Kunstverschleuderung

Armer WDR!

EIN KOMMENTAR Von Rose-Maria Gropp
24.06.2016
, 13:03
Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt.

Es war nicht aufzuhalten, trotz aller Proteste dagegen. Der Westdeutsche Rundfunk hat die besten Stücke aus seiner Kunstsammlung in den Auktionsmarkt geworfen, der Ausverkauf fand am Dienstag und Mittwoch in London statt. Es gab dafür einen schmalen eigenen Katalog mit 48 Positionen, von denen jetzt 47 bei Sotheby’s versteigert wurden. Grade noch unbeschadet, aber mit einem Zuschlag unterhalb der Mindesttaxe kamen in der Abendauktion „Möwen im Sturm“ durch, die Max Beckmann 1942 im Amsterdamer Exil malte. Ein 1921 in Davos entstandener „Alpweg“ Ernst Ludwig Kirchners lag wenigstens im Rahmen der Erwartung.

Dann allerdings blieben in der Hauptauktion tagsüber von 33 Losen vierzehn Lose unverkauft, darunter ein für den Expressionismus zu spätes, mit mindestens 320.000 Pfund zu hoch taxiertes Gemälde Max Pechsteins. Die Summe allein dieser Rückgänge beträgt 556.000 Pfund, gemessen bloß am unteren Niveau der Schätzungen. Die Gesamterwartung hatte bei 2,4 Millionen Pfund (rund drei Millionen Euro) gelegen.

Dieses Ergebnis ist, sehr vorsichtig formuliert, niederschmetternd, es stellt die pessimistischsten Prognosen noch in den Schatten. Was soll nun eigentlich mit den liegengebliebenen Werken werden? Für das Auktionsgeschäft sind sie erst einmal verbrannt, für den Kunsthandel kaum brauchbar. Dabei waren sie seit den fünfziger Jahren gesammelt worden unter dem Vorzeichen, im Nachkriegsdeutschland die zuvor verfemte Kunst zu rehabilitieren, ihr Raum zu geben in einem Funkhaus, an einem öffentlichen Ort.

Sechsstelliger Scherbenhaufen

Zieht man diese Absicht in Betracht, wird das Vorwort im Auktionskatalog mit dem Titel „WDR. Property of Westdeutscher Rundfunk Köln“ zum Sarkasmus. Der WDR zeichne sich aus, heißt es dort, durch einen „klaren Schwerpunkt auf Information und Kultur“. Nun hat sich dieser Kulturträger mit seiner – in mehrfacher Hinsicht grotesken – Kunstverschleuderung selbst ein Armutszeugnis ausgestellt. Unter ökonomischen Gesichtspunkten sowieso; denn selbst wenn die Erwartungen erfüllt worden wären, stünde das Ergebnis den jährlichen Sparvorgaben von 110 Millionen Euro für den WDR gegenüber. Unter ethischen Aspekten, sollte an so etwas noch Interesse bestehen in der Institution, ist die Zerschlagung dieses Zeitzeugnisses unserer jüngsten Vergangenheit nicht zu legitimieren.

Dass der Verkauf in England stattfand, macht alles noch unerfreulicher. Es gibt wirklich hierzulande Auktionshäuser, die auf solche Werkgruppen spezialisiert sind und die auch die Käufer dafür kennen. Endlich – das zum Thema „Eigentum des WDR“ – wurden diese Gemälde und Zeichnungen aus dem Überschuss an Gebühren bezahlt, die von den Bürgern an die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten entrichtet werden müssen. Nun sind die besten Stücke weg, der WDR sitzt auf einem mindestens 720.000 Euro hohen Scherbenhaufen aus Arbeiten Kirchners und anderer Künstler. So führt sich eine Institution selbst ad absurdum, übrigens auch als wirtschaftlich denkendes Unternehmen. Schadenfreude ist unangebracht, es ist eine Schande, dass es so weit kommen konnte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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