FAZ plus ArtikelPolizeigewalt in Amerika

Wer sich verteidigt, greift den Staat an

Von Elsa Dorlin
Aktualisiert am 17.10.2020
 - 22:36
Selbstverteidigung sieht der Staat oftmals als zusätzliche Aggression.
Je mehr sich George Floyd verteidigte, desto mehr starb er. Warum Überlebensimpulse und Verteidigungsgesten nun endgültig als Akt der Aggression verstanden werden. Ein Gastbeitrag.

I can’t breathe.“ Jede(r) von uns hat die Bilder gesehen, die Worte Georges Floyds und so vieler anderer afroamerikanischer Männer und Frauen gehört, die unter dem Gewicht von Männern in Uniform zu Tode kamen. Was konnte Floyd tun? Die Frage lautet nicht: „Was hat er getan?“, sondern was konnte er tun? Was konnte sein Körper tun, um sich zu verteidigen, um sein Leben zu verteidigen?

George Floyd starb vor unseren Augen, live. Er starb, als er sich verteidigte, als er trotz des Knies in seinem Nacken zu atmen versuchte, als er zu verstehen zu geben versuchte, dass er keine Luft bekommt, als er wiederholt sagte, dass er erstickt. Doch je mehr er sprach, je mehr er nach Luft rang, desto fester wurde der Polizeigriff und hinderte ihn, seine Arme zu befreien, seinen Kopf zu bewegen und seinem Brustkorb Erleichterung zu verschaffen. Je mehr er sich verteidigte, desto mehr starb er, das heißt, desto mehr kämpfte er ums Überleben, und dieser Impuls beschleunigte sicherlich seine Tötung. George Floyd wehrte sich nicht gegen die Polizei; sein Körper kämpfte nicht gegen eine Macht, die ihn zur Zielscheibe machte: sein Körper kämpfte, um sein Leben zu verteidigen.

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Quelle: F.A.S.
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