Verbot der Glühbirne

Im Elektrik-Antiquariat

Von Ulf Erdmann Ziegler
07.09.2009
, 16:02
Noch brennen sie: die Glühbirne muss ohne Notwendigkeit ausglühen
Glühbirnen kann man bald nicht mehr kaufen, aber man darf sie noch verwenden. Die von der EU aufgezwungenen Energiesparlampen sind eine erbärmliche Alternative. Ulf Erdmann Ziegler über den Einkauf der letzten Glühbirnen der Menschheitsgeschichte.
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Wer glaubt, seit dem ersten September dürfe man irgendeine Glühbirne nicht mehr verwenden, sie kaufen oder verkaufen, irrt. Wo immer man eine angeboten bekommt, sollte man sie mitnehmen. Was die EU unterbindet, ist der Nachschub. Es geht jetzt um die Reserven. Stefan Dörr, Inhaber der Firma Müns in Frankfurt am Main, hat mir die Rechnung aufgemacht: Wenn eine Glühbirne viermal im Jahr durchbrennt, braucht man in einem Haushalt mit zwanzig solchen Lichtquellen achtzig Glühbirnen als Jahresvorrat. Er empfiehlt, sich für zehn Jahre auszurüsten, das wären achthundert Stück.

Ich habe mir daraufhin alle Räume angesehen, die wir ständig oder gelegentlich bewohnen, samt Scheunen und Garagen, habe mich über die Vielfalt der Glühbirnen gewundert und sie per Strichliste erfasst: die große und die kleine Drehfassung, die Bajonettfassung für alte französische Lampen, die klassischen „Birnen“, die kugel- und die kerzenförmigen, die mattierten und die klaren. In jeglicher Kombination. Da muss man genau sein, denn: Was würde es uns helfen, wenn wir in zehn Jahren auf dreihundert klassischen „Birnen“ säßen, wenn wir die zierlichen, gestreckten für die Beleuchtung von Bildern brauchen werden? Zugegeben, die Beschaffung war Arbeit, hat Geld gekostet und verlangt nun eine gewisse Logistik in der Lagerung und Beschriftung. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, aber mein Lager umfasst zwei- bis dreitausend Stück diverser Typen, das reicht vielleicht für meine Lebenszeit. Die mitleidigen Blicke meiner Nachbarn sind mir nicht entgangen.

Erbärmliche Alternative

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Den Sommer habe ich genutzt, um mit meinen Lieferanten zu sprechen. Den einen Typ verkörpert Frau Masurek, den anderen Herr Solarek. Frau Masurek schickt mir gern zwei riesige Pakete mit Osram-Softtones, hofft aber auf den großen Wandel. Ja, sie ist überhaupt erst zum Lichthandel gekommen, seit sie von den großen Neuerungen gehört hat, die uns den Weg in die Zukunft leuchten werden. Noch gibt es da Mängel, ja vielleicht sogar einen konkreten Mangel, aber die Industrie wird es nun richten müssen. Herr Solarek hält das für Quatsch. Es gibt für Edisons Glühfadenlampe keinen Ersatz. Er jedenfalls haut sich das Lager voll mit allem, was er an Glühbirnen kriegen kann. Der ollen Edison sagt er eine große antiquarische Karriere voraus.

Stefan Dörr, der die Regeln des Stroms genauso gut kennt wie die Regeln des Warenstroms, winkt ab. „Die meinen das wirklich ernst“, sagt er. „Die Vorräte gehen alle, und dann gibt es keine wirklichen Alternativen. Die Kompaktleuchtstofflampe ist vor vierundzwanzig Jahren auf den Markt gekommen, eine technologische Sackgasse. Sie bringt erbärmliche Leistungen und eine enorme Last für die Umwelt. Unsinn also, nach einem Vierteljahrhundert zu behaupten, man arbeite an ihrer Perfektionierung. Es handelt sich bei dem EU-Verbot der Glühbirne um nichts anderes als den Durchmarsch einer winzigen Lobby, und alle, alle haben geschlafen, die Politiker, die Presse, die Umweltverbände.“ Er, der Kunden seit Jahren in Sachen gutes Licht berät, fühlt sich alleingelassen und betrogen. Aber er ist nicht allein. So denken viele.

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Bornierte Alleingänge

Tatsächlich hat es bis zur letzten Augustwoche gebraucht, um den Sprecher der EU in dieser Angelegenheit eines substantiellen Irrtums zu überführen. Ferran Tarradellas, ein Katalane im glühbirnenfreien Brüsseler Büro, behauptet nämlich, mattierte Glühbirnen spendeten weniger Licht als klare. Und weil das Verbot alle mattierten Birnen zuerst trifft, dachten die Konsumenten das auch. Ralph Quinke hat nachgewiesen, dass das nicht stimmt: Die „Lumen“-Leistung einer mattierten und die einer klaren Glühbirne liegen gleichauf. Das heißt: Das Verbot mattierter Glühbirnen entbehrt jeder Grundlage. Es basiert auf Aberglauben. Oder schlechter Recherche. Zeit für ein Gericht, das „Mattierte“-Verbot zu kippen. Es fehlt nur ein Kläger.

Der Archetyp der Glühbirne ist die Klare, deren Glühfaden, gedimmt, die Idee ins Pittoreske überführt. Deshalb nutzen bildende Künstler fast immer klare Glühlampen. Till Briegleb, Hamburger Feuilletonist, ist vor kurzem der Frage nachgegangen, wie Museen mit dem Fabrikationsverbot für Glühbirnen in Europa umgehen. Es ist in der Tat wunderlich, dass hier keine Ausnahme vorgesehen ist, so wie man ja auch - aus kulturhistorischen Gründen, oder? - Oldtimer-Autos von bestimmten Restriktionen befreit. Darauf meldete sich wiederum Ferran Tarradellas: „Sonst ließen sich auch Ausnahmen verlangen, wenn ein Künstler Anti-Personen-Landminen, angereichertes Plutonium oder FCKW nutzen will.“ Der Vergleich mit den Landminen zeigt, wohin es die Zeloten der EU treibt: Sie haben sich nicht nur geirrt; ihren Irrtum ohne jede nationale parlamentarische Debatte durchgesetzt; sie haben nicht nur das Augenmaß für die Sache, sondern auch für die Dimension der Sache verloren.

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Europäische Verbotskultur

Beim Auseinandernehmen einer „Energiesparleuchte“ hat das Institut für chemische Analytik in Delmenhorst festgestellt: der Quecksilberanteil kullert nicht - wie beim (von der EU verbotenen) Thermometer - heraus, sondern diffundiert, wenn das Ding zerbricht, im Raum. Das kann, sagt Chemiker Gary Zörner, für alle Menschen, aber insbesondere für Föten im Mutterleib fatale Konsequenzen haben: „Die quecksilberhaltige Lampe müsste verboten werden, nicht die Glühbirne.“ Das Bundesumweltministerium faselt auf seiner Website von einer Entsorgung im „Wertstoffhof“: Auf jede Plastikflasche wird Pfand erhoben: Hier hat man schlichtweg das Wichtigste, die bundesweite und zwangsweise Organisation des Recyclings, verschlafen.

Um für irgendeine, angeblich bessere oder saubere Zukunft Stimmung zu machen, ist immer wieder behauptet worden, andere Länder seien mit gutem Beispiel vorangegangen. Ich habe auf der Biennale eine neuseeländische Kuratorin befragt. „Unsere Regierung drängt uns weiter zum Kauf der Energiesparlampen, aber ich, zum Beispiel, habe bei mir zu Hause alle wieder rausgeworfen. Die machen schreckliches Licht.“ Ich weiß, sage ich. Und kann man denn in Neuseeland die anderen weiterhin kaufen? „Natürlich“, antwortet sie. „Die Leute haben die Wahl, und es sieht so aus, als wenn die Leute bei den Glühbirnen bleiben. Das hat auch damit zu tun, dass die elektronischen Birnen echte Monster sind, Quecksilber enthalten, sehr gefährlich.“

So frisch klingt das, vom anderen Ende der Welt betrachtet. Die EU aber lullt sich ein in ihrer Verbotskultur: Wenn es verboten ist, wird es wohl richtig sein. Herr Gabriel jubelt, solange man ihn noch lässt. Herr Tarradellas hat herausposaunt, auf seinen Reisen durch Europa habe es in der Glühbirnenfrage „keine Demonstrationen“ gegeben und es sei auch nicht „mit Steinen geworfen“ worden. Diese Leute wollen nicht begreifen, was die Wähler auf der einen und die Gerichte auf der anderen Seite klar zum Ausdruck bringen: Bewohner demokratischer Staaten wollen nicht, dass Bürokraten ihnen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Dafür gibt es kein Mandat.

Ulf Erdmann Ziegler lebt als Kunstkritiker und Schriftsteller in Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.Z.
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