Weißrussland

Der Verleger, der seine eigenen Bücher verbrannte

Von Felix Ackermann
 - 12:13
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Die Lage von Journalisten und Schriftstellern in der Türkei war ein dominierendes Thema der Leipziger Buchmesse. Die Situation der Kollegen in der nahen Republik Belarus kam hingegen nicht zur Sprache. Und während sich am Samstag in Rom die Mitglieder der Europäischen Union nochmals symbolisch das Jawort gaben, wurden in Minsk, nur hundertsiebzig Kilometer von der EU-Außengrenze entfernt, Hunderte Demonstranten festgenommen.

Der Schriftsteller Viktor Martinowitsch sitzt in einem überfüllten Zug auf dem Weg zur Buchmesse. In seinem auf Deutsch 2014 erschienenen Roman „Paranoia“ beschreibt er eine Diktatur, in der die Grenze zwischen der Wirklichkeit und der vom Geheimdienst fabrizierten Prosa verschwimmt. In Leipzig stellte Martinowitsch nun seinen neuen Roman „Mova“ vor, der im Verlag Voland & Quist erschienen ist. In der phantastischen Geschichte ist Belarus im Jahr 2044 Teil eines chinesischen Imperiums, in dem die Sprache Belarussisch als Droge in kleinen Dosen gehandelt wird.

In Minsk rollt eine Repressionswelle gegen belarussische Journalisten und Verleger. Martinowitsch erzählt: „Gestern wurde mein Verleger, Miroslau Lazouski, verhaftet.“ Ihm werde vorgeworfen, eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben. Das Staatsfernsehen BT strahlte bereits am Abend einen Bericht aus, in dem angebliche Waffenfunde gezeigt werden. „Das Regime hat Angst bekommen, nachdem in den vergangenen Wochen überall in Belarus Menschen auf die Straße gingen“, erklärt Martinowitsch den Zeitpunkt der Verhaftung.

Wahllos Jagd auf junge Menschen

In mehreren Städten waren Tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen eine „Schmarotzer-Steuer“ zu protestieren. Diese richtet sich vor allem an diejenigen, die im Ausland arbeiten und zugleich in Belarus die kostenlosen Leistungen der Sozial- und Krankenversicherung in Anspruch nehmen. Sie trifft aber auch all diejenigen, die als Freiberufler versuchen, in der durch die EU-Sanktionen gegen Russland ebenfalls geschwächten belarussischen Wirtschaft ein Auskommen zu finden. Die Reaktionen auf die Demonstrationen waren harsch. In Minsk wurden mehrere Dutzend Teilnehmer von Männern in Zivil verhaftet, die sich nicht auswiesen und ihre Übergriffe nicht begründeten.

Dank einer neuen Live-Übertragungsfunktion in Facebook konnte jeder den Gewalteinsatz des belarussischen Staates online verfolgen. Die Aufnahmen eines Minsker Trolleybusses zeigen, wie Spezialeinheiten in schwarzen Rollkragenpullovern in Zivil wahllos Jagd auf junge Menschen machen, die sich in der Nähe der Demonstrationen aufgehalten hatten. Die Bilder sind eindrücklich, sagen aber wenig über den weiteren Verbleib der Verhafteten aus.

Witze über das „Tauwetterchen“

Nach der Verschlechterung der Beziehungen zwischen dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenka und Wladimir Putin sowie Anzeichen einer Annäherung an die Europäische Union, hatten einige Beobachter auf eine Liberalisierung in Belarus gehofft. Verbotene Bands konnten wieder öffentlich auftreten. In stillgelegten Fabriketagen fanden Diskussionen statt. Man machte Witze über ein „Tauwetterchen“. Doch nach den Demonstrationen der vergangenen Woche zeigt sich, dass Lukaschenkas Versuche, sich der Europäischen Union als Partner anzudienen, nichts an seinen Herrschaftsmethoden geändert haben. Symbolische „Tauwetterchen“-Phasen und deren physische Beendigung gehören dazu.

Am vergangenen Mittwoch spürte das der Minsker Journalist Zmicier Daschkewitsch. Als gelernter Tischler überarbeitete er gerade bei dem Minsker Schriftsteller Uladzimir Arlau ein Möbelstück. Als er eine Pizza bestellte, wurde sein Telefon geortet. Statt des Pizzaboten stand die Miliz vor der Tür. Um sich Zugang zur Wohnung des Schriftstellers Arlau zu verschaffen, brachen die Beamten die Tür auf. Daschkewitschs Frau, ebenfalls eine Journalistin, begab sich zur selben Zeit in Begleitung von zwei Journalisten auf ein Polizeirevier, um sich nach dem Verbleib ihres Mannes zu erkundigen. Statt eine Auskunft zu erhalten, wurden sie und ihre Begleiter verhaftet. Der Vorwurf lautete: „Ungenehmigte Dreharbeiten in staatlichen Einrichtungen.“

Zu den Verhafteten der vergangenen Woche gehörte auch der auf belarussische Werke spezialisierte Online-Buchhändler Ales Jaudacha. Der Minsker Verleger Ihar Lohvinau steht in Leipzig an einem ukrainischen Stand der Stadt Tschernowitz und lacht: „Ales und andere haben letztes Jahr ein Sommerlager organisiert, um mit Kindern intensiv Belarussisch zu sprechen. Das ist in Belarus noch immer ein politischer Akt. Nun versucht der Staat aus dem Ferienlager eine Schulungsanstalt für junge Terroristen zu machen. Das ist lächerlich.“ Lohvinau weiß, wovon er spricht, denn sein Minsker Buchladen stand bereits 2013 im Visier des Staates. Eine hohe Strafzahlung konnte er nur dank internationaler und innerbelarussischer Solidarität begleichen.

Der Verleger verbrennt seine Bücher

Der Herausgeber der Zeitschrift „Arche“, Valera Bulhakau, hatte zuvor das Verhältnis der Präsidentenadministration zu freien Verlegern kennengelernt. Da er es geschafft hatte, alternative Bücher in Belarus drucken zu lassen, die offiziell in einem Institut für belarussische Kultur im russischen Smolensk erschienen, wurde ihm vorgeworfen, gemeinsam mit den Druckern eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben. Um das mögliche Strafmaß zu mindern, fuhr Bulhakau nach Bekanntwerden der Vorwürfe zu einer geheimen Lagerstätte seiner Bücher auf dem Land und verbrannte eigenhändig einen großen Teil der Auflagen, die er selbst betreut, redigiert und vertreibt.

Die jüngste Verhaftungswelle galt in Belarus als Vorsichtsmaßnahme gegen die geplanten Proteste zum 99. Jahrestag der Gründung der Weißruthenischen Volksrepublik am 25. März 1918. Wie auf Dutzenden Handyfilmen aus dem Stadtzentrum von Minsk zu sehen ist, war der Tag geprägt von Wasserwerfern, Hundertschaften der Polizei und dem immer selben Bild: Potentielle Teilnehmer werden mit Gewalt in große Bereitschaftswagen gezerrt. Die dokumentierende Livefunktion auf Facebook ändert nichts an der physischen Präsenz des Staates. Er hätte auch jederzeit das Mobilfunknetz abschalten können, wenn er die Demonstrationen für gefährlich gehalten hätte. Doch die Übergriffe auf junge und ältere Bürgern sind nun dokumentiert und kursieren im Internet als Anschauungsmaterial für politische Bildung, wie das Leben in einem autoritären Staat mitten in Europa im Frühjahr 2017 aussieht.

Wie mit der Türkei hat die Europäische Union mit Belarus ein Abkommen über die staatliche Lenkung von Flüchtlingen geschlossen. In Belarus werden eigens für russische Staatsbürger aus Tschetschenien Filtrationslager eingerichtet, damit diese nicht weiterhin versuchen, in Polen Asyl zu beantragen. Wie in der Türkei bezahlt die EU für die Übereinkunft in Euro. Die Lage in der Türkei wurde auf der Leipziger Buchmesse auf dem Blauen Sofa des ZDF und vielen anderen Ständen diskutiert. Überall waren neben den sächsischen Manga-Kindern Besucher mit „Free Deniz“-T-Shirts zu sehen. Doch hatte in diesem Jahr kein unabhängiger belarussischer Verlag einen Stand in Leipzig. Das Ende der Meinungsfreiheit in der Türkei ist Thema in Deutschland, weil ein Partner der EU zur Diktatur wird. Dass an der Außengrenze der EU eine Diktatur liegt, die seit mehr als zwanzig Jahren Bestand hat, scheint Gewohnheit geworden zu sein.

Quelle: F.A.Z.
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