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Wiener Philharmoniker

Schluss mit dem Radetzkymarsch

EIN KOMMENTAR Von Jan Brachmann
 - 11:07
Radetzkymarsch, letztmals in der alten Version: Der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber (l), seine Frau Andrea und der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und seine Freundin Susanne Thier (2.v.r) besuchen das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2019.

In seinem unübertrefflichen Roman „Die Karlsbader Reise der leibhaftigen Bosheit“ lässt der Däne Gustav Wied anno 1902 seine beiden Protagonisten, den Zollvorsteher Knagsted, seiner Haarigkeit wegen „Esau“ genannt, und den Oberlehrer Clausen, genannt „Oberclausen“, von der Dachterrasse eines Hotels in Berlin eine Parade mit Kaiser Wilhelm II. Unter den Linden beobachten. „Du, gemütlich sah der aber nicht aus“, sagt Oberclausen enttäuscht. Und Knagstedt, „die leibhaftige Bosheit“, entgegnet: „Ach, weißt du, die Zeit der gemütlichen Monarchen ist vorbei. Dafür ist heute mehr Hallo.“

Als die Zeit nicht nur der gemütlichen, sondern der Monarchen überhaupt vorbei war und ein ziemlich ungemütlicher Österreicher die Macht in Berlin übernommen hatte, wobei er sie noch weniger zu teilen trachtete als selbst die ungemütlichsten Monarchen vor ihm, da arrangierte der aus Österreich stammende, seit dem 1. Februar 1932 bereits der NSDAP angehörige Leopold Weninger den 1848 komponierten „Radetzkymarsch“ von Johann Strauß (Vater) neu, fügte eine zackige Einstimmung der kleinen Trommel hinzu, verdickte – ganz nach der Devise „Weninger ist mehr“ – die Instrumentierung, beseitigte einige Verzierungen – als wäre das Ornament ein Verbrechen – und griff in die Melodie des Mittelteils ein.

Nun ward das gemütliche Stück so schmissig, dass die Massen mitklatschen mussten, ob sie wollten oder nicht. Bis heute wurde der Marsch in dieser Version immer am Ende des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker gespielt. Doch jetzt ergriff das Orchester die Initiative und brachte sich neu ins Gespräch, bevor es ins Gerede kommen konnte. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ teilte der Orchestervorstand mit, dass man am Neujahrstag 2020, wenn Andris Nelsons dirigieren würde, nicht mehr die Weninger-Fassung spielen werde, sondern eine neue, „die als Gemeinschaftsarbeit der Wiener Philharmoniker entstanden und vor allem unbelastet von einer braunen Vergangenheit“ sei.

Warum man allerdings nicht zur Originalfassung von Johann Strauß zurückkehrt, die doch 1999 von Norbert Rubey wiederentdeckt und 2001 von Nikolaus Harnoncourt beim Neujahrskonzert auch aufgeführt worden ist, ohne dass es zu einer Änderung der Praxis gekommen wäre, das bleibt nach wie vor unverständlich. Zur Zeit der gemütlichen Monarchen will man auch in Wien nicht zurück, nicht einmal musikalisch; dafür hat man sich doch zu sehr gewöhnt an recht viel Hallo.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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