Wellenreiter

Der englische Patient

21.10.2003
, 12:49
WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET
Droht eine neue Spaltung Europas? Der britische Premier Tony Blair macht für seine Herzrhythmusstörungen ein düsteres Gebräu Alteuropas verantwortlich: den Kaffee, den er beim Brüsseler EU-Gipfel trank.
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London beklagt dieser Tage zwei aufsehenerregende Krankheitsfälle: Zwei Männer, die unter geschwächtem Herzen leiden. Der eine ist ein Amerikaner, der sich Magier nennt, der andere ist Brite und durfte sich noch bis vor Monaten geradezu magische Fähigkeiten in der Politik nachsagen lassen.

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Jetzt sind David Blaine und Tony Blair gleichermaßen angeschlagen. Wenigstens ersterer ist zweifellos an seinem Zustand selbst schuld. Vierundvierzig Tage lang keine Nahrung zu sich zu nehmen und dabei in einer Glasbox an der Themse auszuharren, ist eine Radikalkur, die in keinem Gesundheitsheft empfohlen würde. Es handelte sich freilich nicht um eine Diät, sondern um ein „künstlerisches Experiment“ - sagt jedenfalls Blaine, der sich mit ähnlichen Begründungen schon mal längere Zeit eingraben und einfrieren ließ.

Flüssig-Food

Jetzt, nachdem das Experiment beendet ist, könnte Blaine wieder Nahrung zu sich nehmen, wenn er denn dürfte - doch davon haben die Ärzte erst einmal abgeraten: Zunächst ist Flüssig-Food angesagt, um den ausgezehrten Körper behutsam aufzubauen; am Ende hatte Blaine unter starken Beschwerden gelitten, unter anderem unter Herzrasen. Just zu dem Zeitpunkt indes, als Blaine seinem Käfig entstieg und sich von denen, die seine Aktion nicht völlig blödsinnig fanden, feiern lassen konnte, wurde ihm von einem anderen Patienten die Show gestohlen: England bangt um Tony Blair.

Blair war am Sonntag wegen Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es sei aber alles wieder in Ordnung, wird nun versichert, und auch der Grund für die Beschwerden ist schon gefunden - und wieder droht ein Riß durch Europa zu gehen. Nicht den Streß nämlich macht Blair für seine Herzschwäche verantwortlich, sondern ein düsteres Gebräu Alteuropas: den starken Kaffee, den er beim Brüsseler EU-Gipfel zu sich nahm.

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Besser Kräutertee

„Er sagt, er habe beim Gipfel eine Menge Kaffee getrunken. Er glaubte offensichtlich, er brauche das, um weitermachen zu können. Es ist möglich, daß er zuviel starken Kontinentalkaffee trank. Er hätte vielleicht besser beim Kräutertee bleiben sollen“, vertraut ein Vertrauter Blairs an diesem Dienstag dem „Independent“ an. Kein Zweifel, daß die Sache der Aufklärung bedarf.

Gut, Blair nimmt die Schuld auf sich, schließlich hätte er den Kaffee nicht trinken müssen und sich eine Thermoskanne mit der vertrauten britischen Plärre mitbringen können. Andererseits könnten Böswillige Blair immer wieder nachgeschenkt haben. Für den treuen Freund Amerikas ist Brüssel schließlich kein gutes Pflaster, zählte doch Belgien neben Luxemburg zu jenen beiden Ländern, die mit den Kriegsgegnern Deutschland und Frankreich den berüchtigten „Pralinengipfel“ abhielten.

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Wie bei Möllemann

Das Mitleid, das der angeschlagene Premier in seiner Heimat nun erfährt, wird ihm in Deutschland auch verweigert. Geradezu böswillig klingt der Kommentar, den an diesem Dienstag die „taz“ abgibt: „Herzrhythmusstörungen? Können immer mal passieren, sagt der taz-Arzt. Etwa wenn man zuviel getrunken hat. Kann aber auch chronisch werden. Der späte Möllemann hatte auch Herzrhythmusstörungen.“ Ob das eine Andeutung über Blairs politische Zukunft sein soll, weiß allein die „taz“ selbst.

Jene Zeitung, an sich schlagzeilensicher, liefert an diesem Tag auch die mißverständlichste Überschrift, bei der wir gleich wieder an David Blaine denken müssen: „Zuwanderer haben zuwenig Gewicht“. Im zugehörigen Artikel geht es freilich nicht, wie man vermuten könnte, um tragische Flüchtlingsschicksale, sondern um die dramatische demographische Entwicklung dieses Landes.

Wer oder was taucht heute in den Medien auf, auf welche Weise und warum? Der FAZ.NET-Wellenreiter stürzt sich Tag für Tag in die Informationsflut und versucht, die Strömungen der Zeit zu erkunden.

Quelle: @jöt
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