Beatles als Studienfach

Yeah, Yeah, Yeah!

EIN KOMMENTAR Von Edo Reents
26.02.2021
, 10:11
Man kann die Beatles nicht nur hören, an der Universität von Liverpool kann man sie jetzt sogar studieren. Was wohl die Stones dazu sagen?

Damit konnte der Arbeiter- und-Bauern-Staat nichts anfangen: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“ Mit souveränerer Ignoranz hat sich wohl kein Altvorderer gegenüber neumodischem Kram begriffsstutzig gestellt als Walter Ulbricht auf dem elften Plenum der SED kurz vor Weihnachten 1965.

Und, wenn man von den alles andere als lustigen Folgen, welche dieses Kahlschlagsplenum für die Kultur der DDR hatte, einmal absehen darf, dann weiß man nicht, worüber man mehr lachen soll: über „und wie das alles heißt“ oder über „Je-Je-Je“. Die Beatles, die ihm da mit „She Loves You (Yeah, Yeah, Yeah)“ so lästig in den Ohren dröhnten, hatten damals längst ein Niveau erreicht, das ohne solche Schlachtrufe auskam. Es ist gleichwohl schwer vorstellbar, dass, lebte Ulbricht noch, dieser sich für ein Studium im Alter einschreiben ließe und dabei den Aufbaustudiengang „Beatles – Music Industry and Heritage MA“ wählte, den die Universität Liverpool zum Herbst anbietet.

Man muss für die zwölf (Vollzeit) oder vierundzwanzig Monate (Teilzeit) lange Befassung mit dieser Vierer-Bande einen Bachelor-Abschluss und idealerweise Berufserfahrung mitbringen. Das Programm ist noch in Arbeit, die Richtung lässt sich aber anhand dessen, was schon vorgesehen ist, erahnen: weg von einer ja gleichfalls noch gar nicht abgeschlossenen historischen sowie kultur- und musikwissenschaftlichen Beschäftigung hin zu einer – man muss das so knallhart formulieren – kulturwirtschaftlichen, um nicht zu sagen: kulturindustriellen Verwertbarkeit. In eigenen, entwaffnend ungeschminkten Uni-Worten: „into a broader and more robust 21st-century context“. Dass man dafür den örtlichen Beatles-Tourismus nutzen und ihn gleichzeitig weiter ausbauen will, ist das gute Recht einer Stadt, die eine solche Band hervorgebracht hat. Gegen Stadtführungen, die mit der Herkunft der Bandmitglieder näher vertraut machen, ist auch gar nichts zu sagen. Und dass man es auf einen Kurzschluss der Beatles mit all den Sektoren der Musik-, Medien-, Soziale-Medien-, Tourismus- und Erbpflege-Industrie abgesehen hat, ist wohl der Lauf der Zeit. Aber es riecht eben nach „fit machen fürs 21. Jahrhundert“. Musiker, für deren Hinterlassenschaft das Prädikat „Weltkulturerbe“ noch zu dürftig wäre, haben so etwas überhaupt nicht nötig; Studenten, die, anders als die Beatles, noch ein zumindest ökonomisch ungesichertes Berufsleben vor sich haben, leider schon eher. Walter Ulbricht hätte sich gewundert, wo das alles noch hinführen würde. Irgendwie mag das Ganze auch hinhauen: Die Beatles waren oder schienen ja doch staatstragender, systemkonformer zu sein als ihre stärkste Konkurrenz. Vielleicht sollte man sich nach einer Universität umsehen, die einen „in Rolling Stones“ promoviert. Unstillbarer Wissensdurst wäre mitzubringen: I can’t get no satisfaction oder wie das alles heißt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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