Wellenreiter

Auch Gott gelingt nicht alles

Von Jörg Thomann
15.09.2004
, 13:07
WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET
Die Lehramtsstudentin Michaela, 21, hat sich am Dienstag abend selbst verwirklicht - und 1,94 Millionen Zuschauer waren dabei. Zum ersten Mal im deutschen Fernsehen übertrug RTL eine Busenvergrößerung live.
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Die magische Faszination, die die operative Busenvergrößerung auf das private Fernsehen ausübt, mag darin begründet sein, daß die Sender ihre Motive in diesem Eingriff wiedererkennen: Es geht um die Erzeugung schöner Oberflächen, gern auch durch künstliche Aufblähung, und darum, möglichst vielen gefallen zu wollen. Die Hauptrolle spielt häufig eine attraktive, junge Frau, die im Verlauf des Dramas eine echte Entwicklung durchmacht, und ein Happy-End gibt es meistens auch. Manchmal geht es freilich auch schief, aber so ist das eben im Fernsehen.

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Doch noch ein weiteres ureigenes Anliegen des Privatfernsehens wird durch das Thema bedient: das Bestreben, blanke Brüste zu zeigen. Zu Zeiten von „Tutti Frutti“ ging man dabei allerdings ehrlicher vor: Damals machte sich RTL nicht einmal die Mühe, gescheite Spielregeln zu erfinden, um von der Hauptsache abzulenken. Heute hingegen wird die nackte Haut notdürftig vom Mantel der Aufklärung umhüllt. Zum ersten Mal im deutschen Fernsehen, verkündete Birgit Schrowange am Dienstag abend mit stolzer Stimme, „übertragen wir eine komplette Schönheitsoperation ohne Unterbrechung“. Nicht aus Sensationsgier natürlich, sondern zum Zwecke der Lebenshilfe - bei der Entscheidung, „ob man es tun soll oder nicht“.

Sie können noch zurück

Ob die auserkorene Patientin, die 21jährige Lehramtsstudentin Michaela, es tun solle, darüber konnten zuvor schon die Leser der „Bild“-Zeitung debattieren, die ihre Affinität zum Thema ebenfalls nicht verleugnet. Michaela lege Wert darauf, sagt RTL-Reporter Markus Lanz am OP-Tisch, „nicht in die Luder-Ecke gedrängt zu werden“; da kann man ihr, deren Busen bundesweit auf dem „Bild“-Titel präsentiert wurde, nur viel Erfolg wünschen. „Sie können immer noch zurück“, läßt Lanz die Patientin wissen, die sich gleichwohl fest entschlossen zeigt: „Ich mache keine halben Sachen.“ Dann schläft sie ein. Es ist 23.07 Uhr. Zwar kann sich der Zuschauer tagtäglich schon nachmittags in verschiedensten Magazinen des Privatfernsehens über die Thematik informieren, für eine Live-OP aber soll man schon länger wachbleiben müssen.

Viel hat Lanz sich angelesen über die Risiken und Nebenwirkungen der Brustvergrößung und führt mit den zwei Fachärzten einen Dauerdialog, der fast von den Bildern ablenkt: „Darf man dem lieben Gott auf diese Weise ins Handwerk pfuschen?“ - „Auch dem lieben Gott gelingt nicht alles.“ Es fallen Begriffe wie Blutungen, Luftbrust, Kapselfibrose. Um 23.18 Uhr wird Lanz allmählich ungeduldig: „Wie lange wird das ungefähr noch dauern, bis wir den ersten Schnitt sehen?“ Er muß nicht mehr lange warten. Und dann wird ein Schauspiel ins Bild gerückt, das schärfer in die Nerven des Zuschauers schneidet als jedes Skalpell: das manuelle Ablösen des Muskels vom Brustkorb. „Das sieht ein bißchen brutal aus, aber ist sehr effektiv“, sagt der Chirurg und betont: „Ich fühl mich dabei sehr wohl.“ Das Gefühl kann der Zuschauer nicht teilen.

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Die Patientin lächelt

Kurz nach Mitternacht ist das aufklärerische Werk vollendet. Der Chirurg findet es schön, Lanz hingegen „ehrlich gesagt auch abschreckend“. Und genau das hat man ja, selbstverständlich, auch demonstrieren wollen. Michaela erwacht aus der Narkose; zwar kann sie leider nicht gleich interviewt werden, einen Gefallen tut sie der Regie aber doch: Sie lächelt. „Erste weitere Reaktionen“ der Patientin, verspricht Lanz, gebe es nach dem „Nachtjournal“.

Das Spektakel dauerte gut siebzig Minuten: So lange haben die Fernsehzuschauer außerhalb des „Premiere“-Spezialangebots noch nie ununterbrochen auf ein Paar Brüste starren dürfen. 1,94 Millionen haben dies getan: Keine andere Sendung am Abend war so erfolgreich. Ein Resultat, das die Aufklärer gewiß nicht wird ruhen lassen: Die Messer werden bestimmt schon gewetzt.

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Quelle: @jöt
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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