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Spanisches Porto

Problemhaufen

EIN KOMMENTAR Von Paul Ingendaay
 - 12:05

Es ist ein Monument, könnte man sagen, ein Monument am Anfang der Fußgängerzone in der hübschen spanischen Provinzhauptstadt Santa Cruz (Teneriffa), und es hat große Augen, die den Betrachter anschauen, und einen lächelnden Mund. Genauer aber wäre die Bezeichnung Mahnmal, denn das Ding – braun, einen Meter groß, eher rund, wenn nicht gar geringelt wie Softeis, man könnte es auch eine Skulptur nennen –, dieses merkwürdige Ding auf dem grünen Podest (es hat auch einen Arm) hält mit der Linken ein Schild, das man lesen soll, und nach der Lektüre hatte ich gar keinen Zweifel mehr: Das Mahnmal oder die Skulptur stellt einen gigantischen Hundehaufen dar. Einen Meter groß, wie gesagt, gleich am Anfang der Fußgängerzone.

Ein Hundehaufen mit menschlichem Antlitz, und der Text auf dem Schild lautet: „Wie groß muss ich sein, damit du verstehst, dass du mich aufsammeln musst.“ Über dem Text steht eine Zeichnung, die noch einen Hundehaufen darstellt, diesmal dampfend und ohne Augen. Und darüber ist ein rotes Warnschild gepappt, das sagt: „1500 €.“ Prima! Verstanden. Wer die Hinterlassenschaft seines Hundes nicht wegmacht, heißt das, wird richtig zur Kasse gebeten.

Ich machte ein Foto der ungewöhnlichen Skulptur oder des Mahnmals, hatte aber nicht die moralische Kraft, es jemandem zu schicken. Die Datensicherheit, man weiß ja. Ich schämte mich, so ein, nun ja, so etwas Unschönes zu versenden, auch wenn es liebe große Augen hatte. Stattdessen ging ich in den nächsten Schreibwarenladen, kaufte fünf Ansichtskarten von Santa Cruz und beschloss, sie sogleich zu schreiben und zu versenden.

„Nach Europa 1,40 Euro pro Karte.“

Da ich fallweise ein analytischer Mensch bin, war mir auch klar, was ich mit dem Schreiben der Ansichtskarten bezweckte: Ich wollte die Begegnung mit dem braunen Mahnmal mit den lieben Augen exorzieren. Ich wollte es gleichsam nicht gesehen haben. Dabei bin ich absolut dafür, dass Hundehalter das Produkt ihrer wuscheligen Lieblinge aufsammeln und ordnungsgemäß entsorgen. Ich will nur keine metergroßen Skulpturen oder Mahnmale davon sehen.

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Als die Karten geschrieben waren, brauchte ich Briefmarken. Also wieder in den Schreibwarenladen, denn die spanische Post führt so etwas nicht. Da hieß es dann: „Nach Europa 1,40 Euro pro Karte.“ Ich erschrak, vielleicht erbleichte ich auch. „Was? Das ist aber teuer! Und was kostet eine Karte nach Neuseeland?“ Antwort: „1,45 Euro.“ Da war mein Tag endgültig gelaufen.

Ich musste erkennen, dass Spanien nur deswegen mit seinem niedrigen Porto angeben kann, weil es das Inlandsporto (60 Cents) auf Kosten des Auslandsportos und speziell des Portos in die europäischen Länder klein hält. Schlechte Europäer, diese Spanier, murmelte ich, was für Verräter, und fand heraus, dass selbst die Briten, zu denen hier kein weiteres Wort verloren werden soll, beim Briefporto einen angemessenen Abstand zwischen Europa und die Welt legen. Austria liegt eben woanders als Australia! Tief drinnen aber war mir selbst in diesem Augenblick klar, dass es immer noch um dieses Ding ging, das ich einfach nicht loswurde, die komische braune Skulptur mit den großen Augen und dem lächelnden Mund.

Quelle: F.A.Z.
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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