Wie sollen wir wohnen?

Das richtige Leben im richtigen

Von Claudius Seidl
13.04.2020
, 15:42
Das „Coward House“ in Nottingham, 1970 von David Shelley entworfen.
Wohnen, was ist das eigentlich – und kann es überhaupt gelingen? Jetzt, da die Menschen zu Hause bleiben sollen, stellt sich die Frage, ob es gut ist, dauernd ganz bei sich zu sein.
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Prognosen halten nur so lange, bis sie dementiert sind von der Wirklichkeit – aber unter den Zukunftsaussichten, die wir jetzt schon, noch ein wenig unscharf, zu erkennen glauben, gehören diese hier zu den am wenigsten unwahrscheinlichen: dass nach der Krise ein Aufschwung kommen wird. Und dass von diesem Aufschwung manche Branchen mehr als andere profitieren werden. Zu den Gewinnern werden, einerseits, die Sperrmüllplätze und die Wertstoffhöfe gehören, wohin, wenn wieder geöffnet ist, die Menschen ihre wackligen Stühle, ihre abgewetzten Sessel und billigen Couchtische bringen werden, all den Plunder, dessen Hässlichkeit und Anspruchslosigkeit ihnen erst jetzt, da sie den ganzen Tag in der eigenen Wohnung hocken, so richtig bewusst geworden ist.

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Und es werden, andererseits, die teureren Möbelläden sein, wohin das anspruchsvollere Publikum einen großen Teil des Geldes, das während der Ausgangsbeschränkungen für Restaurantrechnungen, Theaterkarten und Kinobesuche leider nicht ausgegeben werden konnte, überweisen wird, damit endlich ein paar schlichte Bellini-Stühle, ein Pierre-Paulin-Sessel oder die herrlich schwebenden Dieter-Rams-Regale die Wohnungen auf den Stand des ästhetischen Bewusstseins ihrer Bewohner heben sollen.

Nicht nur, wer eine Wohnung sucht, hat ein Wohnungsproblem

Ein Wohnungsproblem, das wird in diesen Tagen offensichtlich, haben nicht nur die, die in unseren großen Städten eine Wohnung suchen. Ein Wohnungsproblem haben leider auch die, die eine Wohnung haben. Und die ihren ganzen Krempel nicht mehr lange anschauen werden wollen.

Dass das ein Luxusproblem sei, ist ein Einwand, den man gelten lassen muss: Man braucht, um dieses Problem zu haben, nicht nur eine Wohnung, die groß genug für ein paar geschmackvolle Möbel ist. Man muss auch, nachdem die schreckenerregenden Mieten gezahlt sind, noch ein paar Euros übrig haben, um auf die schicken Sessel zu sparen. Wer, als die Leute noch aus dem Haus gehen durften, in der Münchner Innenstadt zu Besuch war und vielleicht vor der Auslage eines Maklers stehen blieb, der konnte, wenn er den Blick zurück auf die Straße wandte, es kaum fassen, dass bei den dortigen Preisen für Mieten und Immobilien es überhaupt noch irgend jemanden gab, der es sich leisten konnte, etwas einzukaufen und diese Einkäufe in Tüten durch die Stadt zu tragen.

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Nein, Leute, in deren kleinen Wohnungen außer für einen großen Flachbildschirm nur Platz fürs Allernötigste ist, haben ein dringenderes Wohnungsproblem: dass ihnen nämlich demnächst die niedrigen Decken ihrer Sozialbauten auf die Köpfe fallen könnten. Die Architekturhistorikerin Beatriz Colomina hat allerdings neulich, in einem klugen Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“, darauf hingewiesen, dass auch das, aus der Perspektive von Menschen, die nicht mal eine Decke haben über dem Kopf, ein Luxusproblem ist. Und so wird sich immer jemand finden, der schlimmere Sorgen hat; das Wohnungsproblem der Wohnungsinhaber ist damit trotzdem nicht ganz irrelevant.

Arbeitszimmer nicht vorgesehen

Was sich schon bei der Arbeit im Heimbüro zeigt. Wer glaubt, die Heimarbeit mache Hierarchien unsichtbar und obsolet, zeigt damit nur, dass seine Perspektive nicht sehr weit übers Display bei einer Skype- oder Zoom-Konferenz hinausgeht, bei der tatsächlich der Chef keinen größeren Bildschirmausschnitt und keinen eindrucksvolleren Kamerawinkel bekommt als alle anderen. Der Unterschied zeigt sich gewissermaßen im Gegenschuss; da hat eben einer ein Arbeitszimmer, und ein anderer betreibt sein Heimbüro vom Küchentisch aus. Und wenn sich, nach dem Ende dieser Krise, deutlich gezeigt haben wird, dass Büros, mit ihren Konferenzräumen und Kaffeeküchen und der vertanen Zeit bei all den sogenannten Schwätzchen auf dem Flur, vielleicht nicht völlig überflüssig sind; dass aber sehr viel Arbeit sehr viel konzentrierter zu Hause erledigt werden kann, weshalb künftig viel weniger Büroraum benötigt wird: Dann kann man nur fordern, dass das Geld, das die Firmen dann an der Miete sparen, den Mitarbeitern überwiesen wird, die sich davon hoffentlich ein Arbeitszimmer werden leisten können.

Arbeiten ist hier nicht vorgesehen: Wohnzimmer mit Saarinen-Eßtisch und anderweitig kostspieligen Accessoires.
Arbeiten ist hier nicht vorgesehen: Wohnzimmer mit Saarinen-Eßtisch und anderweitig kostspieligen Accessoires. Bild: Picture-Alliance

Geld ist also ein Problem; aber nicht das einzige: Wer sich durch die Immobilienportale klickt, durch Wohnungsgrundrisse und Fotostrecken, merkt sehr schnell, dass ein Arbeitszimmer selbst in den größten und teuersten Wohnungen nicht vorgesehen ist. Eine Sauna, ein Kamin, auch eine Sitzecke von der Größe dreier Studentenappartements: sehr gern. Ein Schreibtisch, paar Regale: nicht eingeplant. In einer Wohnung, so stellen sich das die Bauherren, Makler und Innenarchitekten offensichtlich vor, wird nicht gearbeitet. In einer Wohnung wird gewohnt, was man sich in diesen Kreisen ungefähr so vorstellt, dass der Mensch es sich in seinem Eero-Saarinen-Sessel bequem gemacht hat; und von dort aus beaufsichtigt er, glücklich lächelnd, seine anderen Designerstücke, die er alle beim Vornamen kennt. Allenfalls blättert er nebenbei in einem Magazin, in dem das Interessanteste die Anzeigen für genau diese Möbel sind.

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Heideggers Not, Balzacs Gerümpel

So geht wohnen ganz bestimmt nicht; aber wie es geht, wie es gelingt, ja was es eigentlich sei, das Wohnen: Das ist vermutlich jetzt, da die Menschen seit Wochen in den Wohnungen, die sie selber eingerichtet haben, eingeschlossen sind, konfrontiert mit sich selbst, ausgeliefert ihren eigenen Geschmacksentscheidungen – das ist jetzt eine dringliche Frage. Keine Antwort hat leider Martin Heidegger, der in seinem Aufsatz „Bauen Wohnen Denken“ sich zwar bis auf den tiefsten Grund der Begriffe „bauen“ und „wohnen“ bohrt, der auch das Sein des Menschen im Raum gründlich bedenkt, der dann aber zu dem Schluss kommt: „Die eigentliche Not des Wohnens beruht darin, daß die Sterblichen das Wesen des Wohnens immer erst wieder suchen, daß sie das Wohnen erst lernen müssen.“ Adorno notiert in den „Minima Moralia“ das Gegenteil: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen.“

Hat auch schlimm gewohnt: Das Maison-musée de Balzac in Paris.
Hat auch schlimm gewohnt: Das Maison-musée de Balzac in Paris. Bild: Picture-Alliance

Das ist schön und pointiert gesagt – hilft einem aber weder weiter bei der Frage, woher das Unbehagen in unseren Wohnungen kommt; noch zeigt es gar einen Weg, das Unbehagen zu lindern. Wo es herkommt, nämlich aus den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft, kann man am anschaulichsten nachlesen bei Balzac, in dessen Romanen die Menschen, die sympathisch wirken sollen, am liebsten anhand ihrer feinen und geschmackssicheren Möbel charakterisiert werden. Demselben Balzac sagten allerdings die Zeitgenossen nach, dass er einen Großteil der mühsam erschriebenen Honorare für fürchterliches Gerümpel ausgegeben habe; seine Wohnung sei geradezu gruselig eingerichtet gewesen.

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Ein Selbstportät aus Möbeln

Wo das alles noch verschärft wurde, war, um die vorletzte Jahrhundertwende herum, zum Beispiel die lebensreformerische Zeitschrift „Der Kunstwart“, die, wie Peter Richter in seinem Buch „Deutsches Haus“ schreibt, sogar Franz Kafka abonniert hatte, obwohl ihr Herausgeber Ferdinand Avenarius ein dubioser, völkisch gesinnter Dichter, Journalist und Kunsterzieher war. Dieser Ferdinand Avenarius veröffentlichte im Februar 1900 seine „Zehn Gebote zur Wohnungseinrichtung“; und vor allem das zweite ist heute so gültig wie nie: „Zeige dich in deiner Wohnung, wie du bist.“ Die Zeitschrift hatte damals 22000 Abonnenten; und nach allem, was wir wissen, war das die stil- und geschmacksbildende Klasse. Und genau so ein Satz ist eigentlich erst heute, 120 Jahre später zur Plage und zur Zumutung geworden: vor allem für die, die daran glauben. Und es sieht so aus, als ob das die meisten wären, die meisten von denen jedenfalls, die glauben, Geschmack zu haben. Und die ihn sich auch leisten können.

Zeige dich in deiner Wohnung, wie du bist! Verfertige aus Möbeln, Bildern, Accessoires dein Selbstporträt! Es ist schwer zu sagen, wer der Absender dieser Botschaft ist, ob sie also von außen, als Konvention und bürgerliche Pflicht den Wohnungsinhabern quasi aufgezwungen wird. Oder ob sie als innerer Auftrag, als quasi selbstformulierte Herausforderung empfunden wird, als Akt der Selbstbehauptung gegen die unübersichtliche Welt da draußen. Heute, da die medialen Selbstporträts, die mit enormem Aufwand gestalteten Profile in den sozialen Medien, die Porträtierten überstrahlen, zugleich aber in ihrer Künstlichkeit und Flüchtigkeit deutlich zu erkennen sind, heute haben jedenfalls dreidimensionale, absolut analoge, im Glücksfall von allseits anerkannten Designern entworfene und von soliden Herstellern gefertigte Hocker oder Tische als Bausteine eines Selbstporträts eine ganz andere Verbindlichkeit und Beständigkeit – zumal es, anders als bei einem Facebook-Profil, in einer Wohnung nicht die Kommentarfunktion gibt, keine Möglichkeit also, den sich selbst Porträtierenden zu verhöhnen und zu verlachen.

Das Publikum sind die Bewohner

Der Soziologe Andreas Reckwitz erklärt auch die Ambition, mit welcher die „neue Mittelklasse“ (wie er die stilbildenden Schichten nennt) ihre Wohnungen möbliert, aus der von ihm so genannten „Gesellschaft der Singularitäten“ heraus – aus der Notwendigkeit also, an der eigenen Besonderheit zu arbeiten, sie als Kapital einzusetzen und gewinnbringend zu bewirtschaften. Das kann nicht ganz falsch sein, zumal Reckwitz in seinem gleichnamigen Buch eine sehr anschauliche Skizze der ästhetischen Normen und Geschmacksansprüche des singularistischen Wohnens gelingt: „Die Atmosphäre der Wohnung soll einzigartig sein, und darin die Einzigartigkeit ihrer Bewohner widerspiegeln, freilich ohne dabei durch extreme Varianz und Beliebigkeit sinnlich zu überfordern.“

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Was Reckwitz dabei übersieht, ist aber der Umstand, dass das Publikum solcher Singularitäts-Inszenierungen nicht die gelegentlichen Gäste und Besucher sind. Es sind die Bewohner selbst. Wenn man sich nur lange genug durchblättert durch Magazine wie „Wallpaper“, „AD“ oder „H.O.M.E.“, die ihren Lesern die Anleitung zum geglückten Selbstporträt versprechen, dann merkt man irgendwann, dass es in deren Bildern kein Außen gibt. Man sieht kaum Fenster auf den Fotos; und wenn doch: dann sind da Bäume, Sträucher, vielleicht in der Ferne das Meer – nicht aber Straßen, Menschen, ein vis-à-vis. Nirgendwo unübersichtliche Verhältnisse. Man sieht niemals einen Fernseher, Bücher nur als farbig gut abgestimmte Dekoration, auch das Macbook ist bloß ein Designobjekt. Der Blick nach draußen ist so wenig vorgesehen wie der Blick von außen herein. Und dass Google oder Amazon nicht durch ein Fenster gucken müssen, um Wohnung und Bewohner zu durchleuchten, das hat sich hier ohnehin noch nicht herumgesprochen.

Soll man jetzt etwa den ganzen Tag in seinem eigenen Selbstporträt sitzen? Friederike Mayröcker in ihrer legendär vollgeräumten Wohnung in Wien.
Soll man jetzt etwa den ganzen Tag in seinem eigenen Selbstporträt sitzen? Friederike Mayröcker in ihrer legendär vollgeräumten Wohnung in Wien. Bild: Picture-Alliance

Das Versprechen heißt: Wenn du nur gut und geschmackvoll genug eingerichtet bist, dann kannst du in deiner Wohnung ganz bei dir sein. Dann bedeutet wohnen: inmitten des eigenen Selbstporträts zu sitzen, sich selbst zu betrachten und aus diesem Anblick wiederum die Kraft zu schöpfen, auch weiterhin, auch draußen in der Welt womöglich, man selbst zu sein. „Blicken zwei Spiegel einander an, so spielt der Satan seinen liebsten Trick und öffnet die Perspektive ins Unendliche“, hat Walter Benjamin einmal geschrieben. Und genau so muss man sich gelungenes Wohnen wohl vorstellen: für immer von und mit sich selber eingesperrt, in der Hölle des eigenen Geschmacks. Das Gewohnte ist immer das Falsche.

Und so kann man nur jenen Menschen recht geben, die in ihre winzigen Wohnungen, statt den Ratschlägen der Magazine für die schicke Kleinstwohnung zu folgen, umso gigantischere Flachbildschirme stellen. Sie wollen in ihren Wohnungen nicht in sich gehen und nicht bei sich sein. Sie wollen Blicke ins Offene, ins Andere, hinaus.

Und auch wenn es momentan so aussieht, als ob die größere Wohnung ein Glück und eine Erleichterung sei, bleibt doch, auf lange Sicht und aus ökologischen wie aus sozialen Gründen, gewissermaßen das Gegenteil richtig. Nicht die Wohnungen sollten größer sein. Es sind die Städte, die bewohnbarer werden müssten. „Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein“, heißt es in den „Minima Moralia“.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
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