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Corona-Gottesdienste

Singt dem Herrn kein neues Lied

Von Melanie Wald-Fuhrmann
Aktualisiert am 17.05.2020
 - 22:12
Besucherin mit Mundschutz in der St. Marienkirche in Berlin. Maximal fünfzig Gläubige dürfen hier derzeit einen Gottesdienst besuchen.
Großer Gott, wir loben dich, aber mit geschlossenen Lippen: Was fehlt, wenn in den Kirchen nicht gesungen wird.

Gemeinsames Singen gilt momentan als „Risikoverhalten“. Die Tonerzeugung geht schließlich mit einem besonders kräftigen Ausatmen bei weit geöffnetem Mund einher. Die Forscher der Heinsberg-Studie sehen in der fraglichen Karnevalssitzung mittlerweile auch deshalb so einen effektiven Infektionsherd, weil dort eifrig gesungen wurde. Die Après-Ski-Partys im Ischgler „Kitzloch“ wird man sich ähnlich vorstellen dürfen. Also besser kein gemeinsames Singen im Moment. So sehen das auch die Kirchen. Daher muss, wer nun wieder in den Gottesdienst geht, vielerorts stumm bleiben – selbst am vergangenen fünften Sonntag der Osterzeit, der nach dem Beginn seines Eröffnungpsalms „Kantate“ – also „Singt!“ – heißt.

Wenn nicht ganz aufs Sprechen umgestellt wird, übernehmen die Orgel, Kantoren oder kleine Ensembles die musikalischen Anteile. Aber warum singt die Gemeinde überhaupt im Gottesdienst und überlässt es nicht auch sonst den Profis? Die Lese- und Gesangstexte des Kantate-Sonntags geben darüber Auskunft, enthalten sie doch sämtliche Ingredienzien für eine Theologie des Kirchengesangs. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker“, zitiert der Introitus im katholischen Ritus den Beginn von Psalm 98. Die evangelische Agende nimmt ihn als Wochenpsalm.

Ein akustisches Dankopfer

Der vielstimmige Gesang war schon im alten Israel die Grundform des gemeinsamen und öffentlichen Gotteslobs: ganz praktisch, weil sich Texte besser miteinander vortragen lassen, wenn Melodie und Rhythmus die Koordination strukturieren; aber auch aus dem sicheren Gespür dafür, dass Singen als eine gehöhte, außeralltägliche Form des kollektiven Sprechens dem Kult und der Kommunikation mit Gott besonders angemessen ist. Gesang ist also zunächst einmal Gotteslob, ein akustisches Anbetungs- und Dankopfer, das die Gemeinde Gott schuldet. Er ist daher bis heute kein bloßer gottesdienstlicher Schmuck, sondern selbst liturgische Handlung, für die es auch der Profis bedarf: Im salomonischen Tempelkult unterschied man bereits zwischen Musikern und Priestern.

Das Christentum begann dann mit relativ flachen Hierarchien, und die Gemeinden sangen zunächst selbst. „Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen“, forderte Paulus nicht nur die Kolosser (Epistellesung von Kantate) auf. Seine Institutionalisierung ging dann aber mit der neuerlichen Herausbildung einer liturgischen Funktionselite einher. Ein Ergebnis – das Singen wurde wieder weitgehend den Klerikern übertragen, in deren Mitte sich ein spezialisiertes Gesangsensemble aus Knaben und Männern formte, die Schola oder Cappella.

Gott als primärer Adressat

Ein paar Jahrhunderte lang begnügten sich diese Profi-Ensembles mit dem einstimmigen Repertoire des sogenannten Gregorianischen Chorals, dann wollte man mehr: Die Erfindung der Mehrstimmigkeit und eine große Zahl bedeutender musikalischer Kunstwerke in Form von Mess-, Motetten-, Vesper-, Kantaten- und sonstigen liturgischen Kompositionen waren die Folge, mit denen man der Aufforderung des Psalms nachkam, Gott „ein neues Lied“ zu singen. Aus dem Gemeindegesang war erneut eine hochartifizielle Darbietungsmusik geworden, deren primärer Adressat Gott war.

Psalm 98 und die anderen beiden großen Musik-Psalmen 96 und 149 erwähnen aber nicht nur die Pflicht zum gesungenen Gotteslob, sondern implizieren auch, dass Gesang und Instrumentenspiel ein unmittelbarer und genuiner Ausdruck der Freude über Gott und Seine Taten sind: „Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!“ „Alle Welt“ wird dabei sehr wörtlich verstanden: „Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich vor dem HERRN“.

Diese quasi psychologische Auffassung des Singens entwickelte sich im Mönchtum zu einem geistlichen Ideal. Wichtigster Anknüpfungspunkt war ein kleines Detail des obigen Paulus-Zitats: die Aufforderung, mit dem Herzen zu singen. Dies führte zur Unterscheidung zwischen einem rein äußerlichen Kult nur mit Mund und Stimme – eine Gefahr, in die Mönche und Nonnen, die im Stundengebet Woche für Woche den ganzen Psalter absingen mussten, leicht geraten konnten – und einem verinnerlichten Gesang als wirklichem oder – so ein fälschlich Augustinus zugeschriebener Ausspruch – doppeltem Gebet.

Eine subjektive Komponente

Die weit verästelte Debatte um „Herz und Stimme“ (so der Titel einer Studie zu diesem Thema) klingt auch noch in Kirchenliedern wie Paul Gerhardts „Ich singe dir mit Herz und Mund“ nach. Hier genüge der Hinweis, dass das liturgische Singen in diesem Verständnis auch eine subjektive Komponente erhielt. Man musste lernen, das lyrische Ich oder Wir, das sich in den liturgischen Gesangstexten in Freude, Zweifel und Klage an seinen Schöpfer wandte, mit der eigenen Person oder dem frommen Kollektiv zu identifizieren.

Es war ganz wesentlich dieses subjektiv-psychologische Verständnis des Singens, das dazu führte, dass die Kirchen der Reformation den lateinischen Klerikergesang teils radikal (wie Calvin), teils erst nach und nach (wie die Lutheraner) durch volkssprachlichen Gemeindegesang ersetzten. Zugleich sah nicht nur Luther in der Musik ein ästhetisches Mittel zum missionarischen und katechetischen Zweck: In „süß“ und „lieblich“ vertonter Form ließen sich den Leuten religiöse Inhalte viel besser vermitteln als in Traktaten.

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Die katholische Kirche hat sich auf diese Überlegungen mit voller Konsequenz erst vierhundert Jahre später im Kontext der Liturgiereformen des Zweiten Vatikanischen Konzils eingelassen, dann aber gleich eine äußerst weit reichende Psychotheologie des Gemeindegesangs entwickelt. Dabei kommen neben den traditionellen Auffassungen von Musik als Gotteslob, quasi-natürlichem Ausdrucksverhalten der Freude oder Erzeugungsmechanismus von frommer Erhebung und Entzückung auch neue Aspekte zur Sprache, die genuin vom eigenen und gemeinsamen Vollzug abhängen.

Da ist zunächst die Idee einer rechten Disposition von Seele und Geist für den Gottesdienst, ein Zusammenwirken der eigenen leiblichen Aktivität, der Aufmerksamkeitsfokussierung auf die Liedtexte und ihrer ästhetisch-emotionalen Verstärkung durch die Vertonung: der Stille-Nacht-Effekt. Damit verbindet sich auch die uns schon bekannte Idee des Singens mit dem eigenen Herzen. Zum anderen gilt der gemeinsame Gesang als Zeichen wie Katalysator von Gemeinschaftsgefühl. Durch den gemeinsamen Vollzug sollen die Anwesenden sich als das erfahren können, was sie theologisch sind: Gemeinde, Kirche. Die Verteilung einiger Gesänge auf die verschiedenen liturgischen Rolleninhaber vom Priester über den Kantor bis zur Gemeinde wird überdies als Ausdrucksform des „hierarchischen Wesens“ von Liturgie und Kirche gepriesen.

Nach der Überzeugung der Kirchen hängt das Seelenheil also wenigstens ein Stück weit auch am geistlichen Gelingen des gemeinsamen Singens. Umso erstaunlicher ist es, dass sie seine tatsächliche Wirksamkeit nie systematisch überprüft haben. Das übernehmen, wenn auch bislang nur sporadisch, Forscher anderer Disziplinen. Erste Bestätigung dafür, dass ein Gesang wirklich zu einem intensiven Gebet werden kann, mit dem man Gott ganz nahe kommt, lieferten Interviewstudien mit Menschen verschiedener Nationalitäten und Konfessionen. Musikpsychologen haben zudem den Gemeinschaftseffekt recht zuverlässig bestätigen können und sind dabei, die zugrundeliegenden psychophysischen Prozesse aufzuklären.

Was also fehlt, wenn die Gemeinde nicht singt? Sie betet eben nicht doppelt, sondern nur einfach – und jeder nur für sich allein.

Die Autorin ist Ko-Direktorin am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.Z.
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