Wettbewerb

Kauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

09.02.2004
, 17:12
Skurriles Doppelporträt: Daniel Burmans „El abrazo partido”
Zweimal Sonia, einmal mager, einmal munter: "El Abrazo Partido" aus Argentinien und "Primo Amore" aus Italien im Wettbewerb.
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Das Problem fängt bei der Rechnungsstellung an: Sollte die Lieferung in Pesos oder in Dollar beglichen werden? Im inflationsgeschüttelten Argentinien ist das eine Frage von existentieller ökonomischer Bedeutung, doch der merkantile Tausendsassa Mitelman, dem man sein Verhandlungsgeschick schon am Namen anzuhören meint, ist zu sehr Spieler, um die Frage einfach zu bereden. Statt dessen stellen sein Kunde und er jeweils ihre Gehilfen ab, die mit Sackkarren einen Wettlauf austragen. Wer gewinnt, bestimmt die Valuta.

Diese Szene aus "El Abrazo Partido" (Die verlorene Umarmung) ist typisch für Kinematographien aus Staaten, die glücklich sein dürfen, wenn sie ihre Filme überhaupt finanziert bekommen: Das komödiantische Element spielt eine wichtige Rolle, denn das einheimische Publikum schätzt Galgenhumor. Der Alltag ist trist genug. Deshalb hat der junge argentinische Regisseur Daniel Burman sein Doppelporträt einer Einkaufsgalerie in Buenos Aires und der dort ihr Wäschegeschäft betreibenden Familie Makaroff mit einer gehörigen Portion Skurrilität gewürzt - und doch nicht mehr produziert als ein amüsantes Lustspiel, dessen einzig kinospezifisches Element in der großen Leinwand liegt, auf die die eher fernsehgerecht abgefilmten Bilder im Berlinale-Palast projiziert werden.

Ihr blieb der Name des Wäschegeschäfts

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In der Galerie haben sich vor allem Abkömmlinge jüdischer Emigranten mit ihren mehr oder weniger erfolgreichen Handelsunternehmen angesiedelt, und der Film setzt verständlicherweise auf den jüdischen Humor, der allerdings ein zu vertrautes Motiv ist, als daß die argentinische Umgebung ihm nennenswert Neues abgewinnen könnte. Die Makaroffs, Mutter Sonia mit ihren Söhnen Ariel und Joseph, leiden unter der Flucht, die der Vater Elias 1973 nach Israel angetreten hat - angeblich um das Land im Yom-Kippur-Krieg zu unterstützen. Schließlich aber wird Sonia zugeben, daß es eine Flucht vor ihr war, weil sie ihren Mann mit dem Ladenbesitzer von gegenüber betrogen hat. Ihre Söhne ließ sie im Glauben, der Vater habe nicht mehr für sie übrig gehabt als den Namen des familieneigenen Wäschegeschäfts: "Creaciones Elias".

Obligatorisch blutiges Ende: Matteo Garones „Primo Amore”
Obligatorisch blutiges Ende: Matteo Garones „Primo Amore” Bild: Berlinale

Das vielköpfige Ensemble um Daniel Hendler als Ariel und Adriana Alzemberg als Sonia entfaltet große Spielfreude, aber ein pointenreiches Drehbuch und sympathische Akteure reichen nicht hin für ein Filmkunstwerk. Über Stilwillen verfügt Burman nicht. Immerhin aber bietet sein Film weitaus mehr als der zweite gestrige Wettbewerbsbeitrag, Matteo Garones "Primo Amore". Hier ist nichts mehr zu retten, denn schon der Kern der titelgebenden Liebesbeziehung zwischen dem auf magere Frauen fixierten Vittorio (Vitaliani Trevisan) und der ihm alsbald hörigen Sonia (Michela Cescon) vermag nie auch nur einen Hauch von Plausibilität zu vermitteln. Was Sonia an dem wortkargen Vittorio derart faszinieren mag, daß sie sich bereitwillig von 57 auf 42 Kilogramm herunterhungert und nur Grünzeug wie ein Kaninchen futtert, ist ein ebenso großes Rätsel wie die Teilnahme des Films am Wettbewerb.

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Kammerspiel als Jammerspiel

Drehbuch und Kamera bemühen sich um Rettung: vergebens. Weder überzeugt Vittorios Beruf (Goldschmied) als dramaturgischer Kniff, der tiefgründige Ausführungen über die Gewinnung wahrer Werte aus einem feurigen Reduktionsprozeß gestattet: Das dadurch eröffnete Metaphernfeld führt Metall und Liebe leider nicht recht zusammen. Noch ist die Durchwanderung von nächtlichen Plätzen mit schlanken Laternen oder lichten Wäldern mit ebensolchen Baumstämmen subtil genug inszeniert, um der behaupteten Schönheit von überschlanken Formen wenigstens filmästhetisch Glaubwürdigkeit zu verleihen. Am Ende steht das obligatorische Drama mit blutigem Ausgang, das auch heute noch beim Thema Fetischisierung im Kino obligatorisch zu sein scheint. Ein Kammerspiel als Jammerspiel.

Das Problem fängt bei der Rechnungsstellung an: Sollte die Lieferung in Pesos oder in Dollar beglichen werden? Im inflationsgeschüttelten Argentinien ist das eine Frage von existentieller ökonomischer Bedeutung, doch der merkantile Tausendsassa Mitelman, dem man sein Verhandlungsgeschick schon am Namen anzuhören meint, ist zu sehr Spieler, um die Frage einfach zu bereden. Statt dessen stellen sein Kunde und er jeweils ihre Gehilfen ab, die mit Sackkarren einen Wettlauf austragen. Wer gewinnt, bestimmt die Valuta.

Diese Szene aus "El Abrazo Partido" (Die verlorene Umarmung) ist typisch für Kinematographien aus Staaten, die glücklich sein dürfen, wenn sie ihre Filme überhaupt finanziert bekommen: Das komödiantische Element spielt eine wichtige Rolle, denn das einheimische Publikum schätzt Galgenhumor. Der Alltag ist trist genug. Deshalb hat der junge argentinische Regisseur Daniel Burman sein Doppelporträt einer Einkaufsgalerie in Buenos Aires und der dort ihr Wäschegeschäft betreibenden Familie Makaroff mit einer gehörigen Portion Skurrilität gewürzt - und doch nicht mehr produziert als ein amüsantes Lustspiel, dessen einzig kinospezifisches Element in der großen Leinwand liegt, auf die die eher fernsehgerecht abgefilmten Bilder im Berlinale-Palast projiziert werden.

In der Galerie haben sich vor allem Abkömmlinge jüdischer Emigranten mit ihren mehr oder weniger erfolgreichen Handelsunternehmen angesiedelt, und der Film setzt verständlicherweise auf den jüdischen Humor, der allerdings ein zu vertrautes Motiv ist, als daß die argentinische Umgebung ihm nennenswert Neues abgewinnen könnte. Die Makaroffs, Mutter Sonia mit ihren Söhnen Ariel und Joseph, leiden unter der Flucht, die der Vater Elias 1973 nach Israel angetreten hat - angeblich, um das Land im Yom-Kippur-Krieg zu unterstützen. Schließlich aber wird Sonia zugeben, daß es eine Flucht vor ihr war, weil sie ihren Mann mit dem Ladenbesitzer von gegenüber betrogen hat. Ihre Söhne ließ sie im Glauben, der Vater habe nicht mehr für sie übrig gehabt als den Namen des familieneigenen Wäschegeschäfts: "Creaciones Elias".

Das vielköpfige Ensemble um Daniel Hendler als Ariel und Adriana Alzemberg als Sonia entfaltet große Spielfreude, aber ein pointenreiches Drehbuch und sympathische Akteure reichen nicht hin für ein Filmkunstwerk. Über Stilwillen verfügt Burman nicht. Immerhin aber bietet sein Film weitaus mehr als der zweite gestrige Wettbewerbsbeitrag, Matteo Garones "Primo Amore". Hier ist nichts mehr zu retten, denn schon der Kern der titelgebenden Liebesbeziehung zwischen dem auf magere Frauen fixierten Vittorio (Vitaliani Trevisan) und der ihm alsbald hörigen Sonia (Michela Cescon) vermag nie auch nur einen Hauch von Plausibilität zu vermitteln. Was Sonia an dem wortkargen Vittorio derart faszinieren mag, daß sie sich bereitwillig von 57 auf 42 Kilogramm herunterhungert und nur Grünzeug wie ein Kaninchen futtert, ist ein ebenso großes Rätsel wie die Teilnahme des Films am Wettbewerb.

Drehbuch und Kamera bemühen sich um Rettung: vergebens. Weder überzeugt Vittorios Beruf (Goldschmied) als dramaturgischer Kniff, der tiefgründige Ausführungen über die Gewinnung wahrer Werte aus einem feurigen Reduktionsprozeß gestattet: Das dadurch eröffnete Metaphernfeld führt Metall und Liebe leider nicht recht zusammen. Noch ist die Durchwanderung von nächtlichen Plätzen mit schlanken Laternen oder lichten Wäldern mit ebensolchen Baumstämmen subtil genug inszeniert, um der behaupteten Schönheit von überschlanken Formen wenigstens filmästhetisch Glaubwürdigkeit zu verleihen. Am Ende steht das Drama mit blutigem Ausgang, das auch heute noch beim Thema Fetischisierung im Kino obligatorisch zu sein scheint. Ein Kammerspiel als Jammerspiel.

apl

Quelle: apl, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2004, Nr. 34 / Seite 37
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