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Waffenmesse in Abu Dhabi

Ein Tag auf dem Basar des Todes

Von Jenni Roth
 - 21:42
Er will doch nur spielen: Koreanischer Besucher auf der Idex.zur Bildergalerie

Halt, nicht abdrücken!“ Der Koreaner will erst noch seine Sonnenbrille aufsetzen für das Erinnerungsfoto. Dann nimmt er das G36 aus der Halterung und zielt auf seinen Kumpanen, der die Kamera in der Hand hält. Pose Nummer eins. Dann die zweite, mit zum Himmel gerichteter Kanone. Und Nummer drei schräg von der Seite. Gegeltes Haar und Pokermiene. Hinter der ahnt man dann aber doch den Stolz eines kleinen Jungen: ein echtes Sturmgewehr in den Händen, was für ein Gefühl!

Das G36 hat der saudische Staatskonzern MIC hergestellt, mit freundlicher Genehmigung der schwäbischen Waffenschmiede Heckler & Koch. Für diesen Moment ist der Koreaner weit gereist. Der junge Mann ist nicht zum Sonnenbaden an den Persischen Golf gekommen, sondern um die Idex in Abu Dhabi zu besuchen, eine der größten Waffenmessen weltweit. „What a great show“, sagt er. Was für eine Show. Und das ist sie.

Kein Blut auf dem weißen Flauschteppich

Idex steht für „International Defence Exhibition“, und damit für einen Pflichttermin für Waffenfabrikanten, Regierungen, Generalstäbe - und für die Herrscher Arabiens. Mit dabei sind aber auch Schulklassen, Familienväter und verschleierte Hausfrauen und Studentinnen, die mal kurz in eine Schlachtfeldmontur schlüpfen möchten oder einen Jetpack, einen Raketenrucksack, auf dem Rücken tragen wollen: Die Idex ist eine Publikumsmesse, so wie die Cebit in Hannover oder die Nürnberger Spielwarenmesse. Mit einem Unterschied, findet Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der Linkspartei: „Auf jeder Industriemesse hängt neben einer Nähmaschine auch ein schönes Kleid. Hier zeigen sie die Endprodukte nicht: die Toten.“

Im Gegenteil: Wer sich in den zwölf Hallen mit 124.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche umtut, fühlt sich weit entrückt von Tod, Blut und Kriegselend, dafür aber einer gigantischen Gameshow sehr nah. Gleich hinter dem Eingang in Halle 1 taucht der Besucher ein in die weichgespülte Welt der Waffen. Man wandelt fast lautlos über einen weißen Flauschteppich, passiert Pavillons, lässt sich von kurzberockten Hostessen die neuen Systeme zeigen oder nimmt sich eine der Pralinen von den Verkaufstheken. In Vitrinen liegt Artilleriemunition neben gelben, roten und blauen Granaten, poliert und herausgeputzt für den großen Tag. Auf unzähligen Bildschirmen rollen Panzer über unwegsames Gelände, liegen Soldaten in Schützengräben, ratternd wandert der Patronengurt durch ihre Hände, begleitet von martialischen Kompositionen, die auch aus Oliver Stones Film „Platoon“ kommen könnten oder aus Coppolas „Apocalypse now“.

Die arabische Welt rüstet auf

Die Idex ist voller Dinge, die nur auf den ersten Blick rätselhaft scheinen, wie zum Beispiel die drei Koffer voller Lockenstäbe, die sich als Geräte zum Putzen von Waffen entpuppen. Es gibt aber auch Sachen, die noch auf den vierten Blick unverständlich bleiben.

Draußen, auf einer Freifläche, auf der die Wüstensonne auf den Kunstrasen scheint, hat die südafrikanische Paramount Group, Hersteller von Spezialfahrzeugen für Krisengebiete, ihren „Marauder“ aufgefahren, einen gepanzerten Truppentransporter, der vor Minen und Sprengfallen schützen soll. Daneben steht das wohl beliebteste Fotomotiv der Messe: ein Panzer mit rundum glitzernden Steinchen, echten Swarovski-Kristallen, die Tarnflecken mit Gold- und Chromfarbe lackiert. „Wir machen keine halben Sachen“, sagt ein Firmenvertreter. „Wenn schon, denn schon!“

Es geht um Geld, um viel Geld, nicht nur bei Paramount. Die Arabischen Emirate verkünden schon nach dem ersten Tag im täglichen Messemagazin: „Aufträge im Wert von mehr als einer Milliarde Euro vergeben!“ Die arabische Welt rüstet auf, denn die Angst ist groß, der Bedarf an neuer Waffentechnologie ebenfalls: Vor der Haustür tobt eine Reihe blutiger Auseinandersetzungen, und zudem hat Iran mit einer Sperre der Straße von Hormuz gedroht, jener Meerenge, die die Gas- und Öltanker auf ihrer Fahrt zu den Märkten im Westen passieren müssen. Also ist vor allem Scheich Chalifa bin Zayid Al Nahyan als Staatspräsident und damit Oberbefehlshaber der Truppen der Emirate ein umschmeichelter Kunde.

Spionagesoftware und Wasserwerfer

Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut (Sipri) sind die Militärausgaben im Nahen Osten zwischen 2001 und 2011 um die Hälfte gestiegen - Petrodollars sei Dank. Dabei steht ein Großauftrag noch aus: Der Scheich sucht noch nach einem neuen Kampfjet. Ein Kandidat steht draußen zwischen Kristallpanzer und Medienzentrum: der Eurofighter Typhoon, ausgestellt unter anderem vom europäischen Rüstungs- und Luftfahrtkonzern EADS, der auch in Deutschland produziert.

Mehr als 1.100 Hersteller aus 59 Ländern wollen in Abu Dhabi von den klingelnden Staatskassen in Arabien profitieren und von den Unruhen im Nahen Osten. Auch Firmen, die man sonst nur aus anderen Zusammenhängen kennt: Microsoft zeigt die Software, die es für Waffensysteme entwickelt, auch Motorola oder Samsung sind vor Ort. Das italienische hackingteam.org bietet Spionagesoftware, mit der Regierungen Telefone oder Laptops infizieren können, um mitzulesen und mitzuhören. Dass die Firma eigens einen „Sales-Manager“ für den Nahen Osten eingestellt hat, spricht für sich. Nebenan hängt ein wohl vier Meter hohes Plakat, das zeigt, wie man bei Volksaufständen Ordnung schafft: mit dem Wasserwerfer der türkischen Marke Otokar. Auch das Original darf an Ort und Stelle bestaunt werden.

Auf einen Kaffee bei Rheinmetall

Allein 2012 haben sich die Exporte in die Region mehr als verdoppelt, bester Kunde ist Saudi-Arabien. Die absolute Monarchie rangiert im Demokratie-Index des „Economist“ seit Jahren auf einem der letzten Plätze, nur knapp vor Nordkorea - laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag ist der Golfstaat ein „riskantes und lukratives Pflaster“. Aber wenn es um die mögliche Lieferung intelligenter „Systeme“ in die arabische Welt geht, schaltet die Bundesregierung gern auf Autopilot, verweist auf den zuständigen Bundessicherheitsrat und schweigt.

Doch die Hallen 8 und 9 sprechen für sich. Die Bedeutung der Exportnation Nummer drei wird hier deutlich. Die 69 Firmen der „German Defence Technologies“ belegen hier eine der größten Ausstellungsflächen der ganzen Messe. Waffen made in Germany sind begehrt, und das Sortiment lässt kaum Wünsche offen: Zwischen Panzern, Raketen und Modellflugzeugen warten in Vitrinen Handgranaten oder Tränengas auf Kundschaft.

Deutschlands größter Waffenhersteller Rheinmetall hat gleich auf zwei Stockwerke gesetzt: Oben im Café sitzen die Deutschen mit Scheichs beim Kaffee in Verkaufsgespräche vertieft, am kalten Buffet greift ein Offizier mit Orden am Revers zum Fingerfood - Stärkung für die nächste Verhandlungsrunde. Unten glänzen die Luftabwehrsysteme im Messelicht, während Konzernsprecher Oliver Hoffmann erklärt, wie schwierig es sei, Artilleriegeschosse und Mörsergranaten zuverlässig abzuschießen: „Das ist so, als wenn man mit einem Golfball einen anderen Golfball am Himmel abschießen müsste.“

Defensive und umweltfreundliche Handgranaten

Vor allem die Araber schätzen diese Verteidigungstechnik aus Düsseldorf. Trotz schrumpfender Wehretats bei Nato und Bundeswehr hat das Unternehmen für 2012 ein Auftragsplus von sechzig Prozent bei Rüstungssystemen verkündet - im Wert von fast drei Milliarden Euro. Dass es hier um die Rüstungssparte geht, liegt Hoffmann besonders am Herzen: „Sie dient dem Schutz von Menschen. Das Geschäft mit Kriegswaffen ist dagegen rückläufig. Und wenn wir zum Beispiel vom Spürfuchs reden, das ist ja kein Kampffahrzeug, sondern ein rollendes Labor.“ Trotzdem darf mein Aufnahmegerät während des Gesprächs nicht mitlaufen.

Erstaunlich: Da geht man auf eine Waffenmesse - aber von Krieg ist nirgendwo die Rede. Die Nürnberger Waffenschmiede Diehl hat sogar „defensive“ Handgranaten im Programm. Die Deutschen gehen behutsam vor, sie wissen, dass sie in Abu Dhabi unter Beobachtung der mäkelnden Medien stehen. Aber auch andere Länder verpacken ihr Mission in Hirtenvokabeln, die Koreaner bieten gar Handgranaten mit dem Etikett „eco-friendly“ feil. Und neben den Waffen mit dem Grünen Punkt bewirbt Sudan sein Sturmgewehr „Peace Maker“ mit einer Friedenstaube.

Streumunition nicht nur unter der Ladentheke

Thomas Küchenmeister wundert das alles nicht. Der Waffenexperte leitet die Kampagne „Facing Finance“, die Investoren sensibilisieren will, nicht in Unternehmen zu investieren, die unter anderem von der Herstellung völkerrechtswidriger Waffen profitieren. Er kennt dieses Spiel aus jahrelanger Erfahrung. Aber etwas erstaunt ihn dann doch: Systeme, die völkerrechtlich bedenklich sind, seien aus den Verkaufsregalen weitgehend verschwunden: „Man könnte meinen, die Verbote und Stigmatisierungen würden greifen. Aber versteckt unter der Ladentheke kann man dann doch einiges finden.“

Streumunition zum Beispiel. Nachdem Küchenmeister im Prospekt der koreanischen Firma die Hanwha-Streumunition entdeckt hat, muss er bei der russischen Bazalt-Gruppe nicht einmal hinter einer Theke suchen: Unter der Bezeichnung „BPK-500 U“ steht „Cluster Bomb“ - unter der grauen Metallhaut ruhen also viele kleine Sprengsätze, die noch Jahre nach ihrem Abwurf zufällige Opfer verstümmeln oder töten können.

In Deutschland sind die Produktion und die Verbreitung dieser tückischen Waffen seit der Ratifizierung der Streubombenkonvention 2009 verboten. Bis dahin stellte auch Rheinmetall Streumunition auf den Waffenmessen dieser Welt offen zur Schau. Doch mit dem völkerrechtlichen Abkommen verschwanden sie von der Ladentheke. Dafür gründete Rheinmetall mit dem südafrikanischen staatlichen Rüstungskonzern Denel die Tochterfirma RDM mit Sitz in Kapstadt. Die zeigte noch 2010 auf einer Messe Streumunition der Marke Assegai.

Arbeitsplätze in Deutschland

Küchenmeister geht weiter zum Stand der saudi-arabischen Firma MIC (Military Industrial Cooperation). Streumunition kann er nirgendwo entdecken, dafür einen Hinweis auf eine Kooperation mit der Rheinmetall-Tochter RDM. Im Angebot: Artilleriemunition des Typs „Assegai“, ordentlich beschriftet in einem Glaskasten ausgestellt. Auf die Frage, ob zu der Serie noch Streumunition gehöre, bitten die Firmenvertreter um eine schriftliche Anfrage. Die aktuelle Ausgabe des britischen Fachinfo-Dienstes „Jane’s Ammunition Handbook“ enthält jedenfalls einen Hinweis darauf, dass „Assegai“ auch Streumunitionstypen beinhaltet.

Andere Hersteller sind weniger zimperlich und nennen die Dinge beim Namen: Da hängt der koreanische „Devil Killer“ am seidenen Faden in der Luft. Ein Salesmanager verteilt bescheiden lächelnd ein Faltblatt, das die „Kamikaze“-Drohne anpreist, Untertitel: „A tactical Suicide Combat UAV“. Anders als bei den großen Messen des Westens muss er in Abu Dhabi dabei keine kritischen Stimmen oder gar öffentliche Proteste fürchten und kann ungestört und in exklusiver Atmosphäre diskrete Gespräche anbahnen - ebenso wie die Deutschen.

Man könnte meinen, dass die Deutschen es nicht ganz so leicht haben, schließlich ist die Branche laut Verbandspräsident Christian-Peter Prinz zu Waldeck „die am besten kontrollierte in Deutschland“ - und eine der wenigen, die zuverlässig Arbeitsplätze schafft. Laut BDSV beschäftigt sie in Deutschland direkt rund 100.000 Mitarbeiter und indirekt weitere 220.000, noch wenige Jahre zuvor waren es gerade mal 80.000 Beschäftigte.

Der Mercedes-Benz unter den Panzern

Jan van Aken sieht diese Entwicklung kritisch: „Deutschland verabschiedet sich schleichend vom Grundsatz, in Krisenregionen keine Waffen zu liefern.“ Denn die Rüstungsindustrie soll nicht nur die Wirtschaft am Laufen halten, sondern den Zugang zu Rohstoffmärkte sichern, so wie es im „Weißbuch Bundeswehr“ als eine der Hauptaufgaben der Bundeswehr geschrieben steht. Vielleicht werden auch deshalb die Exportrichtlinien aufgeweicht. Der Verkauf des Schützenpanzers Boxer ist aber so oder so gut angelaufen. Auch Saudi-Arabien hat schon Interesse signalisiert.

Da steht er, der Boxer mit seiner platten Schnauze und packpapierfarbenem Tarnnetz, versehen mit unterarmgroßen Rückspiegeln. Die Besucher wollen dieses „Spitzensystem“, so Konzernsprecher Hoffmann, aus der Nähe sehen - ebenso wie den Kampfpanzer Leopard II, von dem das saudische Königshaus offenbar gleich achthundert kaufen will. Und sie sind begeistert, wie van Aken beobachtet: „Die Araber haben ja genug Panzer. Aber der Leopard ist für sie eben der Mercedes-Benz unter den Panzern.“

Anfassen ist erlaubt, Berührungsängste gibt es keine. Und ethische Bedenken? Stichworte: arabischer Frühling, blutige Niederwerfungen von Demonstrationen in Bahrein, 70.000 Tote im syrischen Bürgerkrieg? „Ach, das mit dem arabischen Frühling, das ist doch der Blick der deutschen Medien auf die Dinge“, winkt Hoffmann ab. Man habe den Boxer nun mal als „Bedarf in der Region identifiziert“.

Ein Schallstrahl für überwältigenden Schmerz

Die Bundesregierung betrachtet Saudi-Arabien als Stabilitätsfaktor und Partner im Kampf gegen den Terrorismus. Mancher in der Opposition findet das geradezu zynisch. „Das Gerede von Schutz und Frieden ist doch ein Märchen. Das wissen die auch selbst“, sagt van Aken.

Der ehemalige UN-Waffeninspekteur ist bei seinem Rundgang inzwischen bei den Vertretern von Daimler angelangt. Die Stuttgarter zeigen ihre Laster und ein gepanzertes Polizeifahrzeug - eigentlich kein Problem. Aber hier, mitten im Nahen Osten, werden unweigerlich Assoziationen an Volksaufstände wach. Dabei ist der Mercedes nur eines von vielen Systemen, die autoritäre Regime dazu nutzen könnten, Proteste und Straßenkämpfe niederzuschlagen. Rheinmetall zeigt Tränengasgranaten in verschiedenen Formen und Farben. Und ein paar Stände weiter wartet die Schallkanone „Herbertzhorn“ der Hügin-Gruppe auf Kundschaft: Der Lastwagen mit Lautsprecher auf dem Dach verschießt einen Schallstrahl, der klingt wie ein Feuermelder, allerdings so laut, dass „der Schmerz überwältigend“ ist, wie der Verkäufer sagt. Eine Art akustischer Wasserwerfer also, ein effektives Mittel zur „Crowd Control“.

Aber auch da, wo nicht Deutschland draufsteht, ist oft Deutschland drin. Eine Drohne der südafrikanischen Firma Denel fliegt mit einer Zeiss-Kamera, der Vertreter der arabischen Firma Al Seer Marine preist das Überwasserfahrzeug “Eclipse“ an, „das erste vollautonome und unbemannte seiner Art überhaupt“. „Das heißt, es könnte auch bewaffnet werden und autonom über den Abschuss entscheiden?“ - „Aber selbstverständlich!“, sagt er fast pikiert und erklärt dann noch, woher die Elektronik in seinem Schiff stammt: von der deutschen Traditionsfirma Bosch.

Lifestyle und Kampfroboter

Unbemannte Systeme sind das Gebot der Stunde. „Jeder, der es sich irgendwie leisten kann, schafft sich Drohnen an“, sagt der Waffenexperte Küchenmeister. Auf der Idex gibt es Drohnen für jede Lebenslage. Am arabischen Adcom-Stand nebenan trinkt ein junger Mann mit Turban Tee und erzählt erst einmal von seinem Dattelhain daheim in Al Ain, im Osten von Abu Dhabi. Mehr als zweihundert Palmen habe er, und was er selbst nicht verbrauche, verschenke er an Nachbarn und Freunde. Das sei sein „Lifestyle“. Und die Drohne da, das sei sein Business: Die „United 40“ sieht aus wie ein fliegender Delphin in blendendem Weiß, schlicht und elegant in der Form, eine Art iDrone.

In Deutschland ist technologisch mehr machbar als politisch erlaubt. Diehl zum Beispiel hat die rohrförmige „Smart“-Munition im Programm. Diese muss zwar noch von einem Menschen mittels einer Haubitze oder eines Raketenwerfers abgeschossen werden, doch letztlich entscheiden die Sensoren der Smart-Munition, wer Freund ist, wer Feind und wer bekämpft werden soll. „Im Grunde ein Verfahren, welches im Widerspruch zu den Genfer Konventionen steht“, kommentiert Küchenmeister.

Vielleicht gerade deshalb hat Diehl seine Smart-Munition zu Hause gelassen, während etwa die arabische „Earth“-Holding ein paar Hallen weiter ein unbemanntes Landfahrzeug vorführt, das mit einer königsblauen Sturmgewehrattrappe bewaffnet ist. „Alles vollautonom“, schwärmt der Firmenvertreter. „Aber kommen Sie morgen wieder, dann schnalle ich Ihnen auch einmal eine Handfeuerwaffe drauf!“ Noch muss bei diesem Gefährt jemand am Joystick sitzen und lenken. Doch der Schritt von der rollenden Abschussbasis zum autonom agierenden Kampfroboter ist klein.

Heckler & Koch gibt sich fast verschämt

Am Nachmittag laden Lautsprecherdurchsagen zur „Daily Show“ ein, einem Kriegsspektakel auf einer rennbahnlangen Bühne. Krieg und Spiele, das ist für die Scheichs kein Widerspruch: Kamele traben hinter Folkloretänzern über die Bühne, Panzer jagen über einen Parcours, eine Kampfgruppe im Schlauchboot ballert in die Luft, dahinter tanzen am Himmel Düsenflieger ein Maschinenballett, malen mit ihren Abgaswolken den Himmel in den Nationalfarben an. Und auf der Tribüne sitzen finanzstarke Gäste.

In den Hallen geht der Betrieb derweil weiter. Die einen stärken sich mit Miesmuschelsuppe oder Panna cotta im Glas vom Buffet, die anderen üben am Stand von Dynamit Nobel das Zielen, wie man es vom Jahrmarkt kennt: Mit der Panzerfaust 3 feuern sie den „Negerpfeil“, wie er im Bundeswehrjargon lange hieß, Richtung Bildschirm. Juchzendes Glucksen bei jedem Treffer.

Still, ja fast verschämt, gibt sich dagegen der schwäbische Waffenbauer Heckler & Koch mit einem kleinen Messestand direkt am Ausgang. Dabei hat HK die wohl beliebtesten Sturmgewehre der Welt im Programm. In Bürgerkriegen in Afrika, bei der Aufstandsbekämpfung in Afghanistan, in Mexiko bei Gefechten zwischen Polizei und Drogenkartellen - überall ist HK mit dabei. Die „Rote Armee Fraktion“ verewigte die MP5 sogar in ihrem Logo. Experten zufolge wurden mit derlei Kleinwaffen weltweit in den vergangenen Jahrzehnten Millionen von Menschen getötet. Friedensforscher kritisieren deshalb den laxen Umgang mit dem Export solcher Waffen, auch in Deutschland.

Draußen spielen sie weiter Krieg

Der nette Herr mit dem Zwicker auf der Nase lacht: „Sagt Ihnen ein gewisser Herr Newton etwas?“ Er amüsiert sich darüber, wie ich mich unter dem Gewicht einer G36 biege. Was in den Fernsehnachrichten über Straßenkämpfer immer so kinderleicht aussieht, wiegt zwölf Kilo, mindestens. Der Verkäufer schäkert noch ein wenig weiter, bis ich das Gerät zurück in die Halterung hänge und mich als Pressevertreter zu erkennen gebe. Meine Recherche auf der Messe wird unterstützt von der Kampagne „Facing Finance“, einer Initiative, die Investoren sensibilisieren will, damit sie nicht in Unternehmen investieren, die von Verletzungen der Menschenrechte, Umweltverschmutzung, Korruption und der Herstellung völkerrechtswidriger Waffen profitieren. Aus dem Lächeln des Märchenonkels wird blitzschnell eine eisige Miene, die auch nicht mehr auftauen will.

Es könnten ja heikle Fragen folgen, etwa zu der Lizenz zum Nachbau des G36, die HK an den saudischen Staatskonzern MIC verkauft hat. Ein Deal, der dem autoritären Regime die Produktion hochwertiger Kleinwaffen ermöglicht. Wenn die Saudis sie dann weitergeben, funken keine strengen deutschen Exportrichtlinien mehr dazwischen, auch nicht beim Verkauf an finstere Diktaturen, mexikanische Drogenbanden oder afrikanische Rebellen. Kein Wunder also, dass der Vertreter von HK jeden weiteren Kommentar verweigert.

Verstanden hätte ich ihn ohnehin nicht. Denn draußen spielen sie weiter Krieg: Mit ohrenbetäubenden Getöse jagen die Düsenflieger über die Messehallen. The show must go on.

Quelle: F.A.Z.
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