Tag des Schlafes

Jetzt erst mal ein Nickerchen

EIN KOMMENTAR Von Edo Reents
22.06.2022
, 15:24
Profis in Sachen Nachtruhe: zwei junge Siebenschläfer
O nein, wir haben doch glatt den Tag des Schlafes verschlafen. Macht aber nichts, denn auch nachträglich kann man ihn einer kritischen Würdigung unterziehen.
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Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Die Tage werden wieder kürzer! Nicht dass man es schon direkt merken könnte, aber dass sie kürzer werden, und zwar von Tag zu Tag, da beißt keine Maus einen Faden ab. Sagen wir es frei heraus: Das nächste Mal, wenn sie wieder länger werden, ist praktisch Weihnachten, genau genommen drei im Prinzip volle, dann ja wieder länger werdende Tage später. Auch die Verlängerung dieser Tage wird man, wie die Verkürzung unserer, nicht gleich am ersten Tag und auch noch nicht an Weihnachten, ja, eigentlich erst Ende Januar merken, von wo aus es dann nur noch ein Katzensprung ist bis zur Tagundnachtgleiche, Frühlingsanfang geheißen, der seinerseits nichts anderes ist als die Vorstufe zum Sommer, von dessen Anfang an die Tage dann allerdings schon wieder und abermals kürzer werden.

Doch erst einmal werden sie ja jetzt kürzer, erst in einem vollen Jahr dann aufs Neue. Es ist diesbezüglich also alles in bester Ordnung. Um jetzt so sanft wie möglich überzuleiten zu dem, was den Menschen tagsüber von dem Menschen in der Nacht unterscheidet, sei an dieser Stelle ausdrücklich auf den Tag des Schlafes hingewiesen. Der war allerdings gestern. Und wissen Sie was? Wir haben ihn glatt verschlafen. Erst jetzt kommen wir, ausgeruht, wie wir sind, dazu, ihn einer kritischen Würdigung zu unterziehen, deren Gültigkeit durch ihre Nachträglichkeit hoffentlich keine allzu starke Einbuße erfährt.

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Wieso ausgerechnet dieser der Tag des Schlafes sein muss, ist das Geheimnis des Vereins Tag des Schlafes e. V., auf dessen Veranlassung hin ebenjener Tag des Schlafes seit zwanzig Jahren begangen, wenn auch wohl in den seltensten Fällen verschlafen wird. Die Internetseite dieses Vereins ist naturgemäß sehr dunkel gehalten, das beruhigt die Augen, macht aber auch ein wenig schläfrig. Etwas, nun ja, verschlafen wirkt es, dass die aktuellste Mitteilung offenbar von 2004 datiert, da gab es den Tag des Schlafes zum fünften Mal. Kontrollanrufe bei der Frankfurter Geschäftsstelle laufen sämtlich ins Leere, niemand hebt ab. Schlafen wahrscheinlich alle und handeln damit immerhin satzungskonform. Letzteres war natürlich nur ein Witz.

Genauso wenig, wie der Welt-Lepra-Tag dazu da ist, sich mit dieser Krankheit anzustecken, genauso wenig soll am Tag des Schlafes geschlafen werden – das möge doch, wie an anderen Tagen auch, nächtens geschehen –; es soll vielmehr auf das Anliegen des Vereins, welches gewissermaßen der Schlaf als solcher und an sich ist, aufmerksam gemacht werden, genauer gesagt, auf die Bedeutung ausreichenden, guten, mithin gesunden Schlafs, und zwar, Sie werden es sich schon gedacht haben, in Form von „Information und Aufklärung“, mit „Broschüren“ geradezu. Dergleichen zur Kenntnis zu nehmen, dafür ist es auch am Tag nach dem Tag des Schlafes nicht zu spät. Wir jedoch, die wir mit dem Schlaf schon Bekannt-, wenn nicht Freundschaft geschlossen haben, brauchen so etwas nicht. In der Zuversicht, das Richtige zu tun, legen wir uns jetzt nämlich einfach wieder hin.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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