheimsatelliten wie möglich in ihrem nächtlichen Flug aufzunehmen und so das zu kartografieren, was im Orbit vor sich geht. Die Bilder, die dabei entstanden, verändern den Blick in den Himmel nachhaltig.

Beobachter des Beobachtens

Bis zur europäischen Romantik war der Nachthimmel immer der Ort, der dem menschlichen Zugriff entzogen war und dessen Leere entweder verstörte - berühmt ist Blaise Pascals Klage, das „ewige Schweigen dieser unendlichen Räume“ erschrecke ihn - oder aber tröstete: Bei Heinrich Heine sind die „Himmelsaugen droben“ noch „die Augen meiner Liebsten“: „Tausendfältig schimmern sie und grüßen freundlich aus der blauen Himmelsdecke“. Was dort heute herab grüßt, ist weniger romantisch und hat mit der Vorstellung tröstlicher Leere wenig zu tun: Allein in einer Höhe von vierhundert bis 1200 Kilometern Höhe, sagt Paglen, kreisten rund zwanzigtausend Objekte. „Manche der Satelliten dort machen nur Bilder, die NSA benutzt welche, die Daten aus kommerziellen Satelliten absaugen und so viele Kommunikationsvorgänge wie möglich überwachen“.

Paglen wurde zum Beobachter des Beobachtens, und die Bilder, die dabei entstehen, sind mehr als bloßer Dokumentarismus. Sie kommen nicht aus dem Nichts. In der Kunstgeschichte ist der Himmel seit jeher ein metaphorisches Schlachtfeld, das Sinnbild im Bild: Hier taucht das Unvorstellbare auf, der Verkündigungsengel, Gott selbst, noch in den turbulenten Sturmhimmeln des Malers William Turner, den Paglen verehrt, bildet sich die Beschleunigung seiner Zeit ab, in der nicht nur beim Blick aus dem Zugwaggon die Konturen der Umwelt in Regen, Dampf und Geschwindigkeit verschwammen; der Himmel im Bild zeigt hier, welchen Effekt die neue Technologie auf die Wahrnehmung der Welt hat.

Erahnte Maßstabslosigkeit

Wenn Paglen mit speziellen Belichtungstechniken den Verkehr amerikanischer Spionage-Satelliten im Himmel über dem Yosemite-Nationalpark sichtbar macht, dann schwingt in diesen Aufnahmen auch die Bildgeschichte der amerikanischen Natur mit. Seit der 1804 von Präsident Jefferson angeordneten Expedition zu den Quellen des Missouri Rivers in den Rocky Mountains hatten zahllose Künstler die weitgehend unberührte Natur des Westens gemalt und dabei eine spezifisch amerikanische Ästhetik des Erhabenen entwickelt. In John Frederick Kensetts Gemälden der „White Mountains“ ebenso wie in Giffords dunstigen Blicken über die Catskill Mountains, in seiner epischen „Wilderness“ ebenso wie in Frederick Churchs dramatischem Gemälde „Zwielicht in der Wildnis“ von 1860 ist der weite, leere Himmel immer ein Versprechen, die Wolken bilden einen optischen Sog in die Tiefe des noch unerkundeten, endlos weiten Westens: Anders als in der europäischen Malerei mit ihren zerberstenden Schiffen ist das Erhabene des stürmischen Himmels hier keine eindeutige Vanitaslandschaft und kein Verweis auf die menschliche Hybris, sondern auch und vor allem eine Ermutigung zur Eroberung der Weite. Dieses Versprechen der hohen,weiten Leere eines amerikanischen Himmels klingt sogar noch in der späten Hymne „Imagine“ des Wahlnewyorkers John Lennon durch: no hell below us, above us only sky.

Letztendlich versucht Paglen in seinen Bildern eine kritische, deutlich dunklere Ästhetik des Erhabenen. Ihm geht es um die Maßstablosigkeit dessen, was wir in den vorbeirasenden Objekten erahnen; um Bilder einer totalen Überwachung: um den delightful horror, von dem der Philosoph Edmund Burke spricht, einen Zustand zwischen Schönheit und Terror, aber auch um die Idee einer anderen Form von Zeit im Sinne von Kants Definition des Erhabenen als desjenigen, „das jeden Maßstab der Sinne übertrifft.“

Die greifbare Überwachung

Wie kann sich solch ein Maßstab in einem Kunstwerk zeigen? Ein Projekt, an dem er immer noch arbeite, heiße „Last Pictures“, erzählt Paglen. „Satelliten sind vielleicht die langlebigsten Objekte, die Menschen je hergestellt haben und je herstellen werden. Sie existieren in einer Zeitdimension, die nichts mehr damit zu tun hat, wie wir Zeit erfahren oder uns vorstellen.“ Mit Materialforschern des Massachusetts Institute of Technology hat Paglen eine Speicher-Disc entwickelt, die hundert eingravierte Mikrobilder unserer Welt in einer Hülle aus Gold ins All tragen und dort Milliarden von Jahren überstehen soll. Die Firma Echo-Star hat das Kunstobjekt mit einem Satelliten in den Orbit geschossen. Dort fliegt es nun herum und soll verhindern, dass nach dem Ende der menschlichen Spezies nur noch die metallenen Reste ihrer Abhöranstrengungen durchs All geistern.

Wichtiger ist Paglens Arbeit aus einem anderen Grund. Im 19. Jahrhundert waren es die Bilder der amerikanischen Landschaftsmaler, die die Eroberung der Horizontale mit Eisenbahnen begleiteten. Im 20. Jahrhundert folgten die Bilder von Astronauten und Raketen, die die Eroberung der Vertikale, des Himmels, in ähnlicher Weise sichtbar machten. Noch das Atomzeitalter hatte im Atompilz ein phantasmagorisches Angstsymbol, ein übermächtiges Bild. Die neuen Eroberungen und Gefahren aber sind unsichtbar und produzieren keine Bilder: Terrorangst, Finanzkrise und der Panoptismus von Big Data sind allgegenwärtig und unsichtbar, sie haben keine identifizierbare Form.

Paglen macht als einer der ersten mit seinen Aufnahmen von Orten und Objekten der Überwachung Big Data im Bild greifbar. Wobei das umso unschärfer scheint, je dichter der Künstler sich mit Präzisionsteleskopen und starken Brennweiten an sie heranzoomt - ganz so wie es dem Fotografen in Michelangelo Antonionis „Blow up“ ergeht; es bleibt, für die Ausspäher wie für ihren Beobachter, oft nur ein unscharfes Flimmern, ein knackendes Rauschen aus dem All, in dem die Inhalte eingekapselt sind wie ein Insekt in einem matten Bernstein. Man kann Paglens Bilder so auch als Reflexion über die Grenzen des Sehens, Beobachtens und Erkennens lesen.

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht“, schrieb Immanuel Kant: „Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“. Beides tritt in Paglens Bildern in ein neues, prekäres Verhältnis zueinander. Paglen wendet die Präzisionsinstrumente, die zur Beobachtung von Vorgängen in der größtmöglichen Vertikalen, im All entwickelt wurden, wieder in der Horizontale an, um die Ausspäher bei ihrem Schauen auszuspähen: Das Über-Auge wird zurückgeholt zu denen, die ihr Opfer wurden. Die Turbulenzen und Unschärfen in seinen Aufnahmen wirken dabei wie erste Visualisierungen eines Datenstrudels, in dem die Grenzen zwischen staatlichen Schutzbemühungen, privatwirtschaftlicher Informationserhebung und ihrem vielfältigen Missbrauch vollkommen unsichtbar werden.

Der Artikel wurde nachträglich in den Passagen verändert, die den Moon-Bounce-Effekt betreffen. Wir danken für die Hinweise der Leser. Die Redaktion

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maak, Niklas (nma)
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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