Adenauers Botschafter in Paris

Fremd als Konsul unter Diplomaten

Von Konstanze Crüwell
22.11.2020
, 23:26
Hommes de lettres in Tuchfühlung mit den Mächtigen: Wilhelm Hausenstein (links) wurde 1950 von Konrad Adenauer (Mitte) zum deutschen Generalkonsul in Frankreich bestellt. Hier sind sie im April 1951 zu sehen.
Ein Journalist widmet sich der französisch-deutschen Aussöhnung: Das vielseitige Leben des Schriftstellers und Botschafters Wilhelm Hausenstein.

Die neue und späte Karriere von Wilhelm Hausenstein (1882 bis 1957) begann im März 1950 mit dem überraschenden Anruf eines ihm damals unbekannten Herrn Globke aus dem Bundeskanzleramt, der ihn bat, zu einem Gespräch mit Konrad Adenauer nach Bonn zu kommen. Warum der Bundeskanzler mit ihm sprechen wollte, konnte sich Hausenstein nicht erklären: Als Historiker und Kunsthistoriker, Autor zahlreicher Bücher und in den Jahren 1934 bis 1943 als Leiter des Literaturblatts der „Frankfurter Zeitung“ lagen ihm politische Themen ziemlich fern. Das Treffen fand dann Anfang April woanders statt: im Münchner Hotel „Bayerischer Hof“. Und Hausenstein erlebte den Kanzler, ganz anders als erwartet, schon beim ersten Eindruck als verbindlich und durchaus gewinnend. Zu seinem größten Erstaunen vernahm er, äußerlich zwar ruhig, gleichwohl „ganz perplex“, wie er in seinen „Pariser Erinnerungen“ schrieb, dass Adenauer ihn ohne jede weitere Einleitung ersuchte, die Bundesrepublik Deutschland schon bald als Generalkonsul und später als Botschafter in Paris zu vertreten. Beraten hatten ihn bei der Frage, wie dieser wichtige Posten zu besetzen wäre, seine bei einer Unterorganisation der Unesco tätige Rhöndorfer Nachbarin Maria Schlüter-Hermkes, vor allem aber Bundespräsident Theodor Heuss.

Als Politiker im beruflichen Sinn verstehe er sich eigentlich nicht, wandte Hausenstein zunächst ein. Von 1907 bis 1919 sei er Mitglied der SPD gewesen, habe sie aber enttäuscht verlassen, weil sie ihm „in einem unmöglichen Kompromiss mit der Rechten zu stehen schien“. Darauf ging der CDU-Vorsitzende Adenauer jedoch nicht ein, sondern äußerte vielmehr, als leitendes Mitglied der Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ habe Hausenstein von 1934 bis 1943 doch neun Jahre lang „in einem lehrreichen politischen Klima“ zugebracht. Und seine politische Grundhaltung sei schließlich seit jeher auf die deutsch-französische Versöhnung gerichtet – die auch er anstrebe, wie Adenauer betonte. In Frankreich, wo die Literatur eine große öffentliche, auch politisch bedeutende Rolle spiele, sei Hausenstein, der als deutscher Autor zur französischen Kultur ein so enges und literarisch sichtbares Verhältnis habe, als homme de lettres der richtige Mann am richtigen Ort. Der willigte schließlich ein.

Heuss nannte Baumeister einen Esel

Die Ernennung von Hausenstein fand ein sehr positives Echo in der Presse beider Länder. Auch sein erster Berater in Paris, der Diplomat Albrecht von Kessel, hatte seinen Kollegen vorausgesagt: „Ihr werdet sehen, dass es in Paris gutgeht.“ Den liebenswürdigsten Kommentar zu Hausensteins neuem Amt sandte ihm die deutsch-französische Dichterin Annette Kolb aus Paris: : „Enfin un geste, enfin un acte de compréhension“, und „on n’aurait pas mieux choisir“. Auch Hausensteins erster Höflichkeitsbesuch bei André François Poncet, dem Hohen Kommissar Frankreichs in der Bundesrepublik in dessen Amtssitz, dem Hotel Dreesen in Godesberg, entwickelte sich zu einem langen und lohnenden Gedankenaustausch. Auf den Protest des abstrakten Stuttgarter Malers Willi Baumeister, die Ernennung von Hausenstein, der ein falsches Verständnis der zeitgenössischen Kunst habe, sei ein Fehler, antwortete Theodor Heuss denkbar knapp: Baumeister sei ein Esel.

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Bei seinen Antrittsbesuchen im Bonner Auswärtigen Amt konstatierte Hausenstein allerdings eine gewisse Zurückhaltung oder Fremdheit ihm gegenüber. Seinen Gesprächspartnern fehlte es naturgemäß nicht an formaler Höflichkeit; das galt für Staatsrat Wilhelm Haas, den Personalchef der „Dienststelle für Auswärtige Angelegenheiten“ und späteren Botschafter in Ankara, und viele weitere Berufsdiplomaten: „Überall war man von kühl-konventioneller Artigkeit, die schon an Abweisung grenzte“, schreibt Hausenstein in seinen Erinnerungen. Vor diesen Figuren mit der Aszendenz „Wilhemstraße“ habe er wie „angesichts einer grauen Mauer ohne Fenster ohne Tür gestanden“ und den Satz gehört, der über ihn kolportiert wurde: „Er ist eine andere Welt.“

Der Anfang einer Freundschaft

In die Welt trat diese „andere Welt“ in der Schwarzwaldgemeinde Hornberg, wo Wilhelm Hausenstein geboren wurde. Sein Vater Wilhelm war großherzoglich-badischer Steuerkommissar, die Mutter Klara war die Tochter von Gustav Gottlob Baumann, einem radikalen Achtundvierzigiger mit Vollbart und großen Garibaldi-Verehrer, der den Gasthof „Bärenwirt“ betrieb. Langweilig kann es in Hornberg damals nicht gewesen sein, denn eine weitere Tochter des Bärenwirts war mit Frederick Robert Vere Douglas-Hamilton verheiratet, der aus dem schottischen Hochadel stammte, als Ingenieur beim Bau der Schwarzwaldbahn mitgearbeitet hatte und danach hier hängen geblieben war. Dort wurde der Name des so spleenigen wie liebenswerten Lords zu „Himmel-Anton“ vereinfacht. Ihn sollte Hausenstein mit seiner raren Gabe des Sehens und Verstehens in dem lesenswerten kleinen Buch „Onkel Vere, der Douglas oder Die Geschichte eines Spleens“ anschaulich porträtieren – mitsamt dessen „künstlichen Fliegen“ und den winzigen Federchen unklaren Zwecks.

Nach dem frühen Tod des Vaters lässt sich die Mutter mit dem Sohn in Karlsruhe nieder. Das Studium beginnt er 1900 an der Universität Tübingen, geht nach Heidelberg zu Vorlesungen des Kunsthistorikers Henry Thode und wechselt 1903 in München zur Nationalökonomie bei Lujo Brentano und Friedrich Naumann sowie Geschichte bei Karl Theodor von Heigel. Dort lernt er seinen Kommilitonen Theodor Heuss kennen, eine lebenslange Freundschaft nimmt ihren Anfang.

Was bin ich?

Nach der Promotion vermittelt ihm sein hilfreicher Doktorvater Heigel 1905 für sechs Monate eine Stelle als Vorleser in Paris: bei der ehemaligen Königin Marie-Sophie von Neapel und Sizilien, einer Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Noch lieber aber beschäftigt sich Hausenstein mit Politik. Sein Bekenntnis zum Sozialismus und die Mitgliedschaft in der SPD haben leider die in wilhelminischen Zeiten die unvermeidliche Folge, dass er nicht zur Habilitation zugelassen wird und seine erste Anstellung bei der Historischen Kommission verliert.

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„Was mich betrifft“, schreibt er 1908 an Heuss, „so suche ich noch immer, herauszubringen, was ich bin. Die Leute sagen, Historiker und das ist auch richtig. Aber damit mache ich kein Geld. Was wollen die Zeitungsleser von Geschichte wissen? Sie haben auch recht, denn die Geschichte ist just das, was die Gegenwart am wenigsten angeht. Uns war’s eh gnua! Bleibt ,Kunst und Literatur‘. Ich glaube, man kann wirklich viel machen durch Selbsterziehung, durch Sehen und Vergleichen. Ich habe mir vorgenommen, möglichst wenig kunstgeschichtliche Bücher zu lesen. Das ist die Probe, ob ich selbständig zu etwas komme. Aber auch hier liegt mir am besten, was geschichtlich abgeschlossen ist und nach seinen Causalnexüssen durchwühlt werden kann, also nicht das rein Ästhetische, sondern das Entwicklungsgeschichtliche. Ich versuche, die Kunst stärker auszubauen. Am Ende langt’s hier zu einem Spezialarbeiten, das etwas Neues herausfördert.“

Mehr als neunzig Bücher

Hausenstein bekennt sich damit zu einer Verbindung der beiden Gattungen Kunst und Literatur als „literarischer Kunstschriftsteller“, um ein unterschiedlich gebildetes und interessiertes Publikum anzusprechen. In diesem Sinne war sein Buch über den Bauern-Bruegel, das er 1910 veröffentlichte, ein erfolgreiches Debüt, weil es bewusst auch die Sicht des Autors auf die soziale, wirtschaftliche und politische Lage jener fernen Zeit enthält. Es folgten Bücher und Monographien über den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald und große italienische Maler wie Fra Angelico, Giotto oder Carpaccio. Mitte der zwanziger Jahre erschienen dann zwei seiner Hauptwerke: „Rembrandt“ und die „Kunstgeschichte“.

Aufgrund dieser Bucherfolge wurde Hausenstein 1929 bei den konservativen „Münchner Neuesten Nachrichten“ als Kunstschriftleiter angestellt, 1933 aber wieder gekündigt. Von Mai 1934 an wirkte er bei der „Frankfurter Zeitung“ als Leiter des Literaturblattes und der vor allem für Leserinnen gedachten Samstagsbeilage, die er auch als Forum für seine Kunsttexte nutzt. Talent zur Freundschaft besaß er in reichem Maße, und so wurden seine Redaktionskollegen Benno Reifenberg und Dolf Sternberger zu engen Vertrauten. Lebenslange Freundschaften verbanden ihn zudem mit Julius Meier-Graefe, Wilhelm Emmanuel Süskind, Alfred Kubin oder dem Schweizer Arzt Max Picard. Der entdeckte in der Academia Venedig auf Carpaccios Gemälde „Abschied der englischen Gesandten“ von 1490 im Hintergrund einen „Scrittore“, einen stillen Schreiber, und erkannte in ihm den Vorgänger des unablässigen Scrittore Wilhelm Hausenstein, der mehr als neunzig Bücher und rund 460 Aufsätze in seinem Leben verfassen sollte, dazu noch wunderbare Übersetzungen der Gedichte des von ihm hochverehrten Baudelaire.

Rilke war Trauzeuge

1919 hatte Hausenstein in zweiter Ehe die verwitwete jüdische Belgierin Margot Lippert geheiratet, mit der er dann einige Jahre lang in Paris lebte; 1922 kam dort die gemeinsame Tochter Renée-Marie zur Welt, die ihren Namen nach dem Trauzeugen ihrer Eltern, Rainer Maria Rilke, erhielt. Aufgrund dieser „nicht arischen“ Ehe wurde Hausenstein im November 1936 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen; Zeitungsredakteur konnte er bleiben, aber der Verkauf von Büchern war ihm nun verboten. Und sein Hauptwerk, die „Kunstgeschichte“, wurde auf Befehl des Propagandaministeriums durch die Gestapo eingestampft, weil Hausenstein sich geweigert hatte, die Namen jüdischer Künstler daraus zu entfernen und den Text nach den damaligen NS-Maßstäben zu bearbeiten. Margot Hausenstein, die mit ihrem Mann damals in Tutzing lebte, war immer wieder von Deportation bedroht und musste sich mehrmals verstecken. Am 30. April 1943 erhielt Hausenstein wegen seiner Ehe mit einer Jüdin von der Reichspressekammer absolutes Berufsverbot und wurde gemeinsam mit seinen Freunden Reifenberg und Sternberg bei der „Frankfurter Zeitung“ entlassen. Den Rest des Krieges überlebte er ohne festes Einkommen und arbeitete an der Endfassung von „Lux Perpetua“, seinen Jugenderinnerungen, die er 1947 unter dem selbstgewählten Pseudonym Johann Armbruster veröffentlichen sollte.

Angesichts seiner eigenen Erfahrungen reagierte Hausenstein empfindlich auf einen Vorwurf, den Thomas Mann am 8.Mai 1945 über den Radiosender BBC erhoben und in einem offenen Brief vom 9. Oktober 1945 wiederholt hatte: dass von 1933 bis 1945 in Deutschland erschienenen Büchern stets ein Geruch von Blut und Schande anhafte. Hausenstein sandte Mann am 24. Dezember 1945 einen langen Brief, dem er eine Liste mit etwa hundertfünfzig in der NS-Zeit erschienenen Büchern beifügte, auf die dieses Urteil nicht zutraf. Seinen ersten eigenen öffentlichen Auftritt nach Kriegsende hatte er 1946 in der Galerie Günther Franke: Der ausgestellte Max Beckmann notierte in seinem Tagebuch: „Dolle Sache da in München. 81 Bilder im Stuckpalais mit 400 Personen... und einer Eröffnungsrede von Hausenstein. Verrückt traumhaft.“

Das Tempo bestimmten die Franzosen

Zurück zum Anfang: Am 4. Juli 1950 erfolgte Hausensteins offizielle Ernennung zum Generalkonsul in Paris. Es gelang ihm in diesem Amt und von 1953 an als deutscher Botschafter, die in Frankreich noch spürbaren Vorbehalte gegenüber der jungen Bundesrepublik abzubauen. Vielfache Unterstützung in seiner „ambassade camouflée“ fand er bei alten und neuen Freunden wie Joseph Breitbach, Alfred Grosser, Robert d’Harcourt, Annette Kolb, Paulus Lenz-Médoc, Roland de Margerie und Jean Schlumberger, die wichtige Türen für ihn öffneten.

„Das Eis fing an, zu springen, aufzutauen“, schreibt Hausenstein in seinen „Pariser Erinnerungen“. „Aber man musste diesem Prozeß seine Zeit lassen. Man durfte ihn von unserer Seite nicht etwa forcieren, denn es konnte nur Sache der Franzosen sein, das Tempo dieses überall und immer heiklen, physikalischen Vorgangs zu bestimmen.“ Bei seiner diplomatischen Mission habe er die Intuition des Sensiblen und die vollendete Sprache des Schriftstellers stets als bedeutende Faktoren seiner Arbeit angesehen, schrieb sein engster Mitarbeiter Paul Frank über Hausenstein. Als Generalkonsul kümmerte er sich vor allem um die kulturellen Belange; die politischen, wirtschaftlichen und konsularischen Aufgaben überließ er seinen Untergebenen. Sein erster Erfolg in Paris war die große Ausstellung von Gemälden alter Meister aus Berliner Museumsbesitz, die er Anfang 1951 mit Außenminister Robert Schuman im Petit Palais eröffnete. Sie wurde ein sensationeller Erfolg und in Frankreich als „Ausstellung des Jahres“ bezeichnet. Daneben trugen auch die Gastspiele großer deutscher Bühnen und Orchester zu einem neuen französischen Verständnis für die Bundesrepublik Deutschland bei. So bekam Walter Erich Schäfer, der damalige Generalintendant der Württembergischen Staatstheater, nach einer „Tristan“-Aufführung der Stuttgarter Oper in Paris ein Telegramm von Hausenstein: „Ihr Gastspiel war mein größter politischer Erfolg.“

Das Ende von Wilhelm Hausensteins Zeit als deutscher Botschafter war dann aber trotz zahlreicher Würdigungen von französischer Seite enttäuschend für ihn. Bundeskanzler Adenauer hatte ihm mitgeteilt, dass es bei der diplomatischen Vertretung in Paris am 1. Februar 1955 eine Veränderung geben werde, weil dann bald die wenige Monate zuvor unterzeichneten Pariser Verträge, die Deutschland seine staatliche Souveränität wiedergaben, in Kraft getreten sein würden. Doch Hausenstein hoffte, für eine kurze Zeit noch als „Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter“ bei der französischen Regierung akkreditiert zu werden. Die Hoffnung trog. Seinen Abschied aus dem geliebten Frankreich überlebte Hausenstein dann nur um zwei Jahre. Doch bis zuletzt glaubte er, mit der für ihn so bitteren Entscheidung hätte Adenauer nichts zu tun gehabt.

Quelle: F.A.Z.
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