Wellenreiter

Seid netter zu den Krauts

Aktualisiert am 04.06.2004
 - 13:18
WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET
Der D-Day wird in England zum Anlaß, das eigene Geschichtsbild zu überprüfen: Während die Deutschen gereift seien, seien die Briten noch immer von Hitler besessen. Zeit, sich von alten Klischees zu verabschieden?

Bei der Gedenkfeier zum D-Day wird unter den Staatsmännern, die sich in der Normandie versammeln, auch ein neues Gesicht sein. Mit Gerhard Schröder wird erstmals der Bundeskanzler eines Landes vertreten sein, das am 6. Juni vor sechzig Jahren eine Hauptrolle spielte, wenn auch die des Bösen. Und weil im heutigen Deutschland erfreulicherweise fast jeder weiß, daß der D-Day auch ein guter Tag für das deutsche Volk war, ist es sehr zu begrüßen, daß auch Schröder bei der Feier dabei ist.

Ob sich alle übrigen Teilnehmer über seine Anwesenheit freuen werden, ist eine andere Frage. Manchem Veteranen der Alliierten dürfte der Deutsche auf der Ehrentribüne nicht ganz geheuer sein, vor allem dann, wenn er aus Großbritannien stammt - wo der im Stechschritt marschierende Nazi-Kraut partout nicht aus der kollektiven Erinnerung weichen will. Die britische Presse jedoch, die dieses Bild nach Kräften pflegt, gibt sich vorm D-Day ungewohnt zurückhaltend.

Lob für die Deutschen

Nicht nur, daß sich an der deutschen Gedenkfeier-Präsenz niemand zu stoßen scheint, der Kommentator des „Guardian“ greift den Anlaß sogar auf, um die Deutschen zu loben und sein eigenes Land zu kritisieren. Deutschland habe sich bewegt, stellt Jonathan Steele fest, der sich derzeit in „Hanover“ aufhält, und fragt sich und die Leser: „Haben wir das auch?“

Die Situation der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vergleicht der „Guardian“-Korrespondent mit der Lage im heutigen Irak: „Die Freude über die Befreiung geht Hand in Hand mit dem Ärger über die Besatzung.“ Das Trauma der Deutschen sei freilich noch „unvergleichbar größer“ gewesen, da ihre Unterstützung für Hitler weitaus breiter gewesen sei als die der Iraker für Saddam Hussein. Längst aber seien neue Generationen geboren worden, die mit dem D-Day keine persönlichen Erinnerungen verknüpften, und deutsche Historiker wagten es nun, sich mit den Luftangriffen und der Vertreibung zu befassen, ohne befürchten zu müssen, als Revanchisten beschimpft zu werden.

Sechzig Prozent für Hitler

Während Deutschland also die eigene Geschichte alles in allem gut bewältigt habe, sei die britische Besessenheit von Hitler „ungesund“, schreibt Steele. Natürlich: „Die Boulevardzeitungen sind unverbesserlich, und Hitler wird sich als Thema immer verkaufen.“ Die normale Bevölkerung aber müsse sich allmählich an die neue Realität gewöhnen. Es sei „traurig, daß so wenige junge Leute etwas über die Geschichte der beiden deutschen Nachkriegsstaaten lernen und über die Verwicklungen der Wiedervereinigung und ihrer Nachwehen“. Statt dessen wählten sechzig Prozent aller britischen Mittelschüler, die sich mit der deutschen Geschichte befaßten, „Hitler und die Nazis“. Den D-Day, fordert Steele seine Leser auf, sollten die Briten als Anlaß nehmen, sich zu bessern.

Fortan also kein Kraut-Bashing mehr? Es würde uns Deutschen fraglos etwas fehlen. Selten können wir uns so modern und weltoffen fühlen wie nach der Begegnung mit Engländern, deren Geschichtsbild sechzig oder siebzig Jahre auf dem Buckel hat - und ein Fußballturnier, bei dem die britischen Tabloids nicht die Stahlhelme aufsetzen, wäre irgendwie nicht komplett. Doch bei der anstehenden EM werden die „Sun“ und ihre Geistesgenossen von liebgewonnenen Gewohnheiten sicher nicht lassen wollen.

Und was die britischen Schüler betrifft: Steeles Wunsch, daß diese auch andere Seiten der deutschen Geschichte kennenlernen, ist aller Ehren wert. Daß sich aber, solange man wählen kann, eine Vielzahl von Schülern freiwillig mit den Schwierigkeiten beim Aufbau Ost auseinandersetzen wird, glauben wir einfach nicht: Der Kerl mit dem Schnurrbart scheint da doch immer noch deutlich spannender.

Quelle: @jöt
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