Sie können es nicht lassen

Megflix

EIN KOMMENTAR Von Ursula Scheer
08.09.2020
, 07:46
Der Mensch will sich zeigen und wirken, Meghan und Harry wollen das erst recht: bald bei Netflix. Wie wäre es stattdessen mit einem Stipendium fürs Nichtstun?

Sie können es einfach nicht lassen: Wo Menschen stehen und gehen, müssen sie sich bemerkbar machen, etwas tun für Geld oder Aufmerksamkeit – oder einfach, um den latenten Horror loszuwerden, am Ende womöglich spurlos durch diese Welt geschritten zu sein. Selbst in der Natur gibt es kein Entrinnen: Kann man noch irgendwo wandern, ohne dass jemand vor einem einen dieser Steintürme am Wegesrand hinterlassen hat?

Was Liebesschlösser an Brücken sind, ist diese epidemisch gewordene Land Art für Anfänger außerhalb der Stadt. Weil die Türmchen angebliche Achtsamkeit perfekt auf Instagram inszenieren und vor Ort schön penetrant rufen: „Ich war da!“, finden Naturschützer mit ihrer Aufforderung, die Hände still zu halten, kaum Gehör. Obwohl unter den Steinen Insekten, Reptilien oder Spinnentiere Zuflucht nehmen und jeder Stapel ein kleines Ökosystem zerstört.

In mehrerer Hinsicht gewinnbringender kreativ werden können Steinstapler übrigens in Hamburg: Dort lobt die Hochschule für bildende Künste gerade ein Stipendium fürs Nichtstun aus. „Wir leben in einer Zeit, in der man statt nach ,Erfolg‘ und ,Wirksamkeit‘ besser nach Folgenlosigkeit streben sollte“, heißt es in der Ausschreibung des von Friedrich von Borries initiierten Projekts, das im Kontext seiner Ausstellung „Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg steht. „Welche Handlungen kann ich unterlassen, damit mein Leben keine negativen Folgen für das Leben anderer hat?“, lautet die Ausgangsfrage. Antworten können bis Mitte des Monats eingereicht werden; es winkt eine Förderung von 1600 Euro.

Definitiv zu wenig für Meghan und Harry. Die ebenfalls auf der Suche nach einem anderen Leben befindlichen abtrünnigen britischen Royals wollen in Amerika die Form sogenannter Privatheit und dem großen Ganzen und Guten dienender Gestaltungsmacht kultivieren, die ihnen die Familienfirma diesseits des Atlantiks nicht geben konnte – die sich aber richtig auszahlt: Von umgerechnet 126 Millionen Euro ist die Rede, die Netflix dem Herzogspaar überweisen will für von diesem produzierte Sendungen, darunter Dokus, Kinderprogramm und Reality-Show-Einlagen der Sussexes vor der Kamera. Informieren, Hoffnung wecken und Menschen zum Handeln bewegen wollten sie auf diese Weise, lassen die Megxiteers wissen.

Einfach mal etwas bleiben lassen

Klingt nach einer Kreuzung aus den medialen Geschäftsmodellen der Obamas und der Kardashians. Der Erfolg wird damit stehen oder fallen, wie glaubwürdig die Marke Sussex sich verkauft. Dass Harry einer Benefiz-Gala zugunsten der von ihm selbst ins Leben gerufenen Invictus Games für kriegsversehrte Soldaten den Rücken kehren könnte, die der Netflix-Konkurrent Amazon überträgt, bietet da einen ersten Anhaltspunkt. Und der ökologische Fußabruck der Vierzehneinhalb-Millionen-Villa in Santa Barbara, die die für Umweltschutz und Nachhaltigkeit werbenden Adeligen bezogen haben, dürfte ein bisschen größer sein als der eines Steintürmchens.

Wer das alles zum Schreien findet, aber dafür die richtige Bühne – einerseits total privat, andererseits maximal öffentlich – sucht, könnte sich auf Island Luft machen – sogar ohne Flugscham zu riskieren. Auf der Website lookslikeyouneediceland.com des coronageplagten Tourismusverbandes kann man seinen Frust über all die Zumutungen des Jahres 2020 herausbrüllen, auf dass das Geschrei live gestreamt in den unberührten Landschaften der Insel von dort deponierten Lautsprechern ausgestoßen wird. Man kann es aber auch einfach lassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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