Durchleuchtete Tiermumien

Resteverwertung für die letzte Reise

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
14.05.2015
, 12:16
In Manchester fanden die Forscher in einem Drittel der Tiermumien fast nichts. Auch in Bremen wurden die Bestände des Übersee-Museums vor drei Jahren computertomographisch untersucht.
Was wohl die Götter davon hielten? Im alten Ägypten waren Tiere beliebte Begleiter ins Jenseits. Jetzt hat die Universität Manchester mehr als achthundert Tiermumien durchleuchtet. Mit erstaunlichem Ergebnis.

Die noch ziemlich moderne Idee, unsere spirituelle Verbindung zum Tier durch kulinarische Vorlieben zum Ausdruck zu bringen bis hin zum Ablehnen jeglicher Tierrestmengen auf dem Teller, unterstreicht nur die sehr alte Beobachtung: Mensch und Tier pflegen ein ganz besonderes Verhältnis - im einen wie im anderen Extrem.

Eine der ersten Fragen, auf die etwa der alte Ägypter gefasst sein musste, wenn er sich Zutritt ins Jenseits erhoffte, behandelte die generelle Achtung der Kreatur. Tierquäler konnten sich von den Göttern keine Gnade erhoffen. Aus diesem Wissen heraus hat sich in der ägyptischen Kultur bis zu den Römern eine Diesseitskultur etabliert, die den Geschöpfen am Boden, im Wasser und in den Lüften besonderen Respekt zuteilwerden ließ. Nicht nur, dass man Tiere wie die Katze oder den Falken zu Lebzeiten als grazile Inkarnationen bestimmter Gottheiten verehrte. Tiere waren danach auch die geliebten Begleiter im Jenseits, sie wurden - selbst mumifiziert - den Göttern als Opfer dargeboten, und nicht wenige hat man in keineswegs verwerflicher Absicht den Bestatteten als Wegzehrung ins Paradies mitgegeben. Kurz gesagt: Die alten Ägypter waren unsterbliche Tiernarren.

Schilf, Reisig, Federn, Haare

Doch wie alles, was maßlos ausgeübt wird, nahmen auch diese Sitten offenbar so obszöne Züge an, dass einem heute die scharf gewürzte Hähnchenkeule im Hals stecken bleibt. Herausgekommen ist das quasi nur beiläufig. An der Universität Manchester, wo man seit Jahren der ägyptischen „Mumienindustrie“ auf der Spur ist, hat man inzwischen mehr als achthundert Tiermumien mit den modernsten bildgebenden Verfahren durchleuchtet - Katzen, Hunde, Vögel, Krokodile, alles, was das Ägypterherz selig zu machen versprach. Was nun die Dokumentarfilmer der BBC, die den wissenschaftlichen Fortgang mediengerecht begleiteten, offenbar schwer in Rage brachte, war eine Erfahrung, die man den Kirmeseffekt nennen könnte: Nicht in jeder Rolle steckt ein Gewinn. In den oft sehr einfach zusammengewickelten und mit Harz verklebten, aber meistens graziös geformten Tiermumien fand man nämlich keinen einbalsamierten Kadaver, sondern - nichts. Oder sagen wir besser: fast nichts.

Ein Drittel der Mumienhüllen war mit billigem Schilf, Reisig, Federn, Haaren und Eierschalen ausgestopft. Religiöser Schwindel? Wohl kaum. Andersherum wird ein Mumienschuh draus: Der Markt für animalische Opfergaben war offenbar irgendwann so gewaltig, dass man die leeren Leinenhüllen mit allem bestückte, was der organische Kontext der Kreaturen hergab. Tiernarretei eben. Was uns freilich mehr zu schaffen macht als die Qualität der altägyptischen Grabsouvenire ist ihre schiere Menge: Zig Millionen Tiermumien, bergeweise verleimte Ibis-Vögel etwa, wurden in den Katakomben entdeckt. Einer der Wissenschaftler spricht vom industriellen Maßstab der Tierproduktion. Bitter: Die Tierliebe der Massen endet in der Massentierhaltung. Wie es den Göttern halt gefiel.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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