Was wird aus den Kinos?

Jetzt ist die Zeit, die Zukunft zu gestalten!

Von Peter Körte
12.04.2021
, 12:58
Die Corona-Zahlen sind hoch, die Kinos geschlossen – eine Öffnung liegt in weiter Ferne. Christine Berg spricht für den Verband HDF Kino über die Situation der Branche, gleiches Recht für alle Filme und über Chancen, die in der Krise liegen.

Die aktuellen Corona-Zahlen sind nicht erfreulich, die Kinos sind geschlossen, eine Öffnung liegt in weiter Ferne. Was nun?

Geduld haben. Geduld haben, dass die Zahlen sinken, dass wir irgendwann alle geimpft sind und dass das Testen zur Normalität wird. Natürlich wollen wir so schnell wie möglich öffnen, aber, und das ist für uns entscheidend, wir wollen nicht um jeden Preis wieder an den Start gehen. Es muss sich wirtschaftlich einigermaßen lohnen. Und wir wollen dann auch unserem Publikum etwas bieten, und zwar neue, attraktive Filme. Es bringt uns gar nichts, wenn wir öffnen und dann über Monate hinweg ältere Filme zeigen.

Wie wollen Sie denn den enormen Filmstau auflösen, der sich im letzten Jahr gebildet hat?

Wir glauben, dass es nach dem langen Lockdown eine Sehnsucht nach Kino und große Vorfreude auf ganz unterschiedliche Filme gibt. Viele Filme hängen in der Warteschleife, manche seit über einem Jahr, und warten auf die Öffnung der Kinos. Es wird einen Filmstau geben. Aber die Vielfalt der Filme ist auch eine Chance.

Im letzten Jahr gab es die kurze Öffnungsphase, sie hat ökonomisch wenig bewirkt. Weltweit gingen die Umsätze um 72 Prozent zurück, 67,9 Prozent waren es 2020 in Deutschland. Wie bedrohlich ist derzeit die Lage der Kinos?

Wir sind in einem weiteren Jahr, welches einen großen Umsatzeinbruch verzeichnen wird. Dazu kommt die Unsicherheit, welche weiteren Herausforderungen noch vor uns liegen. Zum Beispiel, unter welchen Rahmenbedingungen wir öffnen werden oder welche Kapazität wir anbieten können. Und schaffen wir es, einen schnellen Korridor zwischen dem ersten und letzten Kino, das öffnet, herzustellen? Das ist für uns wichtig, da wir nur mit einer flächendeckenden Öffnung auch neue Filme anbieten können.

Die genannten Zahlen sind zwar desaströs, aber zugleich gibt es bislang kaum Pleiten. Vorerst. Liegt das Schlimmste noch vor den Kinos?

Das werden wir erst im nächsten Jahr genau sagen können. Im Moment bewältigen die Kinos die Krise, da einige Faktoren greifen. So zum Beispiel die Fördermaßnahmen der Bundesregierung. Aber sobald diese wegfallen, das Insolvenzrecht sich wieder ändert und nicht genug Publikum kommen kann, wird es eng, da bereits im letzten Jahr alle privaten Reserven aufgebraucht wurden. Der Normalbetrieb ist für uns dann entscheidend: Schaffen wir es, das Publikum wieder fürs Kino zu begeistern? Halten sich die großen Filme lange genug im Kino, um auch in der Fläche und in kleineren Häusern präsent zu sein? Meistern wir die drohende Filmflut?

Sie sagen, die Maßnahmen der Regierung haben gewirkt. In welchem Umfang? Was decken sie ab?

Es sind vor allem drei Maßnahmen. Erstens das Kurzarbeitergeld, es war von Anfang an eine starke Stütze, da wir viele Mitarbeiter beschäftigen. Zweitens die Überbrückungshilfen des Bundeswirtschaftsministeriums, auch wenn es ein langer Weg war, bevor alle Kinoarten förderfähig wurden, und es nach wie vor ein sehr komplexes Thema ist. Und schließlich das Programm „Neustart Kultur“ der Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Hier gibt es bereits ein zukunftsorientiertes Investitionsprogramm für Kinos, und wir hoffen sehr, dass auch Kinos mit mehr als sieben Sälen und in größeren Orten noch stärker bedacht werden. Herauszuheben ist das Programm der Kulturstaatsministerin für die Zeit nach der Öffnung, das wird allen bei dem wohl holprigen Anlauf helfen.

Haben Sie den Eindruck, dass auch die Gutachten, die Sie vorgelegt haben, etwa eine Atemluftstudie der TU Berlin oder die Eckpunkte zur Wiedereröffnung des Kulturbetriebs aus dem Bundesumweltamt, Gehör gefunden haben?

Ja, wir sind angehört worden, aber unsere Bemühungen oder Studien wurden in den Auflagen nicht sonderlich berücksichtigt. Für uns ist immer noch unverständlich, warum in einem Saal, in dem während der Vorstellung nicht gesprochen wird, Verzehr nicht möglich sein sollte. Studien belegen eine sehr geringe Aerosolmenge im Kinosaal, auch weil die meisten Kinos mit sehr guten Belüftungsanlagen ausgestattet sind. Aber auch hier sollen wir schärferen Auflagen unterzogen werden als im öffentlichen Nahverkehr. Und alle unsere Hygienekonzepte, lückenlose Nachverfolgung und angepasste Vorführzeiten, um größere Menschenmengen zu vermeiden, werden in keiner Weise gesehen.

Gibt es denn auch Testergebnisse, die als Muster gelten könnten?

Ich würde mal so sagen, es gibt Modellversuche wie Tübingen, die für das Wohlbefinden sehr gut sind. Sie ermöglichen zumindest für einen kurzen Zeitraum ein wenig Normalität, aber wirtschaftlich ist das nicht. Zudem können Kinos hier nicht mit neuen Filmen glänzen, dafür bedarf es mehr als einer Stadt, die für zwei Tage öffnet. Wir stellen uns die Frage: Was ist das Ziel eines solchen Tests? Unser Fazit ist hier eindeutig: In einzelnen Regionen, für ein paar Tage ist es sicherlich interessant. Für einen Kinobetreiber, der sein Team aus der Kurzarbeit holen, sein Haus hochfahren muss, wofür er normalerweise bis zu vier Wochen braucht, und das Ganze ohne neue Filme, ist das kaum umsetzbar.

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Hat die schwierige Situation auch etwas mit der Konkurrenz der Inter­essen zu tun? Es gibt die Kinos, es gibt Filmverleiher, es gibt Produzenten und Filmförderungen, die alle eine verschiedene Sicht auf die Auswertung der Filme haben.

Wenn die Pandemie etwas Gutes hat, dann dass die verschiedenen Verbände stark zusammenarbeiten. Wir sind im ständigen Dialog miteinander und haben ein gemeinsames Ziel: unser Pu­blikum wiederzugewinnen. Wir glauben daran, dass die Leute nicht auf ihrem Sofa sitzen bleiben und die nächste Serie ansehen, sobald es wieder möglich ist, ins Kino zu gehen. Uns ist klar, dass wir das nur gemeinsam schaffen. Aber wir brauchen dafür auch Filme, die eine längere Möglichkeit zur Auswertung im Kino haben – damit meine ich die Exklusivität, das Kinofenster. Auch wenn die Zeiten schneller geworden sind, brauchen alle Auswertungsstufen eine Exklusivität. Nur so kann auch das Kino einen Film für die weiteren Auswertungsstufen zu etwas Besonderem machen.

Das ist der neuralgische Punkt. Seit Warner vor Weihnachten bekanntgab, man werde 2021 alle Blockbuster hy­brid starten, also im Kino und parallel im Stream, geht die Angst um, auf Dauer werde das die Kinos ruinieren. Jedes große Hollywoodstudio hat mittlerweile sein Streamingportal. Für geförderte deutsche Filme ist die sechsmonatige Kinoauswertung dagegen gesetzlich vorgeschrieben.

Es würde nicht nur die Kinos in die Knie zwingen, sondern eine ganze Filmbranche, da das Kino auch in Zukunft für den besonderen, großen, aufregenden Film da ist und ihm einen einmaligen Rahmen gibt, den er nirgendwo anders bekommt. Alle Beteiligten bekennen sich auch zum Kino, aber fangen an, mit dem Feuer zu spielen, indem sie mit dem Kinofenster einseitig experimentieren. Der deutsche Film unterliegt dem Gesetz und darf daher erst nach sechs Monaten in den Streamingdiensten gezeigt werden, der internationale Film unterliegt leider keiner Regel. So werden die deutschen Produktionen womöglich in den nächsten zwei Jahren das Nachsehen haben. Für uns ist das nicht akzeptabel.

Was können Sie da tun?

Auch wenn es paradox klingt, wenn ich es als Kinovertreterin sage, aber wir brauchen dringend flexiblere Kinofenster, und zwar für alle Filme. Es ist nicht einsehbar, warum der deutsche Film einen Wettbewerbsnachteil haben soll. Und genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt, das Filmförderungsgesetz wird gerade novelliert, und wir rufen die Politik auf, hier nach vorne zu sehen und dem positiven Beispiel in Frankreich zu folgen. Das besagt, dass die Frist für französische Filme verkürzt werden kann, wenn es eine Branchenvereinbarung gibt, die auch alle anderen Filme einschließt. Hier wurde sogar eine stärkere Reduzierung des Kinofensters vereinbart, wenn ein Film im Kino nicht die erhofften Besucherzahlen macht. Damit ließe sich vermutlich auch der Filmstau auflösen. Es muss ein Modell geben, alle Filme gleichzubehandeln, und da hinkt Deutschland momentan hinterher.

Wie sind die Chancen der Verbände, auf die Novellierung noch Einfluss zu nehmen?

Wir haben im Prinzip alle das gleiche Ziel: eine flexiblere Lösung. Die Unterschiede fangen dort an, wo es um Regulierungen geht. Wir sind für eine Gleichbehandlung aller Filme. Und wir wollen das, um den deutschen Film wettbewerbsfähig zu halten. Im Moment jedoch sieht es so aus, als werde der Status quo fortgeschrieben.

Wer bremst da?

Die Frage ist eher: Wer bringt es nicht voran? Die Politik. Aber auch die Verbände verhalten sich erstaunlich ruhig. Ich vermute, es liegt auch daran, dass das Gesetz nur für zwei Jahre gelten wird. Momentan stehen eher drei Aspekte im Vordergrund: Gleichstellung, Nachhaltigkeit und die Möglichkeit, pandemiebedingt besser zu reagieren. Wir dagegen sagen: Jetzt und nicht in erst zwei Jahren ist der Zeitpunkt, an dem die Karten neu gemischt werden. Wir haben jetzt die Möglichkeit zu gestalten. Und wir verzichten ohne Grund auf die Gestaltungshoheit, wenn sich jetzt nichts ändert. Daher rufen wir die Politik auf, uns den Rücken zu stärken.

Es geht ja letztlich auch darum, was einen Kinofilm von anderen Filmen unterscheidet.

Auf jeden Fall! Die Streamingdienste haben den Markt einmal kräftig durchgerüttelt. Nun ist es an der Kinobranche, zu zeigen, was sie kann, da ein Kinofilm sich immer abheben musste vom Film für das Fernsehen. Dafür müssen wir auch neue Wege gehen und unseren Kreativen viel Raum geben. Die Kinoleinwand kann gnadenlos sein, aber auch die wundervollste Vorführung für Filme. Die jetzige Situation kann daher auch eine Chance sein, um sich für die Zukunft neu aufzustellen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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