Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Anzeige
Musikverlage vor dem Aus

Wir sind finanziell am Limit angelangt

Von Max Nyffeler
03.01.2021
, 21:26
Ohne Konzerte oder Aufführungen werden auch keine Noten und Werke benötigt. Dies sorgt für Existenzängste einer ganzen Branche. Bild: Helmut Fricke
Veranstalter, Kinobetreiber oder Theaterbesitzer werden als die größten Verlierer der Krise gesehen. Aber auch die Verlage klassischer Musik verlieren durch Corona 70 Prozent der Einnahmen. Wie geht es weiter?

Verlage klassischer und neuer Musik leben vom Verkauf oder Verleih des bei ihnen herausgegebenen Notenmaterials sowie von den Tantiemen der bei ihnen erschienenen, noch nicht gemeinfreien Werken. Die gegenwärtigen Einschränkungen oder gar Stilllegungen des Spielbetriebs bei Orchestern, Chören und Opernhäusern gefährden dieses Wirtschaftsmodell in seiner Substanz. Auf die Folgen dieser Situation gibt es eine kurzfristige und eine längerfristige Perspektive. Die kurzfristige folgt dem Motto „Nicht Genaues weiß man nicht“, wobei drei Phasen zu unterscheiden sind: Im Frühjahr hoffte man auf den Herbst.

Anzeige

Im Herbst herrschte eine kaum verhehlte Empörung über „die Frechheit der Bundesregierung, zu sagen, dass die ganzen Vorschriften, die von unseren Kulturstätten im Laufe des Sommers mit viel Herzblut und Hirnschmalz umgesetzt wurden, um weiterspielen zu können, nun plötzlich nicht mehr gelten sollen“ – so die Worte des Geschäftsführers eines großen Musikverlags. Und jetzt, im Winter, greift beim erneuten Total-Lockdown die blanke Ratlosigkeit um sich. Die Musikverlage des Klassikbereichs sind mit dem Musikleben auf Gedeih und Verderb verbunden.

Zur längerfristigen Perspektive sind in der Verlagsbranche pessimistische Stimmen zu hören, der Glaube an ein Zurück in die Zeit vor Corona schmilzt dahin, und man beginnt sich mit dem sehr unangenehmen Gedanken vertraut zu machen, dass angesichts der Finanzlöcher in den staatlichen Haushalten die Subventionen für Orchester und Theater künftig geringer ausfallen könnten. „Dann entbrennen wieder Verteilungskämpfe zwischen Schwimmbädern und Opernhäusern, und dabei könnte die Musik der Verlierer sein“, befürchtet Christiane Albiez, Mitglied der Geschäftsleitung des Mainzer Schott-Verlags.

Zwar reagierten alle Verlage gegenwärtig auf die Nachfrage nach kleinen Besetzungen, doch das sei eine Notlösung und auf Dauer untauglich. „Ob eine große Oper von Henze sechsmal hintereinander gespielt wird oder ob ein Off-Theater eine Szene für zehn Instrumente und einen Sänger auf die Bühne bringt, ist ein Riesenunterschied. Das eine ist eine substantielle Einnahme für uns, das andere eben nicht.“

Anzeige

Bei Aufführungen hängen die Tantiemen, die sich Verlag und Komponist teilen, von der Zahl und dem Preis der verkauften Tickets ab. Das heute gern praktizierte Streaming ohne Publikum ist für die Rechteinhaber eine schlechte Alternative: Sie erhalten nur einen Bruchteil der Einkünfte aus einer Aufführung im vollen Saal.

Anzeige

Den Traditionsverlag Schott hat die Krise doppelt getroffen. Zum wirtschaftlichen Schlag, der die ganze Branche in die Knie zwingt, kommt bei ihm noch eine zutiefst enttäuschende Erfahrung ganz anderer Art. Das Unternehmen, das in Beethovens Geburtsjahr 1770 gegründet wurde und unter anderem Beethovens „Missa solemnis“ und die Neunte Symphonie erstveröffentlichte, wollte nun in Form einer großangelegten kulturellen Initiative seinen zweihundertfünfzigsten Geburtstag feiern. Das Virus hat alles zunichte gemacht.

Eine vergessene Branche

Im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit standen im Corona-Jahr 2020 bislang vor allem die gebeutelten Veranstalter und die vielen vor dem Nichts stehenden Interpreten. Von den traditionell im Hintergrund wirkenden Musikverlagen und den ebenfalls notleidenden Autoren, die sie vertreten, ist hingegen kaum je die Rede. Führende mittelständische Verlage wie Schott, Breitkopf & Härtel und Bärenreiter sind am finanziellen Limit, und sie wären der Krise schutzlos ausgeliefert, gäbe es nicht die Kurzarbeiterregelung, die wenigstens der Aufrechterhaltung der Strukturen dient. „Kurzarbeit ist für uns in Deutschland das wichtigste Instrument, um durch die Krise zu kommen“, sagt Clemens Scheuch vom Bärenreiter-Verlag. Auch die fünf Millionen, die von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters nach längeren Verhandlungen Anfang Dezember freigegeben wurden, findet er durchaus hilfreich; Verlage, die nur Kaufmaterial anbieten oder sich wie Ricordi oder Sikorski unter dem vorerst schützenden Dach eines internationalen Konzerns befinden, sind von dieser „Billigkeitsleistung“ allerdings ausgeschlossen.

Doch alle Verlagsleute sind sich einig: Die staatlichen Hilfen können die massiven Einnahmeverluste nicht annähernd kompensieren, die bei den Aufführungstantiemen und Leihmaterialgebühren im Konzert- und Opernbereich anfallen. Diese Verluste belaufen sich inzwischen auf rund siebzig Prozent gegenüber dem Vorjahr. Alle sind aber auch grimmig entschlossen, das Trümmerfeld wieder aufzuräumen – die Zeit nach Corona wird kommen, so oder so.

Keiner weiß, wie es weitergeht

Zu den messbaren Buchverlusten kommt eine tiefgreifende Störung der eingespielten Produktionsabläufe. Größere Editionsprojekte werden vorübergehend auf Eis gelegt, eingeplante Auftragswerke an Komponisten müssen auf unbestimmte Zeit verschoben, Werke mit Chor gleich ganz gestrichen werden. Riskante Projekte, die bisher durch Mischkalkulationen finanziert wurden, werden zurückgestellt, die laufenden Kosten sollen möglichst minimiert werden. „Die Sicherung der Liquidität hat Vorrang, denn wie lange wir mit den direkten und dann auch mit den langfristigen Auswirkungen zu rechnen haben, lässt sich jetzt noch nicht sagen“, betont Scheuch.

Anzeige

Wie fragil die Strukturen des Klassikbetriebs sind, zeigt sich nun in der Corona-Krise mit brutaler Deutlichkeit. Auch international sind die Märkte eingebrochen; Messen, Kongresse und Ausstellungen wurden weltweit abgesagt, Reisen und Transport von Notenmaterial fielen den gestrichenen Flugverbindungen zum Opfer. Der Zugang zu China, für manche der wichtigste Absatzmarkt, war in diesem Jahr weitgehend versperrt. Auch in den Vereinigten Staaten, dem anderen großen Markt, fielen sämtliche Messen aus, die Orchester und Opernhäuser sind von einem radikalen Shutdown betroffen.

2021 wird schlimmer als sein Vorgänger

Während die Miete von Leihmaterial und die Bühnenrechte laufend abgerechnet werden, schlagen die nur einmal pro Jahr ausgeschütteten Beträge der Gema für Konzert- und Sendetantiemen zeitverzögert zu Buche. Das bedeutet, dass im Katastrophenjahr 2020 noch die Gelder von 2019 geflossen sind und für viele Verlage erst das Jahr 2021 zum großen Krisenjahr wird. Das gilt etwa für die auf zeitgenössische Musik spezialisierte Edition Juliane Klein in Berlin. Die Einnahmen dieses Kleinverlags bestehen zum größeren Teil aus solchen Zahlungen, weshalb man sich schon jetzt auf ein mageres 2021 einstellt.

Ein Vorteil sind die schlanken Strukturen: Die einzige Vollzeitstelle ist die des Geschäftsführers und Mitinhabers Mathias Lehmann, eine halbe kommt noch dazu, der Rest ist Outsourcing. Er sei an Selbstausbeutung gewöhnt, bemerkt Lehmann mit Galgenhumor, damit werde der Verlag wohl auch das kommende Jahr überstehen. In der Erwartung, dass mit einer nachhaltigen Erholung wohl erst 2023 gerechnet werden kann, trifft er sich mit den Großen der Branche. Zumindest in diesem Punkt hobelt das Virus alle gleich.

Quelle: F.A.Z.
Verlagsangebot
Geschäftsführer (m/w/d) Berufliche Bildung der Handwerkskammer Region Stuttgart
Handwerkskammer Region Stuttgart
Zum Stellenmarkt
Volljurist (m/w/d)
Stadt Bad Kissingen
Zum Stellenmarkt
Leitung Presse und Redaktion (w/m/d)
ZEW - Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH
Zum Stellenmarkt
Abteilungsleiter/in (m/w/d) Amt für Umwelt und Stadtgrün
Bundesstadt Bonn
Zum Stellenmarkt
Verlagsangebot
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Jetzt in Pflegeimmobilien investieren
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zur Immobilienbewertung
Lernen Sie Französisch.
Jetzt gratis testen
Verbessern Sie Ihr Englisch.
Jetzt gratis testen
Lernen Sie Spanisch.
Jetzt gratis testen
Anzeige